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Politik

AOK-Institut: Arztdichte ist in Deutschland angestiegen

Mittwoch, 15. Juli 2015

dpa

Berlin – Die Arztdichte ist im vergangenen Jahr in Deutschland erneut gestiegen. Das geht aus dem Ärzteatlas 2015 des Wissenschaftlichen Institutes der Ortskrankenkassen (WIdO) hervor, der heute veröffentlicht wurde. Demnach ist die Anzahl berufstätiger Ärzte je 100.000 Einwohner von 442 im Jahr 2013 auf 451 im vergangenen Jahr angestiegen. 1991 lag sie bei 304. Im vertragsärztlichen Bereich werde das auf der Bedarfsplanung beruhende Plansoll dabei um fast ein Drittel übertroffen, erklären die Autoren des Ärzteatlas´. 

„Die Bedarfsplanung und die Verhältniszahlen waren nie dazu gedacht, eine Aussage dazu zu treffen, ob es zu viele Ärzte gibt“, betont der Pressesprecher der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung, Roland Stahl, auf Anfrage. „Die Kassen vor Ort entschei­den gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen, ob weitere Arztsitze benötigt werden. Offenbar haben die Kassen vor Ort eine bessere Sicht auf das Versorgungs­gesehen als ein Spitzenverband.“

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Der Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), Dominik von Stillfried, verweist darauf, dass die Informationsbasis der Bedarfsplanung veraltet sei. „Auf dieser Grundlage kann keine wissenschaftlich haltbare Aussage getroffen werden. Der Gesetzgeber dringt selbst darauf, diese Zahlen zu überarbeiten”, sagte Stillfried.

Große regionale Unterschiede
Das WIdO hat die Arztdichte auf Ebene der Facharztgruppen anhand der regionalen Planungsblätter der Kassenärztlichen Vereinigungen analysiert. Im hausärztlichen Bereich ergibt sich demnach bundesweit ein Versorgungsgrad von 110 Prozent. Regional sind die Unterschiede dabei groß. Berlin hat einen Versorgungsgrad von 120 Prozent, Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern von je 118 Prozent und Bremen von 110 Prozent. In elf der insgesamt 905 Planungsbereiche liegt der Versorgungsgrad hingegen unter 75 Prozent. Drei dieser Bereiche liegen in Bayern sowie je zwei in Westfalen-Lippe und Sachsen-Anhalt.

Die Extremfälle: Im Bereich Ansbach Nord gibt es mit einem Versorgungsgrad von 57 Prozent eine deutliche Unterversorgung, während in Westerland auf Sylt ein Versor­gungsgrad von 189 Prozent gemessen wurde. In 73 Planungsbereichen gibt es eine Versorgung von 75 bis 90 Prozent, in 156 einen Versorgungsgrad von 90 bis 100 Prozent.

Ein Drittel der Hausärzte ist über 60 Jahre alt
Das WIdO weist darauf hin, dass dem Bundesarztregister zufolge 32 Prozent der Hausärzte über 60 Jahre alt sind, das sind 17.276 Ärztinnen und Ärzte. 38 Prozent, also 20.761 Ärztinnen und Ärzte, seien zwischen 50 und 60 Jahren. Besonders alt seien die Hausärzte in Rheinland-Pfalz (36,2 Prozent über 60 Jahre), Baden-Württemberg (35,1 Prozent) und Bayern (33,6 Prozent).

Auch in der fachärztlichen Versorgung konstatiert das WIdO eine „ausgeprägte Überversorgung“. So betrage der Versorgungsgrad beispielsweise bei niedergelassenen Chirurgen bundesweit 172 Prozent. In Bremen und Hamburg liegt er deutlich darunter (125 und 140, Prozent), in Mecklenburg-Vorpommern (244 Prozent) und Brandenburg (200 Prozent) deutlich darüber. © bee/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 20. Juli 2015, 23:44

Äpfel und Birnen

Die Zahl der Arztsitze sagt lediglich etwas aus über die Zahl der registrierten niedergelassenen Ärzte, dagegen nichts über Über- oder Unterversorgung. Dazu müßte man berücksichtigen, wie aktiv die Praxen sind wie bereits der vorherige Beitrag hier dargelegt hat. Für einen guten Statistiker wäre es eine leichte Fingerübung anhand der Verteilung der Scheine pro Quartal für jede Arztgruppe die durchschnittliche Scheinzahl einer "Vollversorgerpraxis" zu berechnen. Auf diesen Wert normiert könnte man wesentlich besser abschätzen, ob eine Region über- oder unterversorgt ist.

Angesichts der Milliarden, die hier bewegt werden, ist es erstaunlich, wie schlampig hier mit dem Zahlenmaterial umgegangen wird und mit welcher Unverfrorenheit Äpfel mit Birnen verglichen werden. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, es geht hier nicht um eine saubere Statistik, sondern es geht um die krampfhafte Suche nach Argumenten, den niedergelassenen Sektor auszudünnen, um mittels einer statistischen Rationierung die Kosten zu deckeln.

Eine seriöse Versorgungsforschung sollte z.B. all diese einfachen Fragen stellen: Wie hoch ist der Mehrbedarf durch die Überalterung der Bevölkerung? Wie hoch ist der Mehrbedarf durch neue Therapiemöglichkeiten? Wie hoch ist der Mehrbedarf durch Verlagerung aus dem stationären Sektor ("blutige Entlassung")? Wie hoch ist der Mehrbedarf durch Bürokratie und Dokumentationspflichten? Wie leistungsfähig sind die bestehenden Strukturen? Wie kann der Patient motiviert werden, sparsam mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen?
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 16. Juli 2015, 13:25

KBV und WIdO - das gemeinsame Märchen von der Überversorgung!

Es ist wie im Internet mit den Ärzte-Portalen: Da werden Kolleginnen und Kollegen mit Sprechzeiten aufgeführt, die schon vor über 10 Jahren verstorben sind (zwei Beispiele in meiner unmittelbaren Umgebung). Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) zählt alle Vertragsärzte zu 100 Prozent, egal ob die Praxis-Inhaber krank, nur eingeschränkt arbeitsfähig, auf Fortbildung, im Jahresurlaub, in der "inneren Emigration" oder nur z. B. an "Brückentagen" im verlängerten Wochenende sind.

Der vom WIdO behauptete Gesamtversorgungsgrad bei den Hausärzten von 110,4 Prozent schmilzt auf einen Schlag auf eine U n t e r v e r s o r g u n g von 75,4 Prozent, wenn die o. g. Versorgungsausfälle auf realistische 35 Prozent geschätzt werden.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und ihre Bundesvereinigung KBV haben bis heute noch gar nicht realisiert, dass ihnen gegen das Märchen von der Überversorgung die Argumente ausgehen. Wenn der KBV-Vorstand, Kollegin Regina Feldmann, in einer Stellungnahme behauptet, "dass Praxen in sogenannten überversorgten Gebieten wie beispielsweise in Städten auch Patienten aus dem ländlichen Umland mit versorgen", ist das nur die Vorderseite der Medaille. Quelle:
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/bedarfsplanung/article/890677/wido-aerzteatlas-viele-aerzte-deutschland.html

Rückseite der Medaille ist: KVen und KBV erfassen bei den Vertragsärzten bisher überhaupt nicht die Hobby-, Feierabend- und Teilzeit-Praxen in Regionen, wo GKV-"Kassen"-Patienten allenfalls Alibi-Funktionen im GKV-Sicherstellungsauftrag besitzen. Das sind überwiegend Fach- und seltener Hausarzt-Praxen, wo die Schwerpunkte bei Privatpatienten, Selbstzahlern- und IGeL-Leistungen liegen, garniert von einer Minderheit von GKV-Patienten, um die Kassenzulassung nicht zu verlieren.

Konkretes Beispiel: "Die KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung Thüringen reagiert auf Kritik an Sprechstundenzeiten. Niedergelassene Kassenärzte in Thüringen müssen in Zukunft mindestens eine Stunde täglich unter der Woche die Praxis öffnen. Dies hat die Ver­tre­ter­ver­samm­lung bei ihrer Septembersitzung einstimmig beschlossen. Die neue Sprechstunden-Richtlinie sieht außerdem vor, dass einmal pro Woche auch am Nachmittag für mindestens drei Stunden die Praxis geöffnet wird. Die bisherige Richtlinie, die noch unverändert aus dem Jahr 1995 stammte, wurde damit an den Bundesmantelvertrag angepasst." Quelle:
http://www.springermedizin.de/praxis-muss-mindestens-eine-stunde-geoeffnet-sein/4701056.html

Wer auf Seiten der KVen und der KBV glaubt, als Vertragsarzt mit nur e i n e r einzigen Stunde Sprechstundenzeit täglich wäre irgendwie ein Versorgungs- und Sicherstellungsauftrag zu erfüllen, ist m. E. schief gewickelt. Das desaströse Facharzt-Terminmanagement, überquellende Wartezimmer, extreme Wartezeiten, Versorgungsungleichheiten in Stadt und Land haben den Gesetzgeber auf den Plan gerufen, weil die eigentlichen Ursachen zwar bekannt sind, aber nie geändert wurden. Und die Vollversorger-Praxen mit 35 Sprechstunden pro Woche und mehr, wie in meiner Praxis, werden an den Rand der Erschöpfung gedrängt?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. im wohlverdienten Sommerurlaub)
LNS

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