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Medizin

HIV: Teenager seit fast 12 Jahren ohne Medikamente in Remission

Dienstag, 21. Juli 2015

Hi-Viren /Wikipedia

Paris – Eine heute 18 Jahre alte Frau aus Frankreich, die sich perinatal mit dem HI-Virus infizierte, im Alter von 6 Jahren aber die antiretrovirale Therapie abbrach, ist fast 12 Jahre später ohne Behandlung in Remission, ohne allerdings geheilt zu sein, wie ein Forscher des Institut Pasteur dem Publikum der achten IAS Conference on HIV Pathogenesis, Treatment and Prevention in Vancouver erklärte.

Das Mädchen, das 1996 geboren wurde, hatte sich gegen Ende der Schwangerschaft oder während der Geburt bei ihrer Mutter  infiziert, die offenbar keine antiretroviralen Medikamente eingenommen hatte. Asier Sáez-Cirión vom Institut Pasteur in Paris berichtet, das Kind sei einer „unkontrollierten Viruslast“ von Seiten der Mutter ausgesetzt gewesen.

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Das Neugeborene erhielt dann über sechs Wochen eine Zidovudin-basierte Prophylaxe. Im Alter von drei und 14 Tagen waren keine Virusgene im Blut nachweisbar. Im Alter von vier Wochen wurde dann erstmals HIV-DNA detektiert. Die Viruslast stieg bis zum Alter von drei Monaten auf 2,1 Millionen Kopien/Milliliter an. Die Ärzte leiteten daraufhin eine Kombinationstherapie mit Zidovudin, Lamivudin, Didanosin und Ritonavir ein. Einen Monat später war keine HIV-RNA mehr nachweisbar. In zwei weiteren Tests im Alter von 15 und 21 Monaten wurde jedoch erneut HIV-RNA nachgewiesen.

Die Behandlung wurde laut Sáez-Cirión fortgesetzt, bis das Kind 5,8 Jahre alt war. Danach verloren die Ärzte vorübergehend den Kontakt zu der Familie, die später angab, das Medikament abgesetzt zu haben. Ein Jahr später, das Mädchen war jetzt 6,8 Jahre alt, konnten sie das Mädchen erneut untersuchen. Die Viruslast lag zu diesem Zeitpunkt unter der Nachweisgrenze von 50 Kopien/Milliliter Blut. Die Ärzte beschlossen damals, die Therapie nicht wieder aufzunehmen.

Zwölf Jahre später, die Patientin ist inzwischen 18,3 Jahre alt, ist die Viruslast noch immer unter der Nachweisgrenze. Nur bei einer einzigen Untersuchung wurde eine Viruslast von 515 Kopien/Milliliter gefunden. Die Patientin ist seit fast 12 Jahren ohne Therapie. Ihre Viruslast befindet sich unter der Nachweisgrenze von jetzt 4 Kopien/Milliliter. In Leukozyten (PBMC) wurden jedoch HI-Viren nachgewiesen (log 2,2 Kopien/Millionen PBMC). In CD4-Zellen waren nach Aktivierung mit Phytohaemagglutinin (PHA) geringe Mengen an HIV-RNA und p24 nachweisbar.

Die CD4-Werte sind nach wie vor im Normbereich, so dass die Patientin eine normale Immunkompetenz hat. Laut Sáez-Cirión gehört das Mädchen nicht zu den Personen der „Elite Controller“, die aus genetischen Gründen in der Lage sind, eine HIV-Infektion über längere Zeit zu kontrollieren, ohne dass es zu einer Immunschwäche kommt.

Sáez-Cirión hat die Patientin in die sogenannte VISCONTI-Kohorte der L'Agence nationale de recherches sur le sida et les hépatites virales (ANRS) aufgenommen. Sie umfasst mittlerweile 20 sogenannte „Post-Treatment Controller“. Vierzehn dieser Patienten waren laut einer früheren Publikation in PLoS Pathogens (2013; 9: e1003211) an einer ungewöhnlich heftigen HIV-Infektion mit hohen Viruslasten erkrankt. Unter einer antiretroviralen Therapie von median 36,5 Monaten hatten sich die Werte so weit normalisiert, dass Auslassversuche unternommen wurden, die nach median 89 Monaten nicht zu einem Aufflammen der Infektion mit hohen Viruslasten geführt haben.

Die Ursachen für die langen Remissionszeiten sind unklar. Im Raum stand bisher die Vermutung, dass die Patienten während der primären Virämie-Phase gleich nach der Infektion diagnostiziert wurden und sich deshalb noch in der Latenzphase der HIV-Infektion befinden. Dies lässt sich allerdings für die jetzt aufgenommene Patientin ausschließen.

Wie die junge Frau sind auch alle Patienten der VISCONTI-Kohorte weiterhin mit dem HIV-Virus infiziert. Es kann deshalb allenfalls von einer „funktionellen Heilung“ die Rede sein. Zu dieser Gruppe von Patienten gehört auch das „Mississippi Baby“, das im Jahr 2010 nach einer perinatalen HIV-Infektion über maximal 18 Monate mit antiretroviralen Medikamenten behandelt wurde. Nach einer etwas mehr als zweijährigen Remission kam es dann mit Alter von fast 4 Jahren doch zu einer Progression der HIV-Infektion. Auch Sáez-Cirión geht weiter davon aus, dass eine HIV-Infektion mit Medikamenten allein nicht geheilt werden kann. © rme/aerzteblatt.de

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gennadij
am Mittwoch, 22. Juli 2015, 14:29

Herr

Sehr geehrter Dr.med. Thomas Schätzler, nehmen sie auch diese Nachricht zu persönlich, sondern auf zu weitere fortbildende Arbeit als wissenschaftlicher Forscher.
Denn in dem aktuellen Nachricht über HIV-Behandlung verstehe ich eine Herausforderung für die vom Gott bestimmten Wissenschaftlern.
Dr.med. Schätzler, Thomas, bitte, das ist keine Verspottung. Ich bin auch heute aufrichtig.
Mit freundlichen Grüßen
G. Eistrach
LNS

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