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Mutterschafts­vorsorge: Ärzte widersprechen Bertels­mann-Studie

Montag, 27. Juli 2015

dpa

Berlin/Gütersloh – Scharfe Kritik an einer neuen Bertelsmann-Studie zur Schwangeren­vorsorge üben der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Laut der Studie erhält fast jede schwangere Frau in Deutschland mehr Untersuchungen als von den Mutterschafts-Richtlinien vor­gesehen. Die Autorinnen der Bertelsmann-Umfrage beklagen ein „Überangebot an Untersuchungen“, das Frauen verunsichern und die Kaiserschnittrate erhöhen könne.

Für die Studie wurden 1.293 in der Barmer GEK versicherte Frauen befragt, die zwischen November 2013 und Oktober 2014 ein Kind geboren hatten. Die Angaben zu den Untersuchungen verglichen die Studienautorinnen mit den Mutterschaftsrichtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses.

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Der Befragung zufolge nutzten 99 Prozent der Frauen Präventionsmaßnahmen, die über die Mutterschaftsrichtlinien hinausgehen. Zu den von fast allen Frauen in Anspruch genommenen zusätzlichen Leistungen zählte etwa ein CTG, bei dem Herztöne des Kindes und Wehen der Mutter gemessen werden. Bei den Ultraschalluntersuchungen erhielten der Studie zufolge die Hälfte der Frauen mit einer normalen Schwangerschaft mehr als fünf Untersuchungen, obwohl standardmäßig nur drei vorgesehen sind.

80 Prozent der Frauen zahlen privat für die Untersuchungen
Insgesamt zeigten sich nur geringe Unterschiede zwischen Frauen mit einer unauffälligen Schwangerschaft und solchen, bei denen ein belastender Befund vorlag – zum Beispiel vorzeitige Wehen, eine Diabetes-Erkrankung oder eine Überschreitung des errechneten Geburtstermins um mehr als sechs Tage. Da es sich bei den zusätzlichen Leistungen nicht um Routineuntersuchungen handelt, mussten der Studie zufolge 80 Prozent der Frauen für die Untersuchungen privat bezahlen. Weder das Alter als Risikofaktor noch Einkommen oder Bildungsabschluss der Schwangeren hatten einen Einfluss darauf, ob Zusatzleistungen in Anspruch genommen wurden.

Kein Skandal um zu viele Ultraschallbilder

Wenn die Geburt eines Kindes bevorsteht, bedeutet das nicht nur für die Schwangere den Ausnahmezustand: Was sie an gut gemeinten Ratschlägen von anderen Müttern zu hören bekommt, was Eltern und Großeltern kaufen und schenken, nimmt nicht selten komisch-absurde Ausmaße an.

„Nur bei Frauen mit einem Risiko, das sich zum Beispiel im Verlauf der Schwangerschaft entwickelt, werden die Vorsorgeintervalle verkürzt, und das ist auch gut und sinnvoll“ argumentieren dagegen Berufsverband und Fachgesellschaft. Da heute deutlich mehr und ältere Frauen mit Risiken wie schweres Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes und dergleichen schwanger würden als vor 20 Jahren, könne es durchaus sein, dass sich insgesamt bezogen auf die Zahl der Schwangeren die durchschnittliche Zahl an Terminen erhöht habe – was aber sehr sinnvoll sei.

Diagnostische Möglichkeiten sind vielfältiger geworden
Dass heute viele Schwangere mehr diagnostische Leistungen erhielten als in den Mutterschaftsrichtlinien vorgesehen sei, liege unter anderem daran, dass es heute mehr Möglichkeiten gebe als vor zehn oder 20 Jahren, und dass die gesetzlichen Kranken­kassen bisher nur die Kosten für Leistungen übernähmen, die auch wirtschaftlich seien, argumentieren BVF und DGGG weiter.

„Diagnostische Maßnahmen, die sinnvoll sind, sich für die Krankenkassen aber wirtschaft­lich nicht rechnen, wie der Toxoplasmose-Test oder der Test auf Streptokokken in der Spätschwangerschaft, werden wir Schwangeren immer empfehlen, auch wenn sie keine Kassenleistungen sind“, betonen die Verbände der Frauenärzte.

Dies sei keine Medikalisierung der Schwangerschaft, sondern trage erheblich zur Senkung der Krankheitsrisiken potentiell infizierter Kinder bei. „Insbesondere der frühe Ausschluss einer Eileiterschwangerschaft, eines intrauterinen Hämatoms oder eine Myoms hat viele Leben gerettet. Das Ersttrimesterscreening verhindert sogar Fehlgeburten durch Vermeidung überflüssiger – invasiver – Amniozentesen“, so BVF und DGGG.

Herzfrequenz- und Wehen-Ableitungen erleichtern Hebammen und Ärzten die Beurteilung der Schwangerschaft
Die Verbände weisen darauf hin, dass viele Schwangere sich für ihren persönlichen Gebrauch Ultraschall-Bilder ihrer ungeborenen Babys in 3D oder anderen Formaten wünschten. „Da von Ultraschalluntersuchungen keine Gefahren für das Baby ausgehen, kommen Frauenärzte diesem Wunsch nach, wenn sie darum gebeten werden“, so BVF und DGGG. Daraus die Schlussfolgerung abzuleiten, häufige Ultraschallaufnahmen in der Schwangerschaft würden die Kaiserschnittrate erhöhen, sei „eine gewagte Hypothese“.

Die Bertelsmann-Studie kritisiere außerdem häufige Herzfrequenz- und Wehen-Ableitungen. Diese Ableitungen seien nach den Mutterschaftsrichtlinien nicht zwingend vorgeschrieben. „Sie erleichtern aber Hebammen und Ärzten die Beurteilung der Schwangerschaft und helfen leichte Kontraktionen von echten Wehen zu unterscheiden, was überflüssige Ruhigstellungen der Schwangeren verhindern und sie selbst sehr beruhigen kann“, argumentieren die Frauenärzte.

BVF und DGGG betonen, dass nahezu alle von Frauenärzten in der Schwangerschaft angebotenen diagnostischen Leistungen evidenzbasiert seien, auch wenn sie nicht Bestandteil der Mutterschaftsrichtlinien seien. „Die Unterstellung, Frauenärzte – ebenso wie Hebammen – würden Schwangeren Leistungen nur anbieten, weil sie unter wirtschaftlichem Druck stehen, ist Unsinn“, betonen die Verbände.

Perinatale Mortalität um den Faktor zehn gesunken
Sie kritisieren, schon in der Formulierung der Befragung und in der Interpretation der Ergebnisse sei bei der Bertelsmann-Studie der Versuch erkennbar, die seit über 50 Jahren bewährte frauenärztliche Mutterschaftsvorsorge zu diskreditieren. „Immerhin ist in dieser Zeit die perinatale Mortalität um den Faktor zehn, die mütterliche um ein Vielfaches mehr gesunken. Damit steht Deutschland mit an der Spitze in der Welt“, betonen BVF und DGGG. Ein Wechsel dieses Systems würde die gesundheitliche Versorgung der Schwangeren und ihrer Babys „mit Sicherheit verschlechtern“, warnen die Fachverbände der Frauenärzte. © hil/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 30. Juli 2015, 17:15

Dazu muss man wissen,

dass die beiden genannten GESUNDHEITSMONITOR-3/2015-Autorinnen über Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft, gefördert von der Bertelsmann-Stiftung, Frau Prof. Dr. phil. Petra Kolip (Universität Bielefeld) und Frau Prof. Dr. rer. medic. Rainhild Schäfers (Hochschule für Gesundheit, Bochum) sind. In ihrer Originalpublikation:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/17_Gesundheitsmonitor/Newsletter_Ueberversorgung_in_der_Schwangerschaft_20150727.pdf
werden Petra Kolip als Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Uni Bielefeld (Studium Psychologie und Pädagogik in Bielefeld, Aufbau des Studiengangs Public Health an der TU Berlin, Abteilungsleitung am Institut für Sozialmedizin und Prävention der Uni Zürich, Professur an der Uni Bremen Fachbereich Gesundheitswissenschaften, Arbeitsschwerpunkte Frauengesundheitsforschung, Jugendgesundheitsforschung, Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung)
und
Rainhild Schäfers als Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit, Bochum (Hebammenausbildung, Studium der Pflegewissenschaften und Hebammenforschung, Promotion 2011 an der Uni Osnabrück zum Thema „Subjektive Gesundheitseinschätzungen von Frauen nach der Geburt ihres Kindes“) genannt.
Die dritte, angegebene Co-Autorin, Frau Dr. med. Claudia Schumann, Frauenärztin und Psychotherapeutin (Studium Humanmedizin, Promotion (1975), Weiterbildung zur Frauenärztin 1976-1982, Zusatz-Weiterbildung Psychotherapie, 1982 bis 1987 Beratungsärztin Pro Familia Göttingen, ab 1987 Praxis für psychosomatische Frauenheilkunde in Northeim) taucht im Intro erst gar n i c h t auf.

Im "Editorial" werden die selbst gesteckten Zielvorgaben genannt:
"Medizin-technische Entwicklungen haben die Gesundheitsversorgung in Deutschland vorangebracht. Auch die Schwangerenvorsorge konnte von dieser Entwicklung profitieren, sodass die Geburt für Mutter und Kind sicherer geworden ist. Schwangerschaft ist keine Krankheit. Doch sobald eine schwangere Frau die Schwelle einer gynäkologischen Praxis übertritt, wird sie zur Patientin. So enthalten die MutterschaftsRichtlinien (MSR) schon bei gesunden Schwangeren im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen über 100 Tests. Hinzu kommen weitere Untersuchungsangebote, die die Schwangeren selbst bezahlen müssen. In keinem anderen Land Europas werden so viele Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft durchgeführt wie in Deutschland..."

Dabei wird von den Autorinnen übersehen, dass bereits der Gesetzgeber mit Arbeitsschutz, Untersuchungsvorgaben der Mutterschaftsrichtlinien, Arbeitsverboten, Vorsorge-Richtlinien massiv in jede, auch physiologisch ablaufende Schwangerschaft, eingreift und damit alle Schwangeren zu Objekten von Kran­ken­ver­siche­rungen, egal ob GKV oder PKV, macht.

Ein weiteres Problem kommt hinzu. § 12 im 5. Sozialgesetzbuch (SGB V) legt im "Wirtschaftlichkeitsgebot" fest: "(1) Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen. (2) Ist für eine Leistung ein Festbetrag festgesetzt, erfüllt die Krankenkasse ihre Leistungspflicht mit dem Festbetrag..."

Diese äußerst restriktiven Leistungsausschlüsse bzw. die Pauschalierung ambulanter und stationärer Leistungen auf einen Festbetrag brechen sich in den bio-psycho-sozial immer weiter entwickelten Erwartungs-, Versorgungs- und Anspruchshaltungen gerade bei Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung. Sie werden weder von Krankenkassen, Wissenschaft, Gesundheitssystem-Forschung, Medien, und Öffentlichkeit kommuniziert. Die Schwangere mutiert also n i c h t, wie die Studien-Autorinnen empirisch gar nicht belegen konnten, erst mit Betreten der gynäkologischen Praxis zur Patientin, sondern sie ist bereits ein öffentlich identifiziertes Objekt (Meldepflicht beim Arbeitgeber, Mutterschaftsrichtlinien, Screening auf Gestationsdiabetes) potenzieller Krankheits-, Schonungs- und Schutzbedürftigkeit.

Schwangere und ihre Partner haben verständlicherweise ein hohes Sicherheits- und Präventionsbewusstsein. Zahllose Mitarbeiterinnen von Gymnastik- und Geburtsvorbereitungskursen, Innenausstatter, Fachhändler, aber auch Frauenärztinnen und -ärzte wissen davon ein Lied zu singen. Während viele dieser Aktivitäten die präpartale Mutter-Kind-Interaktion und auch die der Väter (!) fördern können, ist es den Bertelsmann-Studien-Autorinnen aber gar nicht recht, wenn dies bei niedergelassenen Fachärzten stattfindet. Dann wird es zum "Geschäft mit der Krankheit", zur "Angst- und Panikmache" bzw. zur pathologisierenden Krankheits- und Gesundheitsethik umfunktioniert.

In dem man geburtshilfliche Praxen und ihre Mitarbeiter/-innen bzw. Kliniken und Ambulanzen bei einer rein retrospektiv-subjektiven Patientinnen-Befragung (Partner wurden erst gar nicht erwähnt) systematisch ausklammert und deren Motivation und Arbeitsauftrag ausblendet, kommt man viel näher an ein bereits vorher fertig konzipiertes Untersuchungsergebnis von der angeblichen Pathologisierung bzw. Ökonomisierung von vorgeblich rein natürlichen, gesund und unkompliziert ablaufenden, menschlichen Fortpflanzungsvorgängen.
Der Vergleich in Europa hinkt gewaltig: Gerade Länder mit öffentlicher Gesundheits- und Krankheitsversorgung wie Skandinavien, Groß-Britannien haben ein extensives Parallelsystem von z. T. unkontrollierbaren Privatangeboten in Klinik und Praxis. Schwangere können selbst bei geringfügigen Beschwerden und Missempfindungen zusätzlich jederzeit staatliche ambulante und/oder stationäre Einrichtungen in Anspruch nehmen, wo im Rahmen genereller Untersuchung/Diagnostik auch rein präventive Techniken (Labor, Ultraschall, Wehenschreibung etc.) zur Anwendung kommen. Damit relativieren sich z. B. die angeblich überhöhten Schwangeren-Sonografie Zahlen in Deutschland.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Paris/F)
LNS

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