Medizin

Grundlagen bislang unheilbarer Form der Leukämie bei Kindern entschlüsselt

Dienstag, 28. Juli 2015

Kiel – Die genetischen Grundlagen einer bislang als unheilbar geltende Form der Leukämie bei Kindern haben Wissenschaftler von fünf deutschen und einer Schweizer Institution entschlüsselt. Sie haben dabei auch Hinweise für Therapiemöglichkeiten bestimmt. Die Studie ist in Nature Genetics erschienen (doi: 10.1038/ng.3362).

Anzeige

Die akute lymphoblastische Leukämie (ALL) ist die häufigste Krebserkrankung im Kindesalter. Innerhalb der Erkrankung können verschiedene Formen auftreten, die sich durch bestimmte Veränderungen im Erbmaterial der Leukämiezellen unterscheiden. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich für die meisten Formen der ALL die Überlebenschancen für Kinder deutlich verbessert.

Bei einer bestimmten Form der ALL ist das Erbgut der Leukämiezellen so verändert, dass zwei bestimmte Gene, TCF3 und HLF, fehlerhaft zusammengelagert sind. Onkologen sprechen von „TCF3-HLF-positiven Leukämiezellen“. Leukämien mit dieser Veränderung im genetischen Code sind bislang resistent gegenüber allen gängigen Therapieoptionen.

In einem Verbundprojekt analysierten Forscher von sechs Institutionen, koordiniert von Andre Franke, Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, und Martin Stanulla von der Medizinischen Hochschule Hannover, das Erbgut TCF3-HLF-positiver Leukämiezellen. Sie fanden heraus, dass bei dieser bestimmten ALL-Form zusätzlich zu den zwei fehlerhaft zusammengelagerten Genen noch andere DNA-Bereiche regelmäßig verändert sind. Die betroffenen Bereiche steuern die Entwicklung von B-Lymphozyten und fördern das Zellwachstum.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die so entstehenden Fehlerkombinationen nicht zufällig vorliegen. Sie wirken so zusammen, dass sie vorteilhaft für die Krebszelle sind“, sagt Franke. Im Zusammenspiel erlaubt diese Fehlerkombination eine bislang nicht wahrgenommene Rückentwicklung der Leukämiezellen auf eine sehr frühe, stamm­zellartige Entwicklungsstufe, die man den Zellen von außen nicht ansehen kann. „Man könnte diese Form der Leukämie auch als eine Art ‚Wolf im Schafspelz‘ bezeichnen“, erläutert Stanulla.

Forscher im Universitätskinderspital Zürich haben unter Leitung von Jean-Pierre Bourquin zusätzlich ein Modell entwickelt, um therapeutische Substanzen auf ihre Wirksamkeit zu testen. Von etwa hundert getesteten Wirkstoffen zeigten einige eine sehr starke Wirkung auf TCF3-HLF-positive Leukämiezellen. Insbesondere ein getestetes Medikament, Venetoclax (ABT-199), führte im Modellsystem zu einem deutlichen Rückgang der Erkrankung, gefolgt von langanhaltenden Phasen ohne Krankheits­zeichen, wenn es in Kombination mit einer herkömmlichen Chemotherapie für Leukämien verabreicht wurde.

„Die Ergebnisse der durchgeführten Medikamententests stimmen uns sehr hoffnungsvoll. Nun müssen wir in klinischen Studien zügig prüfen, wie die Ergebnisse des Verbund­projekts zukünftig für die Leukämiebehandlung optimal genutzt werden können“, sagt Bourquin.

An dem Projekt waren zu gleichen Teilen Forscherteams der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), der Medizinische Hochschule Hannover (MHH), des Europäischen Labors für Molekularbiologie (EMBL) Heidelberg, des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik Berlin, der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und der Universität Zürich beteiligt. Gefördert wurde das Verbundprojekt durch das Bundesamt für Strahlenschutz im Rahmen des Umweltforschungsprogramms des Bundesum­weltministeriums sowie den Schweizerischen Nationalfonds (SNF).  © hil/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

07.02.17
Phoenix – Azathioprin, ein bei Autoimmunerkrankungen zur Langzeitkontrolle eingesetztes Immunsuppressivum, kann in seltenen Fällen ein myelodysplastisches Syndrom oder eine akute myeloische Leukämie......
30.01.17
London – Britische Forscher haben eine universelle Variante der CAR-T-Zelltherapie entwickelt, die die Anwendung einer viel versprechenden neuen Behandlung erleichtern könnte. Bei zwei Säuglingen im......
26.01.17
Ulm – Wissenschaftler, Ärzte, Patientenorganisationen und Pharmaunternehmen aus elf europäischen Ländern fassen ihre Daten und ihr Wissen über hämatologische Krankheiten in einer Datenbank zusammen,......
23.01.17
Frankfurt – Bislang war nicht vorherzusagen, welche Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) auf die Cytarabin-basierte Standardchemotherapie ansprechen und welche nicht. Forscher der......
17.01.17
Leukämie: Wissensdatenbank könnte Therapieplanung verbessern
Hinxton/Ulm – Eine Wissensdatenbank, die die genetischen Merkmale von Krebszellen mit den Behandlungsergebnissen früherer Patienten kombiniert, könnte die Therapieentscheidungen bei künftigen......
12.12.16
AML: Krebsimpfung verhindert Rezidive langfristig
Boston – Eine neuartige individuelle Vakzine, die Leukämie-Zellen mit dendritischen Zellen des Patienten fusioniert, hat in einer ersten klinischen Studie die Remissionen einer akuten myeloischen......
07.12.16
Tampa/Florida – Das Auftreten von Mutationen im histologisch noch unauffälligen Knochenmark zeigt bei Patienten, die zur Behandlung von Krebserkrankungen eine Chemo- oder Strahlentherapie erhalten......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige