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Politik

Mediziner warnen vor Suchtpotenzial von PC und Smartphone

Freitag, 31. Juli 2015

dpa

Köln – Jede freie Minute wird am Bildschirm verbracht; in der Schule, der Uni oder während der Arbeit kreisen die Gedanken um das nächste Level, das beste Schnäppchen oder einen neuen Versuch beim Online-Pokern. Wenn der Alltag vom Computer, Tablet oder Smartphone bestimmt wird, kann eine Sucht vorliegen. Manche Spiele weisen ein besonders hohes Abhängigkeitspotenzial auf. Aber auch durch die ständige Verfügbarkeit der digitalen Welten über mobile Endgeräte steige die Gefahr, warnen Mediziner.

Bert te Wildt will weder das Internet noch Computerspiele verteufeln. Er fahre selbst kommende Woche nach Köln zur Gamescom, der weltweit größten Messe für Unterhaltungselektronik, sagt der Mediziner. Er leitet die Ambulanz für Medienabhängigkeit an der LWL-Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. „Computerspiele gehören heute selbstverständlich zum Aufwachsen hinzu“, sagt er.

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Smartphone ist Spielgerät Nr. 1 geworden
Das bestätigen die neuesten Zahlen des Branchenverbandes der Digitalwirtschaft Bitkom. 42 Prozent aller Deutschen spielen nach einer aktuellen Studie regelmäßig am Bildschirm. „Computerspiele sind ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden“, betont Bitkom-Geschäftsführer Axel Pols. Besonders das „Wie“ habe sich verändert: Erstmals sei das Smartphone zur beliebtesten Plattform für Spiele geworden.

Das Smartphone versammelt inzwischen Fernsehen, Computerspiele, Internet - alles, was bisher im Suchtbereich als problematisch aufgetaucht sei, sagt der Ulmer Professor für Molekulare Psychologie, Christian Montag. Auch die soziale Kommunikation habe sich durch die internetfähigen Mobiltelefone verändert. Wer sich über diese zahlreichen Angebote ständig zerstreue, könne sich irgendwann kaum noch konzentrieren, warnt Montag.

Zwar interessieren sich laut Bitkom auch immer mehr Menschen im Alter über 50 Jahren für den Spiele-Bereich. Doch Jugendliche sind offenbar besonders gefährdet: In einer Umfrage der GfK-Marktforschung, über die das Apothekenmagazin „Baby und Familie“ vor kurzem berichtete, bekannten über 80 Prozent der 14- bis 19-Jährigen, höchstens ein paar Tage auf das Internet verzichten zu können. 60 Prozent der neun- bis zehnjährigen Kinder wollen sich bereits nach einer halbstündigen Pause wieder am Bildschirm beschäftigen, so das Ergebnis einer Studie des Projektes „Blickk-Medien“.

Eltern in der Pflicht
Facharzt te Wildt sieht hier Eltern und Lehrer in der Pflicht. Heranwachsende würden immer früher an das Internet herangeführt, „zum Teil mit einer bedenklichen Arglosigkeit“, kritisiert er. Kinder sollten jedoch weder zu früh noch zu lange am Stück spielen. Und: „Eltern müssen sich viel mehr dafür interessieren, was im Netz und in Spielen passiert.“ Auch Schulen müssten überlegen, wo digitale Medien sinnvoll eingesetzt werden könnten - und wo nicht.

„Manche verwahrlosen regelrecht vor dem Computer“
Denn eine Medienabhängigkeit ähnelt Alkoholmissbrauch oder Glücksspielsucht. Viele Betroffene leiden zunächst unter dem Gefühl, ihr eigenes Verhalten nicht mehr kontrollieren zu können: PC und Smartphone fressen immer mehr Zeit, Glücksgefühle werden offline immer seltener. Manche Menschen würden aggressiv, depressiv oder ängstlich, wenn sie nicht online sein könnten, so te Wildt. Körperliche Entzugserscheinungen können ein Symptom sein; extreme Folgen sind Konzentrationsstörungen bis hin zum Arbeitsplatzverlust, vernachlässigte Partner- und Freundschaften sowie mangelnde Körperfürsorge. „Manche verwahrlosen regelrecht vor dem Computer“, so der Fachmann.

Den Urlaub für eine digitale Auszeit nutzen
Dennoch könnten viele Betroffene ihre Sucht lange verstecken. „Dies nicht zuletzt auch, weil wir das Internet ja alle ständig nutzen“, erklärt te Wildt. Theoretisch sei insofern jeder gefährdet - wie bei jeder Suchterkrankung jedoch besonders Menschen mit geringem Selbstwertgefühl. Sinnvoll könnte sein, bei der Altersfreigabe von Spielen auch das Suchtpotenzial einzubeziehen, sagt der Mediziner. So könnten etwa die umstrittenen Shooter-Spiele besonders schnell abhängig machen. Die ständige Nutzung von Smartphone und Co. tut niemandem gut. Der Tipp des Psychologen Montag an Kinder und Eltern lautet daher: die Urlaubszeit auch einmal für eine „digitale Auszeit“ nutzen.

© kna/aerzteblatt.de

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