NewsMedizinFingolimod: Zwei weitere Fälle einer PML
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Fingolimod: Zwei weitere Fälle einer PML

Mittwoch, 5. August 2015

Silver Spring – Zwei neue Erkrankungsfälle bestätigen die Befürchtung, dass auch das Immunsuppressivum Fingolimod eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) auslösen kann, wie sie nach der Therapie mit anderen starken Immunsuppressiva beobachtet wurden, die (nicht nur) zur Behandlung der Multiplen Sklerose eingesetzt werden.

Die PML ist Folge einer Infektion mit dem JC-Virus. Es infiziert im Verlauf des Lebens die meisten Menschen. Ein intaktes Immunsystem kann das Virus jedoch immer in Schach halten. Nur nach einer in der Regel jahrelangen starken Immunsuppression kann es zu einer Reaktivierung kommen, die dann die oft tödliche PML auslöst.

Das Problem wurde zuerst bei der Zulassung von Natalizumab beobachtet, das nach Auftreten der ersten Fälle in den USA zwischenzeitig vom Markt genommen wurde. Inzwischen ist klar, dass auch andere Immunsuppressiva wie Efalizumab, Belatacept, Rituximab, Infliximab, Tacrolimus oder eine Kortison-Behandlung die lebensgefährliche Komplikation auslösen können. Bei den MS-Medikamenten war neben Natalizumab nur noch Dimethylfumarat betroffen.

Anzeige

Auch für Fingolimod wurde 2013 ein erster Fall berichtet. Der Patient hatte jedoch zuvor auch Natalizumab erhalten, so dass sich damals keine sichere Kausalität herstellen ließ. Dieser Einwand trifft auf die beiden aktuellen Erkrankungsfälle nicht zu. Beide Patienten waren weder mit Natalizumab noch mit Dimethylfumarat behandelt worden.

Der erste Patient, der seit fünf Jahren an einer Multiplen Sklerose litt, hatte seit vier Jahren Fingolimod eingenommen, als bei einer Routinekontrolle atypische Läsionen in der Kernspintomopraphie beobachtet wurden. In einer Liquoruntersuchung wurde dann die DNA des JC-Virus nachgewiesen. Die Ärzte stellten die Verdachtsdiagnose einer PML und setzten Fingolimod ab.

Der zweite Patient litt seit 13 bis 14 Jahren an einer Multiplen Sklerose. Er war über elf Jahre mit Interferon beta-1b behandelt worden und hatte wegen einer begleitenden Colitis ulcerosa auch Mesalazin erhalten. Die PML wurde erst diagnostiziert, als bereits Symptome aufgetreten waren. Gang-Instabilität, Schwerfälligkeit, Unaufmerksamkeit, Somnolenz und geistige Trägheit des Patienten veranlassten die Ärzte zu einer Kernspintomographie, die verdächtige Läsionen zeigte und zu einer Untersuchung des Liquors führte, wo Virus-DNA nachgewiesen wurde. Da weder Interferon beta-1b noch Mesalazin bisher mit einer PML in Verbindung gebracht wurden, geht die FDA davon aus, dass Fingolimod die Reaktivierung des JC-Virus ermöglicht hat.

Die FDA will einen Hinweis auf die Komplikation in den Fachinformationen aufnehmen. Ärzte und Patienten werden aufgefordert, auf neurologische Symptome zu achten, die nicht in das Muster der Multiplen Sklerose passen. Dazu gehören fortschreitende Schwäche, Veränderungen im Denken, Gedächtnis und in der Orientierungsfähigkeit sowie Verwirrungen oder andere Veränderungen in der Persönlichkeit. In diesem Fall kann eine Kernspintomographie und eine Liquoruntersuchung zur Diagnose führen. Nur das rechtzeitige Absetzen des Medikaments kann das Leben der Patienten retten. Eine kausale Therapie der PML gibt es nicht. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Oktober 2020
Silver Spring/Maryland – Ein offenbar zunehmender Missbrauch von Benzodiazepinen veranlasst die Arzneimittelbehörde FDA dazu, die Fachinformationen zu verschärfen. Diese sollen künftig umrahmte
Benzodiazepine: FDA will Warnungen vor Abhängigkeit verschärfen
7. Oktober 2020
Melbourne – Patientinnen mit Multipler Sklerose, die bereits ein- oder mehrmals schwanger waren, hatten in einem Patientenregister im Durchschnitt 3,3 Jahre später als kinderlose Patientinnen eine
Studie: Kann eine Schwangerschaft den Beginn einer Multiplen Sklerose hinauszögern?
5. Oktober 2020
Amsterdam – Das Virustatikum Remdesivir, das Anfang Juli von der Europäischen Kommission eine bedingte Marktzulassung zur Behandlung von Patienten mit COVID-19 erhalten hat, steht im Verdacht, die
COVID-19: Kann Remdesivir die Nieren schädigen?
2. Oktober 2020
Washington – Mitarbeiter des Fachjournals Science haben der für Medikamente zuständigen US-Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) Nachlässigkeit bei der Überwachung klinischer Studien
Fachjournale werfen US-Arzneimittelbehörde FDA Nachlässigkeit vor
30. September 2020
Yokohama/Japan – Ein Gentest könnte in Zukunft vorhersagen, ob ein Patient ein Medikament verträgt oder ob mit einer schweren Leberschädigung gerechnet werden muss. Die Grundlagen für den „polygenen
Studie: Gentest könnte Leberschäden von Medikamenten vorhersagen
25. September 2020
Amsterdam – Eine Behandlung von Uterusmyomen mit dem Progesteron-Rezeptormodulator Ulipristal wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Der Pharmakovigilanzausschuss (PRAC) der europäischen
Uterusmyome: EMA empfiehlt Verbot von Ulipristal
16. September 2020
Silver Spring/Maryland – Das Risiko von Amputationen ist unter der Behandlung mit dem SGLT2-Inhibitor Canagliflozin nicht so hoch wie bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt die
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER