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Ärzteschaft

Neue Arzneimittel: „Für Vertragsärzte besteht die Gefahr von Regressanträgen“

Freitag, 14. August 2015

Berlin – Für neue Arzneimittel bestimmt der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) gemäß Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG), ob sie einen Zusatznutzen im Vergleich zur Standardtherapie haben. Wenn ja, verhandeln der GKV-Spitzenverband und der Arzneimittelhersteller einen Preis für das neue Medikament. Trotz festgestelltem Zusatznutzen werden manche dieser neuen Arzneimittel von Vertragsärzten nur sehr zurückhaltend verordnet. Regina Feldmann, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), nennt die Gründe dafür.

Fünf Fragen an Regina Feldmann, KBV-Vorstand

DÄ: Wie unter anderem der „AMNOG-Report 2015“ gezeigt hat, kommen manche neuen Arzneimittel kaum beim Patienten an. Ist das so, weil die Ärzte Angst vor Regressen haben, wenn sie die neuen Medikamente verordnen?
Feldmann: Diese Frage kann nicht pauschal beant­wortet werden. Vielmehr müsste die Verordnungs­entwicklung der verschiedenen Wirkstoffe jeweils separat betrachtet und danach analysiert werden, welche Gründe für die Feststellung des Zusatznutzens beziehungsweise des fehlenden Zusatznutzens vor­liegen, und andererseits, welche Gründe für die Verordnungsentwicklung möglicher­weise ausschlaggebend sind. Ein möglicher Grund kann dabei auch die Angst vor Regressen sein. Hierbei spielt jedoch primär nicht die Angst, das Richtgrößenvolumen zu überschreiten, eine Rolle, sondern die Angst der Vertragsärzte vor Einzelfall­prüfanträgen von Krankenkassen.

DÄ: Inwiefern?
Feldmann: Die zugelassenen Anwendungsgebiete neuer Wirkstoffe müssen aus unterschiedlichsten Gründen häufig in Subgruppen aufgeteilt werden. Dabei wird in vielen Fällen für einzelne Subgruppen ein Zusatznutzen festgestellt, für andere jedoch nicht. Die Verordnung für Subgruppen ohne Zusatznutzen wird von Vertretern von Krankenkassen häufig als unwirtschaftlich eingestuft, obwohl der vereinbarte Erstattungs­betrag als Mischpreis auch diese Subgruppen berücksichtigt. Für Vertragsärzte besteht daher die Gefahr von Regressanträgen bei entsprechenden Verordnungen.

Arzneimittelrichtgrössen: Ärzte sollen angstfrei verordnen

Richtgrößen sollten dafür sorgen, dass Ärzte wirtschaftlich verordnen, ansonsten drohte ein Regress. Jetzt hat der Gesetzgeber das umstrittene Steuerungsinstrument abgeschafft und die Chance für passgenauere regionale Lösungen eröffnet. Hilflosigkeit, Existenzbedrohung, enormen psychischen Druck – das erleben viele Ärztinnen und Ärzte

DÄ: GKV-Spitzenverband und Herstellerfirma können bei den Preisverhandlungen auch vereinbaren, dass das neue Medikament als Praxisbesonderheit anerkannt wird. Wäre das nicht ein Weg, Ärzten die Angst vor Regressen zu nehmen?
Feldmann: Das Instrument der bundesweit geltenden Praxisbesonderheit für Arznei­mittel mit Zusatznutzen, die im Rahmen der Erstattungsbetragsvereinbarung zwischen GKV Spitzenverband und pharmazeutischem Unternehmer vereinbart werden kann und den Vertragsarzt bei der Richtgrößenprüfung entlastet, findet in der Versorgungsrealität nur eine geringe Anwendung. Für lediglich sechs Wirkstoffe haben der GKV-Spitzen­verband und die entsprechenden pharmazeutischen Unternehmern die Anerkennung als Praxisbesonderheit vereinbart.

DÄ: Gibt es denn schon Beispiele für Regressanträge, die gestellt wurden, weil Ärzte zu viele neue Arzneimittel verordnet haben?
Feldmann: Einige Krankenkassen haben bereits Einzelprüfanträge auf Grundlage der Nutzenbewertung gestellt, wie zum Beispiel für das hochpreisige Medikament Sovaldi mit dem Wirkstoff Sofosbuvir zur Behandlung der Hepatitis C. Der Prüfantrag belief sich für einen Patienten auf rund 60.000 Euro. Das IQWiG hatte in der entsprechenden Subgruppe keinen belegten Zusatznutzen gesehen. Die Prüfungsstelle hat jedoch keinen Regress ausgesprochen, da der Gemeinsame Bundes­aus­schuss – entgegen der Bewertung des IQWiG – einen Zusatznutzen in dieser Patientengruppe erkannt hat.

DÄ: Wie kann es denn nun gelingen, den Vertragsärzten die Angst vor Regressen zu nehmen?
Feldmann: Aus Sicht der KBV müssen sich Vertragsärzte darauf verlassen können, dass der vereinbarte oder festgelegte Erstattungsbetrag die Wirtschaftlichkeit über das gesamte Anwendungsgebiet herstellt. Die KBV hat daher im Rahmen des Gesetz­gebungs­verfahrens zum GKV-Versorgungsstärkungsgesetz auf diese Problematik zum wiederholten Male aufmerksam gemacht und gefordert, dass mit dem Erstattungsbetrag die Wirtschaftlichkeit für alle Subpopulationen gilt. Der Gesetzgeber hat dies jedoch nicht aufgegriffen. © fos/aerzteblatt.de

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