Medizin

Lebensmüdigkeit zunehmend Motiv für Sterbehilfe in den Niederlanden und in Belgien

Montag, 10. August 2015

Amsterdam/Brüssel – Eine „Lebensendeklinik“ aus den Niederlanden führt laut einer Studie in JAMA Internal Medicine (2015; doi: 10.1001/jamainternmed.2015.39) in seltenen Fällen auch bei allgemeiner Lebensmüdigkeit eine Sterbehilfe durch. Auch in Belgien sind zunehmend außermedizinische Gründe Auslöser von Sterbehilfe und Euthanasie, wie ein Leserbrief (2015; doi: 10.1001/jamainternmed.2015.3982) zeigt.

Die Niederlande und Belgien haben seit 2002 die weltweit liberalsten gesetzlichen Regelungen zu Sterbehilfe und Euthanasie. In den Niederlanden dürfen Ärzte ihren Patienten eine tödliche Medikation anbieten oder sie sogar verabreichen, wenn sie den Wunsch des Patienten als selbstbestimmt und wohl durchdacht, sein Leiden als unerträglich und ohne Hoffnung auf Verbesserung einstufen.

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Die Sterbehilfe ist erlaubt, wenn Patienten ausführlich informiert wurden, und es keine vernünftige Alternative gibt. Die niederländischen Ärzte müssen sich dann noch mit einem Kollegen absprechen, bevor sie dem Patienten ein tödliches Mittel verschreiben oder es sogar selbst verabreichen. Der Anteil der Sterbehilfe/Euthanasie an allen Todesfällen liegt nach einer Umfrage bei 1,7 bis 2,8 Prozent.

Lebensendeklinik: Nicht statt gegebene Anträge auf Sterbehilfe überprüfen
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Ärzte allen Gesuchen nachgeben. Für die ab­gewiesenen Patienten hat die Nederlandse Vereniging voor een Vrijwillig Levenseinde im März 2012 eine Levenseindekliniek gegründet. Hier erhalten von Ärzten abgewiesene Patienten eine „zweite Meinung“. Auf Antrag schickt die Klinik ein mobiles Team mit Schwester/Pfleger und Arzt/Ärztin zu den Patienten. Das Zweierteam prüft dann die Krankenakten und interviewt den Kranken. Die niederländische Ärztevereinigung KNMG lehnt die Lebensendeklinik ab, weil sie den falschen Eindruck vermittele, dass Eutha­nasie und Sterbehilfe ein Patientenrecht sei.

Im ersten Jahr seit der Gründung hat die Lebensendeklinik 709 Anträge erhalten. Marianne Snijdewind vom Akademischen Medizinischen Zentrum Amsterdam konnte 645 Anträge und das weitere Schicksal der Patienten recherchieren: Danach wurden 300 (46,5 Prozent) der Anträge abgelehnt, weitere 124 Patienten (19,2 Prozent) starben, bevor der Antrag beurteilt werden konnte. Weitere 59 Patienten (9,1 Prozent) zogen ihre Anträge zurück.

Auch bei „Lebensmüdigkeit“ wurde dem Wunsch nach Sterbehilfe stattgegeben
162 Anträgen (25,1 Prozent) hat die Klinik jedoch stattgegeben: In 92 Fällen wurde Sterbehilfe/Euthanasie in der Klinik durchgeführt, in 47 Fällen (29,0 Prozent) erklärte sich der Hausarzt dazu bereit, der bei weiteren 23 Patienten (14,2 Prozent) zum Zeitpunkt der Studie diese auch durchgeführt hatte.

Die Lebensendeklinik hatte mithin keineswegs, wie die Kritiker befürchten, immer den Wünschen (oder nach Ansicht der Sterbehilfebefürworter dem Recht) der Patienten nach Euthanasie (oder selbstbestimmtem Tod) nachgegeben. Am höchsten war der Anteil der positiven Bescheide bei Patienten mit somatischen Erkrankungen (32,8 Prozent) oder kognitivem Abbau (37,5 Prozent). Aber auch bei sechs von 121 Patienten (5,0 Prozent), die rein psychologische Leiden hatten, sowie bei 11 von 40 Patienten (27,5 Prozent), die über „Lebensmüdigkeit“ klagten, stimmte das mobile Team dem Wunsch nach einem vorzeitigen Lebensende zu.

Kommentatoren kritisieren Dammbruch in den Niederlanden
Diese beiden Zahlen sind für die Editorialisten Barron Lerner und Arthur Caplan vom Langone Medical Center in New York ein Beweis, dass die niederländische Regelung eine Grenze überschritten hat. Ihrer Ansicht nach ist es zu einem Dammbruch („slippery slope“) gekommen.

Das Dammbruchargument wird in bioethischen Debatten von Gegnern der Sterbehilfe häufig angeführt, um auf Gefahren für die Gesellschaft hinzuweisen. Hierzu hat es in den letzten Monaten zwei Reportagen in einflussreichen US-Medien gegeben. „Dying Dutch“ – die Euthanasie breitet sich über Europa aus, titelte Newsweek. Und der New Yorker berichtete in der Reportage „Todes-Behandlung“ über eine Frau mit Depressionen aus Belgien, die sich angesichts einer erneuten Lebenskrise für den Freitod durch Euthanasie entschieden hat, dem sie zur Irritation der Reporter offenbar mit einiger Lebensfreude entgegen sah.

Zahl der Sterbehilfefälle nehmen auch in Belgien zu
Die Zahlen, die Sigrid Dierickx von der Vrije Universiteit Brüssel, vorstellt, scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Die Forscherin hat die Ergebnisse einer Zufallsstichprobe von 6.871 Todesfällen aus 2013 mit einer ähnlichen Umfrage aus dem Jahr 2007 verglichen. Der Anteil der Anträge an allen Todesfällen hat sich seither von 3,4 Prozent auf 5,9 Prozent erhöht, und der Anteil der gewährten Anfragen ist von 55,4 Prozent auf 76,7 Prozent gestiegen.

Die häufigsten Motive, die zu einer Zustimmung zur Euthanasie führten, waren neben körperlichen und psychischen Leiden (87,1 Prozent) der ausdrückliche Wunsch des Patienten (88,3 Prozent) sowie seine fehlende Perspektive auf die Verbesserung des eigenen Zustandes (77,7 Prozent). Immerhin in 25,3 Prozent der genehmigten Anträge war als einer – von mehreren möglichen – Gründen eine Lebensmüdigkeit genannt worden. Bei 23,4 Prozent spielte der Wunsch der Familie eine Rolle, und 13,8 Prozent meinten von sich aus, die eigene Situation sei für ihre Familie nicht mehr erträglich. © rme/aerzteblatt.de

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