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Medizin

Nuklearunfälle auch für die Psyche gefährlich

Dienstag, 11. August 2015

Das Atomkraftwerk Three Mile Island 1979 nahe Harrisburg /dpa

Fukushima – Die langfristigen psychischen Folgen von nuklearen Unfällen könnten unterschätzt werden und die Risiken der körperlichen Folgen mitunter sogar übertreffen. In einer Reihe von Artikeln in The Lancet berichten japanische Wissenschaftler über die gesundheitlichen Risiken, die von diesen Unglücken ausgehen. Arifumi Hasegawa und seine Arbeitsgruppe an der Medical University Fukushima analysierten in einem der Artikel die Folgen des japanischen Nuklearunfalls von 2011 (doi:10.1016/S0140-6736(15)61106-0).

Seit der Nutzung von Kernkraftwerken gab es bisher fünf nukleare Unfälle größeren Ausmaßes: in Kyshtym (Russland, 1957), Windscale Piles (GB, 1957), Three Mile Island (USA, 1979), Tschernobyl (Ukraine,1986), und Fukushima (Japan, 2011).

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Die medizinischen Folgen der Unfälle waren von der Exposition und der tatsächlichen Umweltkontamination abhängig. Besonders der Vorfall in Tschernobyl wurde gut untersucht und gibt Auskunft über die Langzeitfolgen eines nuklearen Unglücks. Im Zuge des Unfalls und der direkten Aufräumarbeiten verstarben 28 Arbeiter an einem akuten Strahlensyndrom. Weitere 50 verstarben an Krankheiten, die vermutlich mit der Strahlenexposition in Zusammenhang standen.

In den folgenden Jahren konnten Wissenschaftler nur eine erhöhte Inzidenz von Schilddrüsenkarzinomen bei Kinder feststellen, während andere Tumoren in der Allgemeinbevölkerung nicht häufiger auftraten. Für Fukushima können die Langzeitfolgen nur über Hochrechnungen abgeschätzt werden.

In einem 20-Kilometer-Umkreis des Kraftwerks mussten in Fukushima alle Menschen evakuiert werden. In einer Befragung von rund 420.000 betroffenen Menschen errechneten die Wissenschaftler, dass 94 Prozent eine Dosis unter zwei Millisievert (mSv) von März bis Juli erhalten hatten. Die natürliche jährliche Strahlenbelastung, der jeder Mensch unterliegt, beträgt – je nach Region – etwa zwei mSv.

Bei 62 Evakuierten konnten Ärzte auch Daten für die strahlenempfindliche Schilddrüse erheben. Die mediane Äquivalenzdosis für die Schilddrüse betrug bei Erwachsenen 3,6 mSv und 4,2 mSv bei Kindern kurz nach dem Unfall. Obwohl diese Werte das relative Risiko für ein Schilddrüsenkarzinom erhöhen könnten, bleibt das absolute Risiko auf Grund der Seltenheit der Erkrankung immer noch gering, meinen die Wissenschaftler.

Für die Arbeiter, die direkt in den Unfall und die Rettungsaktionen involviert waren, erwarten die Wissenschaftler vor allem für die 173 Arbeiter, die eine Dosis über 100 mSv erlitten, ein leicht erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen.

Wesentlich problematischer stellte sich die Lage für psychische Erkrankungen dar: In der Fukushima Health Management Survey stellten die Forscher fest, dass 14,6 Prozent der Evakuierten unter mittelgradigen psychischen Stress litten, gegenüber drei Prozent in der Allgemeinbevölkerung. 18,3 Prozent der Evakuierten zeigten Symptome, die für eine posttraumatische Belastungsstörung sprachen. Unter den Unfallhelfern war die Rate ähnlich. Bei den Kindern war die psychische Belastung noch höher. Die Evakuierten zeigten nach dem Vorfall außerdem häufiger Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte.

Wie schon Studien rund um den Vorfall in Tschernobyl zeigten, könnte das Risiko für psychische Erkrankung unterschätzt werden. Nach Meinung der Forscher ist vor allem der Effekt auf das soziale und psychische Wohlbefinden der Beteiligten eines der wesentlichen medizinischen Probleme nach einem Reaktorunfall. 

© hil/aerzteblatt.de

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