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Medizin

Hypoxämie nach extremer Frühgeburt gefährdet Entwicklung

Dienstag, 11. August 2015

dpa

Tübingen – Wiederkehrende längere Hypoxämien, die nach einer extremen Frühgeburt häufig auf der neonatalen Intensivstation registriert werden, könnten einer Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2015; 314: 595-603) zufolge eine häufige Ursache für Todesfälle und spätere Behinderungen sein.

Bei fast allen Kindern, die vor der 28. Gestationswoche geboren werden, kommt es nach der Geburt wiederholt zu einem Abfall des Sauerstoffpartialdrucks im Blut auf unter 80 Prozent (Hypoxämie) oder einer Verlangsamung des Herzschlags (Bradykardie). Die Ursachen sind nicht bekannt, Neonatologen befürchten jedoch, dass die damit verbundene Minderdurchblutung des Gewebes langfristige Folgen für die Entwicklung der Kinder hat.

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Ein Team um Christian Poets von der Universität Tübingen hat hierzu jetzt die Daten des Canadian Oxygen Trial ausgewertet. Diese Studie war zwischen 2006 und 2012 an mehr als 1.200 extremen Frühgeborenen der Frage nachgegangen, welche Sauerstoff­sättigung erforderlich ist, um einerseits die Versorgung des Gewebes sicherzustellen, andererseits aber eine toxische Wirkung des Sauerstoffs etwa auf die Netzhaut der Augen zu vermeiden.

Im Rahmen der Studie wurden kontinuierlich Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung bestimmt. Dabei stellte sich heraus, dass die Frühgeboren in unterschiedlicher Dauer Hypoxämien ausgesetzt waren. Bei einem Zehntel der Kinder war dies in weniger als 0,4 Prozent der Gesamtdauer der Fall, bei einem anderen Zehntel waren es mehr als 13,5 Prozent.

Die Tübinger Neonatologen haben jetzt die Dauer der Hypoxämie-Phasen mit der späteren Entwicklung der Kinder in Beziehung gesetzt. Der primäre Endpunkt war ein Composite aus Tod nach einem „postmenstruellen“ Alter von 36 Wochen, motorische Beeinträchtigungen, Verzögerungen in der kognitiven oder der Sprachentwicklung, schwerer Hörverlust oder eine Erblindung nach 18 Monaten. Dieser Endpunkt trat insgesamt bei 43 Prozent der Kinder auf. Im Zehntel der Kinder mit den längsten Hypoxämie-Phasen waren es 57 Prozent, beim Zehntel der Kinder mit den kürzesten Hypoxämie-Phasen dagegen nur 37 Prozent.

Eine signifikante Assoziation bestand jedoch nur für Hyoxämie-Phasen von mehr als einer Minute Dauer. Das relative Risiko betrug hier 1,66 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,35 bis 2,05. Kinder mit kürzeren Hypoxämie-Phasen trugen nicht häufiger Spätschäden davon (relatives Risiko 1,01; 0,77-1,32). Die Neonatologen haben auch den Einfluss des Bradykardie untersucht. Hier wurde keine Assoziation mit der Prognose gefunden.

Poets vermutet deshalb, dass eine Vermeidung von längeren Hypoxämie-Phasen die Überlebenschancen von extrem Frühgeborenen verbessern und schwere Behin­derungen verhindern könnten. Dies könnte beispielsweise durch Doxapram oder höheren Dosierungen von Koffein geschehen, die eine stimulierende Wirkung auf die Atmung haben.

Für eine Therapieempfehlung sind die Ergebnisse einer „Post Hoc“-Analyse jedoch nicht ausreichend. Der nächste Schritt müsste in der Durchführung von randomisierten klinischen Studien bestehen, mahnt der Editorialist Lex Doyle von der Universität von Melbourne an. In der Neonatologie gebe es viele Beispiele dafür, dass auf der Basis von Beobachtungsstudien eingeführte Therapien mehr Schaden als Nutzen verursacht hätten. © rme/aerzteblatt.de

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