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Medizin

„Low-T“: Testos­teron-Substitution im Alter ohne nachgewiesenen Nutzen

Mittwoch, 12. August 2015

Testosteron-Molekül dpa

Boston/Kansas City – Eine Hormonsubstitution hat in einer randomisierten Studie an älteren Männern mit niedrigen Testosteronwerten („Low-T“) die Atherosklerose im Alter nicht gebremst, und auch die erhofften Auswirkungen auf das Sexualleben blieben laut der Publikation im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2015; 314: 570-581) weitgehend aus. In einer retrospektiven Studie im European Heart Journal (Online) war die Einnahme von Testosteron dagegen mit einer niedrigen Rate von Herzinfarkten und einer verminderten Sterblichkeit assoziiert.

Die retrospektive Studie, die Rajat Barua vom VA Medical Center in Kansas City an US-Veteranen durchgeführt hat, zeigt, wie beliebt die Hormontherapie bei älteren Männern mit „Low T“ ist: Von 91.012 Männern, bei denen zwischen 1999 und 2014 ein niedriges Gesamttestosteron nachgewiesen wurde, entschieden sich 69.632 für eine Therapie. Davon viele vermutlich ohne Grund, denn von den 21.380 Veteranen, die sich gegen eine Behandlung entschieden, hatten 8.002 Personen bei späteren Untersuchungen eine Gesamttestosteron-Konzentration im Normalbereich.

Der hohe Anteil der Behandlungen überrascht nicht nur, weil das Gesamttestosteron ein zweifelhaftes Indikationskriterium für eine Hormontherapie ist, relevanter ist der Anteil des nicht an Proteinen gebundenen „freien“ Testosterons. Hinzu kommt, dass es spätestens seit 2010 Bedenken gegen den Einsatz von Testosteron gibt. Damals war die „Testosterone in Older Men with Mobility Limitations (TOM)“, eine randomisierte Studie, zu dem Ergebnis gekommen, dass der Einsatz von Testosteron bei älteren gebrech­lichen Männern mit „Low-T“ zu einem Anstieg von kardiovaskulären Ereignissen führt (NEJM 2010; 363: 109-122).

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Wie Barua jetzt berichtet, war dies bei den US-Veteranen nicht der Fall. Die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle und auch die Gesamtsterblichkeit war bei den Männern, die durch die Behandlung ihr Testosterondefizit ausgleichen konnten, signifikant gesenkt. Auch gegenüber den Männern, die zwar Hormonpräparate benutzten, aber keine Normalwerte erreichten, war die Zahl der kardiovaskulären Ereignisse und die Sterblichkeit vermindert.

Im Unterschied zu der TOM-Studie waren die US-Veteranen zu Beginn der Studie noch frei von kardiovaskulären Ereignissen. Patienten mit früheren Herzinfarkten oder Schlaganfällen waren von der Analyse ausgeschlossen worden. Dies eröffnet die Möglichkeit, dass Testosteron bei Männern mit „Low-T“ dann sicher ist und möglicher­weise sogar einen Nutzen hat, wenn noch keine Folgekrankheiten der Atherosklerose aufgetreten sind.

Die Evidenz von Beobachtungsstudien wird allerdings als niedrig eingeschätzt. Aufgrund der fehlenden Randomisierung ist es möglich, dass Veteranen mit günstigen kardio­vaskulären Risikofaktoren bevorzugt für die Hormontests und für die Therapie ausgewählt wurden. Das würde dann die niedrigere Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen erklären. Die kritische Einstufung der Hormontherapie macht eine selektive Therapie von Personen mit günstiger Prognose sogar plausibel. Außerdem stehen die Ergebnisse im Widerspruch zu anderen Beobachtungsstudien, auf die die FDA zuletzt im März 2015 hingewiesen hat. Die US-Fachinformationen müssen jetzt auf ein möglicherweise erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko hinweisen.

Eine höhere Evidenz können die Ergebnisse der „Effects on Atherosclerosis Progression in Aging Men“ oder TEAAM-Studie für sich beanspruchen. Es handelt sich um eine randomisierte Studie, die das Team um Shalender Bhasin von der Harvard Medical School, Boston, nach dem Scheitern der TOM-Studie begonnen hatte. Auch Bhasin ging von der Prämisse aus, dass eine Hormonsubstitution Männern mit niedrigen Testos­teron­spiegeln am ehesten nutzt, wenn es noch nicht zu kardiovaskulären Erkrankungen gekommen ist. An der Studie nahmen 308 Männer über 60 Jahre mit Hypogonadismus teil. Einschlusskriterium war ein Gesamttestosteron von 100-400 ng/dl oder ein freies Testosteron von weniger als 50 pg/ml.

Während der dreijährigen Therapie verwendeten die Männer täglich ein Gel, dass 7,5 Gramm Testosteron oder Placebo enthielt. Dadurch sollte das Gesamttestosteron auf 500 und 900 ng/dl erhöht werden. Die Teilnehmer waren zwar in einem guten Gesund­heits­zustand. Die meisten hatten jedoch kardiovaskuläre Risikofaktoren: 42 Prozent hatten Bluthochdruck, 15 Prozent Diabetes, 27 Prozent waren übergewichtig und 51 Prozent hatten erhöhte Blutfette. Bei 15 Prozent war bereits eine koronare Herzkrankheit diagnostiziert worden.

Das Ziel der Studie war es, das Fortschreiten einer subklinischen Atherosklerose zu verlangsamen. Die primären Endpunkte waren die per Ultraschall ermittelte Intima-Media-Dicke der Halsschlagader und die per Computertomographie bestimmten Verkalkungen der Koronararterien. Zu den sekundären Endpunkten gehören die sexuelle Funktion und die gesundheitsbezogene Lebensqualität.

Die Hoffnung, dass die Testosteron-Behandlung das Fortschreiten der Atherosklerose verlangsamt, erfüllte sich nicht. Die Intima-Media-Dicke und die Koronarverkalkungen nahmen in beiden Studienarmen gleich stark zu. Auch die positiven Auswirkungen auf das Sexualleben und die Lebensqualität blieben aus. Erektile Funktion, Orgasmus­funktion und Libido besserten sich nur tendenziell. Einzig die Zufriedenheit mit dem Geschlechtsverkehr stieg signifikant, doch die Unterschiede waren laut Bhasin eher gering.

Für die meisten Anwender dürften die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben. Testosteron ist kein Potenzmittel. Es ist jedoch ein Wirkstoff mit Risiken und Nebenwirkungen, die bei der Verordnung bedacht werden müssen. In der Studie fiel ein signifikanter Anstieg des Hämatokrits und des Hämoglobins auf. Auch die Lipidwerte können sich verschlechtern. Testosteron kann zudem zu einer Vergrößerung der Prostata führen, was sich in der Studie in einem Anstieg des PSA-Werts und des International Prostate Symptom Score (IPSS) bemerkbar macht: 14 Patienten im Testosteron-Arm gegenüber 2 im Placebo-Arm hatten am Ende einen IPSS-Wert von 21 oder höher, der eine stark symptomatische Prostatavergrößerung anzeigte. © rme/aerzteblatt.de

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