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Medizin

Afrika seit einem Jahr (beinahe) ohne Polio

Mittwoch, 12. August 2015

Genf – Aus Afrika wird seit einem Jahr keine neue Polio-Erkrankung mehr gemeldet. Den Kontinent für polio-frei zu erklären, wäre nach Auskunft der Global Eradication Initiative der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) jedoch zu früh – zumal es jüngst zu mehreren Polio-Erkrankungen durch Impfstoffviren gekommen ist.

Dank der oralen Impfung ist es in den letzten Jahrzehnten gelungen, die Polio weitgehend zurückzudrängen. Erkrankten 1988 noch mehr als 350.000 Kinder pro Jahr, werden seit 2001 weniger als 2.000 Fälle gemeldet. Im letzten Jahr waren es nur noch 359 Erkrankungen, die überwiegend in Pakistan und Afghanistan aufgetreten waren. In diesen beiden Ländern gab es in diesem Jahr nur noch 34 Erkrankungen, deutlich weniger als in den Jahren zuvor. In Afrika wurde die letzte Erkrankung am 11. August letzten Jahres aus Somalia gemeldet. Der Kontinent ist deshalb - erstmals in seiner Geschichte – seit einem Jahr polio-frei, wie die Global Eradication Initiative in einer Pressemitteilung bekannt gab.

Diese Nachricht ist allerdings nicht ganz richtig. In diesem Jahr sind nämlich acht Kinder in Madagaskar und ein Kind in Nigeria an einer schlaffen Kinderlähmung erkrankt, die durch Impfstoffviren ausgelöst wurden. Zu Erkrankungen kann es kommen, weil der orale Impfstoff aus abgeschwächten, aber lebensfähigen Viren besteht. Die Viren vermehren sich im Darm und werden dann über den Kot ausgeschieden. Bei der Replikation kommt es zu Mutationen. Das Impfstoffvirus verändert sein genetisches Make-Up und in seltenen Fällen erlangt es dabei die Fähigkeit, eine Polio auszulösen. Über den fäkal-oralen Infektionsweg kann das pathogene Impfstoffvirus andere Kinder anstecken, die dann zu einem geringen Prozentsatz an einer Polio erkranken. 

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Auch diese Weise kann es zu Ausbrüchen kommen. Sie machen die gleichen Gegenmaßnahmen wie bei der echten Polio erforderlich. In Madagaskar wurden deshalb in den letzten Monaten die Impfanstrengungen intensiviert. Mit Erfolg: Die letzte Erkrankung datiert von 7. Juli diesen Jahres. 

Die Möglichkeit einer Impfstoff-Polio besteht, solange die WHO die kostengünstige Schluckimpfung durchführt. Die Eradikation, die derzeit wieder in den Bereich des Möglichen gerückt ist, kann deshalb erst erklärt werden, wenn die Impfungen komplett von der Schluckimpfung auf den inaktivierten Polio-Impfstoff (IPV) umgestellt wurden.

Dies ist für die Zeit nach der letzten Wildtyp-Polio geplant. Der Hersteller des IPV, Sanofi, hat sich im letzten Jahr bereit erklärt, den Impfstoff an die ärmsten 73 Länder zu einem Sonderpreis von 0,75 Euro (ca. 1 US-Dollar) abzugeben. Auch diese Kosten können die meisten Länder nicht tragen, so dass die GAVI Alliance (Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung) und ihr Hauptsponsor, die Bill & Melinda Gates-Stiftung, einspringen sollen.

Eine weitere Unsicherheit entsteht dadurch, dass nur etwa eines von hundert infizierten Kindern an einer Polio erkrankt. Die WHO kann deshalb nicht davon ausgehen, dass nach der letzen Erkrankung keine Viren mehr zirkulieren. 

Afrika war in der Vergangenheit schon öfter das letzte Rückzugsgebiet für Krankheitserreger. Die letzte Pocken-Erkrankung trat 1977 in Somalia auf. Im Jahr 2001 wurde aus Kenia der letzte Fall der Rinderpest gemeldet. Diese Viruserkrankung befällt zwar nicht den Menschen, hat aber infolge von Hungersnöten in der Vergangenheit immer wieder Millionen von Todesopfern gefordert. © rme/aerzteblatt.de

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