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Politik

Foodwatch: Kindermarketing bei ungesunden Lebensmitteln verbieten

Montag, 24. August 2015

dpa

Berlin – Vor acht Jahren haben sich die größten multinationalen Lebensmittelhersteller dazu verpflichtet, kein gezieltes Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel zu betreiben. Diese Selbstverpflichtung haben die Unternehmen, zu denen Ferrero, Danone, Nestlé und Coca-Cola zählen, nicht eingehalten, wie die Verbraucher­schutzorganisation Foodwatch heute in Berlin erklärte. Denn neun von zehn Produkten dieser Hersteller erfüllten nicht die Anforderungen der Welt­gesund­heits­organi­sation an ernährungsphysiologisch ausgewogene Lebensmittel.

„Mit wohlklingenden Selbstverpflichtungen inszeniert sich die Lebensmittelbranche als Vorreiter im Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung – vermarktet aber gleichzeitig tonnenweise Süßigkeiten und Junkfood gezielt an Kinder“, kritisierte Oliver Huizinga von Foodwatch. Die Lebensmittelwirtschaft sei nicht Teil der Lösung, sondern Kern des Problems. Wie weitreichend dieses Problem sei, sei auch daran zu erkennen, dass die Unternehmen McDonald’s und Burger King bei der Studie noch am besten abgeschnitten hätten.

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Werbebudget für Süßwaren einhundert Mal höher als Budget der BZgA
Übergewicht sei der entscheidende Treiber für chronische Krankheiten und vorzeitigen Tod, betonte Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Sprecher der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten. Ernährungs­gewohnheiten würden in der Kindheit erlernt und setzten sich in den meisten Fällen im Erwachsenenalter fort. Deshalb sei es dringend erforderlich, das Ernährungsangebot und -verhalten zu verändern.

„Die Befürworter der Eigenverantwortlichkeit übersehen, dass es keine Waffengleichheit gibt“, betonte Garlichs. „Für Süßwaren werden einhundert Mal so viele Werbegelder ausgegeben wie für die Bewerbung von Obst und Gemüse.“ Und das Budget der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betrage noch nicht einmal ein Prozent des Budgets, das für die Bewerbung von Süßwaren zur Verfügung stehe.

„Eine freiwillige Selbstverpflichtung nutzt nichts“
Garlichs erklärte, dass vor allem ärmere Schichten von Übergewicht betroffen seien. So habe eine Schuleingangsprüfung in Kassel gezeigt, dass zehnmal so viele Kinder aus ärmeren Vierteln übergewichtig gewesen seien als Kinder aus wohlhabenderen Vierteln. „Die sogenannte Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie für die Kinderlebens­mittelwerbung ist eine Mogelpackung und täuscht den Verbraucher“, betonte Garlichs. Die meisten dieser Lebensmittel seien schlichtweg Süßigkeiten. Das auf Kinder ausgerichtete Marketing für diese Lebensmittel müsse per Gesetz eingedämmt werden, „sonst werden wir die Welle der Fehlernährung und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nicht stoppen.“

Ein Einschreiten des Gesetzgebers forderte auch Foodwatch-Gründer Thilo Bode. „Die Unternehmen untergraben mit unlauteren Methoden die Erziehungsbemühungen der Eltern“, sagte er. „Eine freiwillige Selbstverpflichtung nutzt nichts. Das hat in den 1980er-Jahren schon bei der Umweltpolitik nicht funktioniert.“ Für die Unternehmen seien die Gewinnspannen bei ungesunden Lebensmitteln dreimal so hoch wie bei gesunden. Deshalb würden sie ihr Marketing nur dann ändern, wenn sie vom Gesetzgeber dazu gezwungen würden.

Scharfe Kritik vom Branchenverband
Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde als Branchen-Spitzenverband kritisierte die Studie scharf. „Foodwatch verunglimpft sichere und qualitativ hochwertige Lebensmittel aufgrund von Nährwertprofilen, die eine reine Empfehlung und keine verpflichtende Vorgabe darstellen, erst vor wenigen Monaten veröffentlicht und zudem in einem intransparenten Verfahren bestimmt wurden", erklärte BLL-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff.

Es würden wissenschaftlich nicht belegte Kausalzusammenhänge behauptet. So blieben die Autoren der Studie etwa die Antwort schuldig, warum 94 Prozent der Kinder in Deutschland nicht adipös sind, obwohl sie den gleichen medialen, gesellschaftlichen und gesetzlichen Bedingungen ausgesetzt sind, wie die sechs Prozent betroffenen adipösen Kinder. © fos/afp/aerzteblatt.de

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