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Ärzteschaft

Ärzte und Apotheker fordern garantierte Verfügbarkeit unverzichtbarer Arzneimittel

Freitag, 28. August 2015

Berlin - Angesichts anhaltender Lieferengpässe des Krebsmedikaments Alkeran® (Wirkstoff: Melphalan) haben Ärzte und Apotheker den Gesetzgeber aufgefordert, die Verfügbarkeit von wichtigen Arzneimitteln verlässlich sicherzustellen. Zuvor hatte der Hersteller angekündigt, das Medikament voraussichtlich erst ab Mitte Oktober wieder liefern zu können.

Melphalan wird vor allem in der Behandlung von Leukämien und Lymphomen zur Vorbereitung auf Stammzelltransplantationen eingesetzt und ist in dieser Indikation laut Bundes­ärzte­kammer (BÄK) nicht durch andere Substanzen zu ersetzen. Dadurch muss die Therapie betroffener Patienten derzeit auf unbestimmte Zeit verschoben werden, was zu einer negativen Krankheitsentwicklung führen kann. Laut Arzneiverordnungs­report 2014 wurden letztes Jahr rund 350.000 definierte Tagesdosen (DDD) in Deutschland benötigt.

Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA), die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) sowie die Deutsche Gesellschaft für Onkologische Pharmazie (DGOP) hatten bereits in der Vergangenheit wiederholt auf die Problematik von Liefer­abrissen hingewiesen. „Das Beispiel Melphalan zeigt erneut, dass es ohne weitere rechtliche Regelungen nicht möglich ist, solche Engpässe zukünftig zu vermeiden“, hieß es aus der BÄK. Die im Arzneimittelgesetz vorgesehenen Schutzmaßnahmen seien bei weitem nicht ausreichend. Stattdessen sei eine klar geregelt, enge Zusammenarbeit der pharmazeutischen Unternehmen mit den Zulassungsbehörden unverzichtbar.

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Darüber hinaus kritisierte die Kammer den kaum nachvollziehbaren Preisanstieg für bewährte und unverzichtbare Krebsmedikamente wie Melphalan, Carmustin oder Thiotepa, der beim Import von  Alkeran® sowie einem Melphalan-Generikum aus den USA deutlich sichtbar werde: „Hier wird anscheinend aus der Not der Nichtverfügbarkeit finanzieller Profit geschlagen: Statt dem üblichen Preis von 150 Euro pro 50 mg für die in Deutschland verfügbare Ware sollten nun Preise von 2.940 Euro für einen Alkeran®-Restbestand beziehungsweise 4.170 Euro pro 50 mg für die generische Ware bezahlt werden“, kritisierte die Kammer. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 1. September 2015, 00:19

@helligx

Der Sicherstellungsauftrag funktioniert nur, wenn der "Sichersteller" auf deutschem Boden heimisch ist und sich das gefallen lässt.
Beides gilt für die Pharmaindustrie nicht, die kann ins Ausland verlagern - oder zumindest damit drohen.
Arzneimittel in Deutschland entwickeln und zur Zulassungsreife bringen, wäre für Pharmahersteller blanke Idiotie.
Hier sitzt Deutschland heute am schmutzigen Ende des Stocks namens "Globalisierung" - und zwar verdient!
Avatar #539104
heliggx
am Montag, 31. August 2015, 21:07

Sicherstellungsaufträge für Pharmafirmen

... wären auch eine gute Lösung. Warum soll nur die Ärzteschaft gezwungen sein, bestimmte Leistungen vor zu halten - genauso wäre als Zugang für Firmen zum Deutschen Markt denkbar, daß es Zulassungen bzw. Erstattungen durch die GKV nur gibt, wenn Maßnahmen für eine gesicherte lückenlose Versorgung durch redundante Strukturen und nachgewiesene Produktionsreserven dokumentiert und als funktionierend nachgewiesen werden.
Reine Marktlogik hat dort, wo es um das Wohl von Menschen geht, nichts zu suchen. S.z.B. auch die Riesenprobleme mit den "orphan-Drugs"
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Sonntag, 30. August 2015, 23:43

Schuld tragen nicht nur die Firmen,

streng genommen ist die GKV in Deutschland ein Kartell, welches so lange Monopolpreise diktiert hat, bis es zum Marktversagen gekommen mußte. Spätestens dann, wenn für einen wichtigen Wirkstoff weltweit weniger als drei unabhängige Hersteller am Markt sind, sollten die Daumenschrauben der Zwangsrabatte gelockert werden.

Da die GKV einen Sicherstellungsauftrag hat, könnte sie selbst als Pharma-Großhändler auftreten und für problematische Substanzen einen Jahresbedarf irgendwo in einer großen Kühlhalle einlagern. Aber ob dies wirklich günstiger ist als der Verzicht auf Zwangsrabatte wage ich zu bezweifeln.

Es wäre sicher eine interessante Aufgabe für ein juristische Promotion zu schauen, ob das SGBV aus kartellrechtlicher Sicht überhaupt so bestehen dürfte.
Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 30. August 2015, 22:43

Das könnte

durchaus ein Effekt der Preispolitik der deutschen Krankenkassen sein - wer am schlechtesten zahlt, wird zuletzt beliefert! Die erfolgreiche Vertreibung der forschenden Pharmaindustrie aus Deutschland tut ihr übriges dazu. Wenn ein amerikanischer Konzern in Indien produzieren lässt, muss sich Deutschland hinten in der Warteschlange anstellen, wenn es Engpässe gibt - da nützt kein Gesetz...
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