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Ärzteschaft

Bürokratie verursacht Kosten von mehr als vier Milliarden Euro

Freitag, 28. August 2015

Foto: Lopata

Berlin – Das Statistische Bundesamt beziffert die Bürokratiekosten im ambulanten Bereich auf 4,33 Milliarden Euro pro Jahr. Das geht aus dem Bericht „Mehr Zeit für Behandlung“ hervor, den das Amt im Auftrag des Nationalen Normenkontrollrates angefertigt hat. Insgesamt hat das Statistische Bundesamt 371 verschiedene sogenannte Informationspflichten identifiziert, die ambulant tätige Ärzte erbringen müssen. 298 davon wurden von der vertragsärztlichen Selbstverwaltung erlassen, 33 von der vertragszahnärztlichen Selbstverwaltung und 40 vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Zu diesen Informationspflichten zählen auch Arzneimittel­verord­nungen, Abrechnungen ärztlicher Leistung oder Überweisungen. Die 42 aufwendigsten Pflichten summieren sich dem Bericht zufolge auf 95 Prozent des Gesamtaufwandes.

Die Bürokratiekosten errechnen sich zum einen aus der Zeit für die Erledigung einer Informationspflicht, die mit dem Gehalt desjenigen multipliziert wurde, der diese Pflicht erbringt, und zum anderen aus der Anzahl der erbrachten Informationspflichten. Kosten, die ohnehin während einer medizinischen Behandlung anfallen, wurden von diesem Betrag subtrahiert. In den Bericht flossen auch die Ergebnisse von Interviews mit Vertragsärzten ein.

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Normenkontrollrat: In zwölf Bereichen kann Bürokratie abgebaut werden
Für die Erbringung der 371 Informationspflichten benötigen Ärzte und ihre Praxismitar­beiterinnen und –mitarbeiter einen Zeitraum von 14 Millionen Tagen pro Jahr, heißt es in dem Bericht. Umgerechnet auf die Anzahl der Praxen sind das 96 Tage pro Jahr. „Pro Praxis ist eine Halbtagskraft also das ganze Jahr über damit beschäftigt, Informations­pflichten zu erfüllen“, erklärte Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundes­amtes, heute bei der Präsentation des Berichts in Berlin.

In Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Kassen­zahnärztlichen Bundesvereinigung, der Bundeszahnärztekammer und dem GKV-Spitzenverband hat der für den Bürokratieabbau in Deutschland zuständige Normen­kontrollrat 20 Handlungsempfehlungen identifiziert, mit denen der bürokratische Aufwand und die Bürokratiekosten in Zukunft gesenkt werden können. Die zwölf Empfehlungen für den vertragsärztlichen Bereich betreffen

  • Anfragen von Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung auf vereinbarten Vordrucken,
  • die Bescheinigung von Arbeitsunfähigkeit,
  • das einrichtungsinterne Qualitätsmanagement,
  • die Heilmittelverordnungen,
  • die Verordnung der Krankenbeförderung,
  • das Genehmigungsverfahren Psychotherapie,
  • die Bescheinigung zum Erreichen der Belastungsgrenzen im Rahmen der Chroniker-Richtlinie,
  • das Normerprobungsverfahren,
  • die Verordnung von medizinischer Rehabilitation,
  • der Verzicht auf die Genehmigung zur Teilnahme an der Blankoformularbedruckung,
  • Erläuterungstexte für die vereinbarten Vordrucke in der Praxissoftware und
  • die Praxis der Ex-ante-Abschätzung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss.

Hinzu kommt für den Bereich der Bundesgesetzgebung

  • die Verschreibung von Betäubungsmitteln.

Die übrigen sieben Empfehlungen betreffen den vertragszahnärztlichen Bereich.

Der stellvertretende Vorsitzende des Normenkontrollrates, Wolf-Michael Catenhusen, bezifferte die Höhe der Bürokratiekosten, die mit diesen Maßnahmen eingespart werden könnten, auf „einen dreistelligen Millionenbereich“.

„E-Health-Gesetz bietet Chancen zum Bürokratieabbau“
Die meisten Kosten verursachen in der Berechnung des Statistischen Bundesamtes jedoch Tätigkeiten, die Ärzte sehr häufig vornehmen, wie die Verordnung von Arzneimitteln oder die Abrechnung ärztlicher Leistungen. Für diese Bereiche habe man sich außerstande gesehen, die bürokratischen Aufwände zu reduzieren. Catenhusen wies indes darauf hin, dass das von der Bundesregierung geplante E-Health-Gesetz eine Chance biete, um Bürokratie mit Hilfe von Informationstechnik abzubauen.

Zudem erklärte Catenhusen, dass im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) und in der Selbstverwaltung auf Bundesebene der Abbau von Informationspflichten in folgenden Bereich bereits angestoßen sei:

  • Verordnung von Hörhilfen,
  • Verordnung von häuslicher Krankenpflege,
  • Dokumentation von zytologischen Untersuchungen (Muster 39),
  • Ausfüllen und Archivieren (Muster 30),
  • Verordnung stationärer Krankenhausbehandlung,
  • Bestätigung der persönlichen Leistungen und Laborkosten.

Feldmann: „Wir können zeigen, dass es nicht nur eine gefühlte Belastung gibt“
„Die Ergebnisse, die dieses großartige Projekt erbracht hat, sind für uns Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten von großer Wichtigkeit“, betonte KBV-Vorstand Regina Feldmann. „Denn anhand derer können wir zum ersten Mal zeigen, dass es nicht nur eine gefühlte Belastung durch ein Zuviel an Bürokratie gibt. Nein, es gibt sie wirklich.“

Im Rahmen des Projektes sei klar geworden, dass die größte Belastung nicht durch die medizinische Dokumentation oder durch Maßnahmen der Qualitätssicherung entstehe. Qualitätssicherung und Maßnahmen zur Patientensicherheit seien für die Ärzteschaft ein hohes Gut. „Der größte zeitliche Aufwand entsteht in den Bereichen, in denen Kostensteuerung eine große Rolle spielt. Hier muss es gelingen, den Fokus wieder stärker auf die Behandlung der Patienten zu richten“, betonte Feldmann. Vor dem Hintergrund des Hausärztemangels sei es dringend erforderlich, die noch zur Verfügung stehende Arztzeit nicht mit unnötiger Bürokratie verbringen zu müssen.

Einige Projekte zum Bürokratieabbau sind bereits angestoßen
Auch Feldmann wies auf Maßnahmen zum Bürokratieabbau hin, die bereits angestoßen worden seien: „Wir haben mit dem Abbau der Bürokratie durch die Vereinfachung der Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit durch die Zusammenlegung von Muster 1 und Muster 17 sowie die Vereinheitlichung der Fristen bereits begonnen. Diese Änderung wird zum 1. Januar 2016 wirksam. Bei der Verordnung der medizinischen Rehabilitation soll zukünftig das Muster zur Einleitung, der sogenannte ‚Antrag zum Antrag‘ entfallen.“

Weitere Maßnahmen nannte die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer. So werde es zukünftig ein standardisiertes Formular bei der Beantrag der Arbeitsunfähigkeit nach Entgeltfortzahlung geben. Bislang habe jede Krankenkasse eigene Formulare verwendet. Zudem könne ein Arzt künftig eine medizinische Rehabilitation direkt verordnen, wenn er sich sicher sei, dass die Krankenkasse und nicht die Rentenversicherung zuständig sei.

Pfeiffer: „Die Ausstellung einer Überweisung ist keine Informationspflicht“
Pfeiffer relativierte zudem die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. „Die Ausstellung einer Überweisung oder eine Arzneimittelverordnung ist keine Informationspflicht“, sagte sie. Insofern müsse die Schätzung der Gesamtbürokratiekosten mit Vorsicht betrachtet werden. Darüber hinaus meinte sie, dass die Abgrenzung zwischen Bürokratiekosten und den Kosten, die ohnehin für eine medizinische Behandlung anfallen, nicht eindeutig zu treffen sei.

Abschließend wies Catenhusen darauf hin, dass der Normenkontrollrat die Umsetzung der identifizierten Maßnahmen kontrollieren wolle. Und er erklärte, dass der stationäre Bereich aus „arbeitstechnischen Gründen“ nicht mit in die Untersuchung aufgenommen worden  sei. Dies wäre der nächste Schritt in der Arbeit, Bürokratiebelastung abzubauen.

© fos/aerzteblatt.de

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Avatar #702656
Sinella
am Montag, 7. September 2015, 22:22

Endlich

Endlich wird darüber gesprochen. Die Bürokratie kann überall abgebaut werden und uns das Leben leichter machen. Die Frage ist, ob die Beamten das zulassen werden. Ich hoffe es wird sich etwas ändern.
Grüsse
Anna
http://almatest.com
Avatar #563973
Housearzt
am Montag, 31. August 2015, 06:50

Schön, dass das jemand merkt.

Hoffentlich brauchen die Ärztinnen und Ärzte 2025 keine Nadeldrucker von 1980 mehr für die BTM Verordnung. Das wäre dann ein Fortschritt.
LNS

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