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Ärzteschaft

„Das war eine bewegende Zusammenkunft“

Mittwoch, 2. September 2015

Berlin – Ende August trafen sich in Berlin erstmals die Vorstände der Bundesärzte­kammer und der Israeli Medical Association zu einer gemeinsamen Sitzung. Anlass war das 50-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten. Das Treffen war von großer Herzlichkeit geprägt, ohne die schwierige Vergangenheit unter der NS-Diktatur auszublenden.

5 Fragen an Ulrich Clever, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg und Menschenrechtsbeauftragter der Bundes­ärzte­kammer

DÄ: Herr Clever, der Präsident der Israeli Medical Association, Leonid Eidelman, hat die gemeinsame Vorstandssitzung mit der Bundes­ärzte­kammer als historisches Ereignis bezeichnet. Wie haben Sie das Treffen erlebt?
Clever: Das war eine bewegende Sitzung. Eine gewisse Aufregung war bei jedem zu spüren. Man wusste ja vorher nicht, wie das Treffen verlaufen würde. Ich habe mich viel mit dem Thema Nationalsozialismus und Medizin beschäftigt. Insofern wusste ich, wie viele Ärzte in Berlin und anderswo jüdischer Herkunft waren und dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen. Dass aber etliche Mitglieder der israelischen Delegation familiäre Bindungen in Deutschland hatten, weil deren Eltern oder Großeltern hier als Ärzte praktizierten, das habe ich nicht erwartet. Das war schon sehr berührend.

Dazu kam das gemeinsame Gebet für die Opfer des Holocaust, das die beiden Vizepräsidenten, Max Kaplan und Moshe Kostiner, gesprochen haben, das gemeinsame Tragen der Kippa. Das waren besondere Momente. Insofern kann ich der Einschätzung von Leonid Eidelman nur zustimmen.

Deutsch-Israelische Kooperation: Die richtige Zeit, zusammenzukommen

Erstmals haben die Vorstände von Bundes­ärzte­kammer und Israeli Medical Association gemeinsam getagt. Das Treffen war von großer Herzlichkeit geprägt. Ohne die Vergangenheit unter der NS-Diktatur auszublenden, setzt man für die Zukunft auf gute Zusammenarbeit. 

DÄ: Das deutsch-israelische Verhältnis ist ohne eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit undenkbar. Warum ist eine Erinnerungskultur so wichtig und wie hat die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg das Thema aufgearbeitet?
Clever: Jede Generation muss sich mit der Geschichte auf ihre eigene Weise auseinandersetzen. Das hat mir mein Doktorvater, der Freiburger Medizinhistoriker Eduard Seidler, einmal gesagt. Und das stimmt, weil sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Wenn wir aber heute über Themen wie Präimplantationsdiagnostik sprechen, dann schwingt hierzulande immer die Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Zeit mit. Das müssen wir unseren Kindern oder auch der Gesellschaft immer wieder neu erklären, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und dem Vorwurf der persönlichen Schuld. Aber unsere beruflichen Vorgänger haben hier Schreckliches angerichtet. Natürlich beteiligen sich auch in anderen Ländern Ärzte an Verbrechen. Das ist kein deutsches Einzelphänomen. Allerdings war die industrielle Vernichtungsstrategie, die deutsche Ärzte in großer Zahl mitgetragen haben, schon einzigartig in der Weltgeschichte. Diese Verstrickung müssen wir immer wieder neu und in jeder Generation aufbereiten.

Dazu haben wir auch in Baden-Württemberg einiges beigetragen. Sicherlich war die erste Bezirksärztekammer, die das wissenschaftlich aufgearbeitet hat, die südbadische. 1997 hat man eine Dissertation zur Rolle der badischen Ärzteschaft in Nationalsozialismus in Auftrag gegeben. In der nordwürttembergischen Bezirksärztekammer gibt es seit einigen Jahren einen Ausschuss, der sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit beschäftigt. Am 17. Februar 2016 werden wir in Stuttgart eine Erinnerungs-Stele einweihen zum Gedenken an die Ärzte, die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Das sind vor allem natürlich jüdische Ärzte, aber auch linke Ärzte, die ebenfalls verfolgt wurden. 2012 hat die Lan­des­ärz­te­kam­mer im Haus der Geschichte in Stuttgart eine Veranstaltung zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten unter Beteiligung der Ärzte organisiert. Ich habe mich damals in meinem Grußwort im Namen der Lan­des­ärz­te­kam­mer für diese Taten entschuldigt.

DÄ: Haben deutsche und israelische Ärzte eine besondere Verantwortung für die ärztliche Ethik?
Clever: Ja und nein. Grausamkeiten, auch solche, die von Ärzten begangen werden, sind keine deutsche Eigenschaft. Allerdings waren die nationalsozialistischen Verbrechen, wie schon gesagt, mit dem industriellen Hintergrund, der Planung, der Rassenideologie einzigartig. Man kann das nicht mit anderen Verbrechen, die in anderen Kriegen geschehen, vergleichen. Von daher Ja, weil wir das immer wieder in Erinnerung rufen müssen.

Interview mit Dr. Leonid Eidelman, Präsident der Israeli Medical Association und Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer: „Das ist ein historisches Ereignis“

Mit ihrer gemeinsamen Erklärung wollen die Ärzteorganisationen Deutschlands und Israels ein neues Kapitel ihrer Zusammenarbeit aufschlagen. Die Präsidenten über das schwere Erbe der Vergangenheit, wie sich die Welt verändert hat und dass Freundschaft möglich ist. 

Grundsätzlich meine ich aber, dass für die ärztliche Ethik alle Ärzte eine Verantwortung tragen – sei es in Afrika, Europa, Amerika oder Asien. Das sollte sich jede nationale Ärzteschaft auf ihre Fahne schreiben. Das muss der Weltärztebund einfordern.

DÄ: Spielt die Auseinandersetzung mit den Verbrechen während der Nazi-Herrschaft in ihrer Menschenrechtsarbeit eine Rolle?
Clever: Ganz aktuell zeigt sich das am Beispiel der Flüchtlinge aus Syrien. Der grausame Krieg dort, der so viele Menschen in die Flucht treibt, ist ein Grund, dem Grundrecht auf Asyl wieder eine höhere Bedeutung zuzumessen, als das vielleicht zwischenzeitlich der Fall war. Das Grundrecht auf Asyl ist in Deutschland deswegen so akzeptiert, weil wir aus der Geschichte wissen, wie jüdische Mitbürger, Roma und Sinti, Linke und Homosexuelle verfolgt wurden und aus Deutschland fliehen mussten. Diese Menschen brauchten irgendwo Asyl, und diese Kenntnis macht hier in der Flüchtlingspolitik im Moment noch einen Unterschied. Insofern spielt das auch in der Menschenrechtsarbeit eine Rolle.

DÄ: Kommen wir auf das Treffen zwischen den Ärzteverbänden zurück: Beide haben in Berlin betont, sie wollen die Erinnerung an die NS-Zeit wach halten, aber gleichzeitig in die Zukunft schauen. Gibt es Ideen für gemeinsame Projekte?
Clever: In erster Linie wird die Zusammenarbeit im Weltärztebund weitergehen. Aber ganz allgemein sind die Kontakte durch die gemeinsame Veranstaltung gefördert worden. Als Lan­des­ärz­te­kam­mer haben wir das Treffen zum Anlass genommen, uns ein Bild über die deutsch-israelischen Kontakte der Medizinischen Fakultäten in unserem Ländle zu verschaffen. Da läuft einiges. Es überfordert allerdings die Lan­des­ärz­te­kam­mern, hier beispielsweise Austauschprogramme zu organisieren. Das gehört auch nicht zu unseren Aufgaben. Das muss weiterhin beispielsweise über nationale studentische und universitäre Austauschprogramme geschehen. © HK/aerzteblatt.de

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