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Medizin

Takotsubo: „Gebrochenes Herz“ erhöht langfristiges Sterberisiko

Freitag, 4. September 2015

Zürich – Die Takotsubo- oder Stress-Kardiomyopathie ist keineswegs bloß eine harmlose funktionelle Störung des Herzmuskels, von der sich die zumeist weiblichen Patienten schnell erholen. Eine Auswertung eines internationalen Takotsubo-Registers im New England Journal of Medicine (2015; 373: 929-938) zeigt, dass die Erkrankung mit einer substanziellen Morbidität und Mortalität einhergeht. ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker könnten einen günstigeren Einfluss haben als Betablocker.

Das von Kardiologen der Universität Zürich eingerichtete „International Takotsubo-Registry“ ist weltweit einmalig. Ein Konsortium aus 26 Herz-Kreislauf-Zentren in neun Ländern (darunter Deutschland) hat in den letzten Jahren die Daten von 1.750 Patienten zusammengetragen, die neue Einblicke in die Epidemiologie der erstmals 1990 von japanischen Wissenschaftlern beschriebenen Erkrankung erlauben. Die Verkrampfung des Herzmuskels, die in der Kontrastmitteluntersuchung dem linken Ventrikel die Form einer in Japan gebräuchlichen Tintenfischfalle (Takotsubo) gibt, tritt bei Frauen neunmal häufiger auf als bei Männern – außer in Japan, wo sie, aus unbekannten Gründen häufiger bei Männern diagnostiziert wird.

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Auslöser des „gebrochenen Herzens“ sind laut Privatdozent Christian Templin vom UniversitätsSpital Zürich, dessen Arbeitsgruppe die Daten ausgewertet hat, keineswegs nur „psychische“ Ereignisse wie der Verlust einer geliebten Person, Mobbing am Arbeitsplatz oder Familienstreitigkeiten. Noch häufiger lagen „physische“ Trigger vor, etwa eine schwere Infektion oder eine Operation.

Für die Kardiologen ist die Erkrankung häufig weder klinisch noch diagnostisch von einem Herzinfarkt zu unterscheiden: Drei Viertel der Patienten hatten den charakteristischen Brustschmerz, die Hälfte litt unter Atemnot und eine Bewusstlosigkeit war ebenfalls nicht selten. Insgesamt 87 Prozent hatten bei der Aufnahme erhöhte Troponin-Werte (die dann im weiteren Verlauf aber deutlich weniger anstiegen als nach einem „echten“ Herzinfarkt). Im EKG wurden ebenso häufig ST-Hebungen gefunden (während ST-Senkungen deutlich seltener waren).

Eine Differenzialdiagnose ist nach Ansicht von Templin häufig nur durch eine Herz­katheter­untersuchung möglich, die dann die typische Verformung des linken Ventrikels zeigt. Die Autoren unterscheiden vier Formen, wobei der apikale Typ mit 81,7 Prozent mit Abstand am häufigsten war, gefolgt vom mittelventrikulären Typ (14,6 Prozent der Patienten), dem basalen Typ (2,2 Prozent der Patienten) und dem fokalen Typ 1,5 Prozent der Patienten). Die Herzkranzgefäße sind – im Gegensatz zum Herzinfarkt – offen. Immerhin 15,3 Prozent der im Durchschnitt 66 Jahre alten Patienten hatten jedoch eine Stenose in einzelnen Koronarien.

Auffällig war eine hohe psychoneurologische Komorbidität: Mehr als die Hälfte der Patienten (55,8 Prozent) hatte eine akute psychiatrische oder neurologische Episode in der Vorgeschichte. Es wäre dennoch falsch, die Stress-Kardiomyopathie als psycho­somatisches Ereignis ohne kardiologischen Krankheitswert zu interpretieren. Takotsubo ist laut Templin in der Akutphase ein lebensbedrohliches Krankheitsbild, das eine vergleichbare Sterblichkeit aufweist wie heute der akute Herzinfarkt (Takotsubo: 3,7 Prozent/akutes Koronarsyndrom: 5,3 Prozent). Bei jedem fünften Patienten – bei Männern häufiger als bei Frauen – kam es während des Klinikaufenthalts zu schweren Komplikationen. 

Auch nach der Entlassung haben Menschen mit Takotsubo eine erhöhte Morbidität und Mortalität: Templin ermittelte eine Rate schwerer unerwünschter kardialer und zerebro­vaskulärer Ereignisse von 9,9 Prozent pro Patientenjahr. Die Sterberate betrug 5,6 Prozent pro Patientenjahr. Dies begründet für den Kardiologen die Notwendigkeit einer prophylaktischen Therapie. Gegenwärtig gibt es laut Templin keine Therapierichtlinien für die Erkrankung.

Die Auswertung des Registers ergab jedoch, dass die Verordnung von ACE-Hemmern oder AT1-Antagonisten im ersten Jahr mit einer höheren Überlebensrate assoziiert war, während dies bei Betablockern nicht der Fall war. Retrospektive Analysen dieser Art gelten jedoch als wenig verlässlich. Die Auswertung des Takotsubo-Registers zeigt, dass Therapiestudien dringend notwendig sind. © rme/aerzteblatt.de

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