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Politik

Suizidrisiko von Flüchtlingen durch Screening auf psychische Erkrankungen reduzieren

Montag, 7. September 2015

Berlin – Viele Flüchtlinge und Asylbewerber, die in diesen Tagen in Deutschland Schutz suchen, sind in ihrer psychischen Gesundheit schwer belastet. Sie weisen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein erhöhtes Risiko für Suizide und Suizidversuche auf. Anlässlich des Welttages für Suizidprävention am 10. September forderten das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro) und Meryam Schouler-Ocak, leitende Oberärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im Berliner St. Hedwig-Krankenhaus, bei einer Pressekonferenz heute, die Betreuung der Betroffenen zu verbessern.

„Die Flüchtlinge haben oftmals traumatische Erlebnisse, die mit Krieg, Flucht und Vertreibung zu tun haben, hinter sich. Viele Frauen haben sexualisierte Gewalt erlebt. Hinzu kommt bei einigen der Verlust wichtiger Bezugspersonen und auch der kulturellen Identität“, berichtete Schouler-Ocak, die auch Leiterin des Fachreferats für Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist.

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Ausländische Studien wiesen darauf hin, dass die Rate an Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Flüchtlingen und Asylbewerbern um das zehnfache höher sei als in der Allgemeinbevölkerung. „Leider gibt es keine repräsentative Unter­suchung über die psychische Gesundheit von Flüchtlingen in Deutschland“, sagte Schouler-Ocak. Dabei sei die Erfassung von Daten beziehungsweise Forschung gerade auch zur Suizidprävention besonders wichtig.

Männliche Flüchtlinge haben besonders hohes Suizidrisiko
Bei männlichen Flüchtlingen ist die Rate an Suiziden und Suizidversuchen signifikant höher als bei einheimischen Männern, berichtete die Migrationsexpertin mit Bezug auf eine Studie aus den Niederlanden (Goosen et al., 2011). Als besondere Stressoren gelten die langen Asylverfahren, Einsamkeit und Isolation, Verlust von Angehörigen, Beziehungsprobleme, häufiger Transfer zwischen den Aufnahmeeinrichtungen und kaum Rückzugsmöglichkeiten dort. Ein besonderes Risiko haben zudem diejenigen, die vorher schon einmal Kontakt zum Versorgungssystem hatten. Häufig ist bei Flüchtlingen der Tod durch Strangulation und Intoxikation.

Adäquater Zugang zum psychiatrisch-psychotherapeutischen Hilfesystem
„Besonders suizidgefährdet sind diejenigen mit PTBS und Depressionen“, sagte Schouler-Ocak. Würde in den ersten Monaten nach Ankunft in Deutschland ein Screening auf psychische Erkrankungen bei den Flüchtlingen durchgeführt, könnte vielen geholfen und Suiziden vorgebeugt werden, glaubt sie. Zudem brauchten die Betroffenen einen adäquaten Zugang zum psychiatrisch-psychotherapeutischen Hilfesystem. „Die in zwei Bundesländern eingeführte Gesundheitskarte senkt die Hürden in dieses System leider nicht. Die genehmigungspflichtige Psychotherapie und die fehlende Übernahme an Dolmetscherleistungen sind große Hürden“, kritisierte Schouler-Ocak.

Um den Zugang zu den Versorgungsangeboten herzustellen, brauche es regionale Netzwerke, in die Notärzte, Akutkrankenhäuser, niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten und die Sozialämter eingebunden seien, fordern das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland und die DGPPN. Spezifische Behand­lungsangebote für betroffene Flüchtlinge sowie Gebührenordnungsziffern für Dolmetscherleistungen könnten Suizide vermeiden helfen. © pb/aerzteblatt.de

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