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Medizin

Pilotstudie: Gleichstrom­stimulation lindert Reisekrankheit

Dienstag, 8. September 2015

„off-vertical axis rotation“ auf einem Drehstuhl

London – Zwei Elektroden auf der Kopfhaut, zwischen denen ein Gleichstrom fließt, haben in einer experimentellen Studie die Dauer bis zum Auftreten einer Bewegungsübelkeit verlängert. Die Wirkung hing laut Neurology (2015; doi: 10.1212/WNL.0000000000001989) von der Fließrichtung des Stroms ab.

Die transkranielle Gleichstromstimulation wurde in den letzen Jahren als eine Möglichkeit entdeckt, auf nicht-invasivem Weg die Aktivität von Hirnregionen zu beeinflussen. Die wissenschaftlichen Studien konzentrierten sich bisher auf die Behandlung von Depressionen oder Epilepsien. Erst kürzlich hatte ein Team um Adolfo Bronstein vom Imperial College London entdeckt, dass bei der Platzierung einer Elektrode über dem linken parietalen Cortex die Reflexe des Gleichgewichtsnerven unterdrückt werden können (2014; 7: 85-91). Jetzt haben die Forscher eine mögliche Anwendung gefunden: die Behandlung der Reise- oder Seekrankheit (Kinetose).

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Eine zuverlässige Möglichkeit, eine Kinetose im Labor zu erzeugen, ist die „off-vertical axis rotation“ (OVAR). Dazu werden die Probanden im Dunkeln auf einem Drehstuhl fixiert, der Rotationsbewegungen in einer Kippstellung durchführt. Dies führte bei den zehn gesunden Männern und Frauen innerhalb von wenigen Minuten zu Übelkeit, die schnell einen Abbruch der OVAR erforderlich machte.

Diese Zeit wurde in der Studie durch eine transkranielle Gleichstromstimulation signifikant um 207 Sekunden verlängert, wobei die Variantionsbreite mit 32 bis 382 Sekunden relativ groß war. Dabei erzielten Probanden, die in einem Fragebogen die geringste Neigung zur Reisekrankheit angegeben hatten, die größte Wirkung. Die transkranielle Gleichstromstimulation verkürzte auch die Dauer der Übelkeit nach dem Abschalten des OVAR.

Die transkranielle Gleichstromstimulation wurde mit zwei Elektroden durchgeführt, die auf der Kopfhaut befestigt wurden. Die Stimulation wurde teilweise vor und teilweise während des OVAR-Experiments durchgeführt, um die prophylaktische und therapeu­tische Wirkung zu untersuchen. Dabei diente die Elektrode auf dem parietalen Schädeldach einmal als Kathode und das andere Mal als Anode.

Interessanterweise war eine Wirkung nur nachweisbar, wenn die Kathode auf dem Zielgebiet platziert war. Eine anodale Stimulation konnte die Übelkeit nicht verhindern oder lindern. Dass die Flussrichtung des Stroms für die Wirkung der transkraniellen Gleichstromstimulation entscheidend ist, wurde auch bei anderen Anwendungen bemerkt. Der Grund, wie auch der genaue Wirkungsmechanismus der transkraniellen Gleichstromstimulation, ist nicht genau bekannt.

Bronstein sieht in den Ergebnissen der randomisierten Studie, die die Wirkung mit einer Scheinbehandlung verglich, eine Klasse 2-Evidenz für den Einsatz der transkraniellen Gleichstromstimulation, die für die Patienten ohne Nebenwirkung sei. Schon in fünf Jahren könnten Geräte, die Reisende vor einer Kinetose schützen, Marktreife erreichen und in Apotheken angeboten werden, schreibt Bronstein in einer Pressemitteilung der Klinik.

Der Forscher hält es sogar für möglich, dass die Patienten die Elektroden dann mit ihrem Smartphone steuern. Tatsächlich ist die Stromstärke mit 1,5 mA relativ gering, und die Akkus dürften zumindest für eine 15-minütige prophylaktische Behandlung ausreichen. Alles weitere wird von den weiteren klinischen Studien abhängen, für die die Forscher derzeit Partner in der Industrie suchen. © rme/aerzteblatt.de

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