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Politik

Suizidpräventions­programm: Experten fordern, Zugänge zu hohen Bauwerken abzusperren

Dienstag, 8. September 2015

Berlin – Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben, mehr als 100.000 versuchen es. „Es sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und Aids zusammen. Besonders suizid­gefährdet sind vor allem ältere Menschen“, sagte Armin Schmidke, Vorsitzender des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro), am Montag bei einer gemein­samen Pressekonferenz mit der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus Berlin. Anlass war der kommende Welttag der Suizidprävention am 10. September. Suizidprävention müsse zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe gemacht werden, forderte Schmidke.

Frauen zwischen 15 und 20 Jahren haben das höchste Risiko eines Suizidversuchs
Jeder zweite Suizid einer Frau sei zurzeit der einer über 60-Jährigen, berichtete Schmidtke. Eine Rolle spielen häufig psychische Erkrankungen, soziale Isolierung, Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit. 50 bis 80 Prozent der Suizide seien mit Depressionen verbunden. Die häufigsten Suizidmethoden sind dem Vorsitzenden von NaSPro zufolge bei Männern der Tod durch Erhängen, bei Frauen das Vergiften, gefolgt vom Sprung vor den Zug. Ein besonders hohes Suizidrisiko hätten zudem Menschen mit Angst vor Demenz, Migranten und Menschen mit anderer als heterosexueller Orien­tierung. Das höchste Risiko eines Suizidversuchs haben junge Frauen zwischen 15 und 20 Jahren.

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Suizide könnten nach Ansicht des Experten jedoch oftmals verhindert werden. „Wenn bestimmte Zugänge, beispielsweise zu hohen Brücken oder Hochhäusern abgesperrt werden, können Menschen tatsächlich davon abgebracht werden sich selbst zu töten“, sagte Schmidke. „Sie versuchen es dann meist nicht erneut an anderer Stelle.“ Hohe Bauwerke sollten deshalb suizidpräventiv errichtet werden, forderte er.

Psychiatrische Kliniken suizidpräventiv bauen und gestalten
„Der Einfluss der Architektur auf die Suizidprävention wird unterschätzt“, betonte auch Nadine Glasow von der Arbeitsgemeinschaft „Bauwerke und Umwelt“ des NaSPro. Sie beschäftigt sich mit suizidpräventiven Maßnahmen psychiatrischer Kliniken. Denn rund 700 Menschen im Jahr nehmen sich während einer stationären psychiatrischen Behandlung das Leben. Wichtig sei vor allem die Methodenrestriktion, das heißt zum Beispiel: Geschosse nicht so zu bauen, dass sie zum Sprung in die Tiefe einladen.

Aber auch athmosphärische Gegebenheiten wie weiches Licht oder Abgrenzungen in den Patientenzimmern zur Errichtung von Privatsphäre, seien sehr wichtig. Ebenso sollten Befestigungsmöglichkeiten für Strangulationsgurte vermieden werden. „Externe Fachleute sollten zusammen mit Mitarbeitern der Kliniken eine systematische Überprüfung der baulichen Suizidprävention vornehmen“, sagte die Bauingenieurin. Das Nationale Suizidpräventionsprogramm sowie die Deutsche Akademie für Suizid­prävention bieten Zertifizierungsangebote an.

© pb/aerzteblatt.de

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Avatar #108046
Mathilda
am Mittwoch, 9. September 2015, 16:20

Suizidprävention - Eingriff in die Entscheidungsfreiheit des Menschen?

Ist man sich wirklich so sicher, dass das Verhindern aller Möglichkeiten zum Suizid - sofern das überhaupt machbar ist - tatsächlich human ist? Sicher sollten in akuten Situationen Gespräche und Behandlungen, mit Einverständnis und Zustimmung des Menschen auch Medikamentengabe erfolgen.
Wenn der Mensch aber aus freier Entscheidung wirklich sterben will - ist das dann nicht seine eigener Wille? Wer hat das Recht, ihn daran zu hindern?
Was wirklich fehlt, sind Anlaufstellen, in denen die genannten Gespräche ergebnisoffen angeboten werden (wie bei einer Schwangerschaftskonfliktberatung). Und in denen der Suizidwillige dann Medikamente für einen schmerzfreien Suizid erhalten kann (um Missbrauch zu vermeiden, könnten diese auch dort eingenommen werden). Dann müsste niemand mehr von der Brücke oder von anderen Bauwerken springen, sich vor den Zug schmeißen oder ungeeignete Medikamente nehmen.
LNS

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