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Medizin

Schlaganfall: Beschädigung der Inselrinde „erleichtert“ Rauchentwöhnung

Mittwoch, 9. September 2015

dpa

Rochester – Eine Schädigung der Insula, einem eingesenkten Teil der Großhirnrinde, erleichtert es Schlaganfall-Patienten das Rauchen aufzugeben. Dies geht aus einer prospektiven Kohortenstudie in Addictive Behaviors (2015; 51: 24-30) hervor. Die Autoren sehen neue Ansätze für eine Therapie.

Der Insula cerebri wurde von Suchtforschern lange Zeit keine Beachtung geschenkt, da sie nicht Teil des Belohnungssystems ist, das als Triebfeder der Substanzabhängigkeit gilt. In den letzten Jahren wurde jedoch entdeckt, dass die Insula immer dann eine vermehrte Aktivität zeigt, wenn Abhängige den Reizen ausgesetzt sind, die einen Drang zum Drogenkonsum („craving“) auslösen. Es gab auch Berichte über starke Raucher, die nach einem Schlaganfall mit Schädigung der Inselrinde von heute auf morgen das Interesse an Tabakwaren verloren. Antoine Bechara von der Universität von Kalifornien in Los Angeles stellte 2007 in Science hierzu eine größere Fallserie vor.

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Amir Abdolahi vom University of Rochester Medical Center hat den Zusammenhang jetzt an 156 starken Rauchern, die nach einem Schlaganfall an drei Krankenhäusern der Stadt im US-Staat New York behandelt wurden, systematisch untersucht. Bei allen Patienten wurde in der Klinik mittels Computer- oder Kernspintomographie ermittelt, welche Hirnareale geschädigt wurden. Die Patienten wurden während des Klinik­aufenthalts nach ihren Entzugssymptomen befragt. Drei Monate später gaben sie Auskunft über ihr Rauchverhalten.

Die Ergebnisse waren zwar nicht so eindeutig wie in der Fallserie von Bechara. Dort hatten 13 von 19 Patienten das Rauchen nach einer Schädigung der Insula aufgegeben und 12 der 13 hatten seit ihrem Schlaganfall keine Zigarette mehr angefasst. Bechara hatte eine Odds Ratio von 137 (ohne Komma) errechnet.

Doch auch in der von Abdolahi vorgestellten Kohorte steigerte ein Insula-Schaden die Chance auf eine Abstinenz deutlich. Von den 32 Patienten mit Insula-Defekt hatten 22 drei Monate nach dem Insult das Rauchen komplett aufgegeben. Von den 103 Patienten ohne Insula-Schaden schafften dies nur 38 Patienten. Abdolahi ermittelte eine Odds Ratio für den vollständigen Verzicht auf Tabakprodukte von 2,72 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,19 bis 6,22). Dass die Patienten künftig ohne Zigaretten aus­kommen, hatte sich bereits in der Klinik abgezeichnet. Dort berichteten viele Patienten mit Insula-Schaden über ein unvermitteltes Ende ihres Rauchverlangens (Odds Ratio 5,6; 1,52-20,56).

Welche neuronalen Verknüpfungen in der Insel die Sucht fördern, ist nicht bekannt. Mit der transkraniellen Magnetstimulation oder der tiefen Hirnstimulation stehen jedoch Instrumente zur Verfügung, die Hirnaktivität therapeutisch zu beeinflussen. Abdolahi hält angesichts der gesundheitlichen Risiken, die mit dem Rauchen verbunden sind, die Durchführung von Studien für gerechtfertigt. Dies dürfte zumindest bei der tiefen Hirnstimulation, die ja ein invasives Verfahren ist, jedoch umstritten bleiben. © rme/aerzteblatt.de

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