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Politik

TK: 2012 brachte nur eines von 20 neuen Arzneimitteln einen therapeutischen Fortschritt

Mittwoch, 9. September 2015

Jens Baas

Berlin – Nur eines von 20 im Jahr 2012 auf den Markt gekommenen Arzneimitteln hat einen therapeutischen Fortschritt gebracht. Das ist ein Ergebnis des Innovationsreports 2015, den das Forschungszentrum Ungleichheit & Sozialpolitik (Socium) an der Universität Bremen im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) angefertigt hat. Drei Jahre nach der Zulassung wurde dabei untersucht, ob die Arzneimittel über einen Zusatznutzen verfügen, ob für den jeweiligen Indikationsbereich bereits verfügbare Therapien vorlagen und ob der Preis höher liegt als bei der zweckmäßigen Vergleichs­therapie. Das Gesamtergebnis wurde in einem Ampelschema dargestellt.  

Demnach hat nur das Krebsmedikament Zelboraf mit dem Wirkstoff Vemurafenib zur Behandlung des malignen Melanoms eine grüne Ampel erhalten. Zwar ist es teurer als die Therapiealternative. Dafür stellt es dem Innovationsreport zufolge eine Subgruppen-Novität dar und es verlängert das Gesamtüberleben der Patienten. Sieben weitere Medikamente des Jahrgangs 2012 erhielten eine gelbe Ampel, zwölf eine rote.

Baas: Trotz schlechter Bewertung wurden Medikamente in Leitlinien aufgenommen
Dennoch seien die Arzneimittel sehr gut im Markt angekommen, kritisierte der Vorstandsvorsitzende der TK, Jens Baas, heute bei der Vorstellung des Innovations­reports in Berlin. So wurden im Jahr 2012 circa 41.000 Packungen der neuen Medika­mente von Ärzten an TK-Versicherte verordnet – im Vorjahr waren es 49.000 Packungen. Im Jahr 2011 hatten die Autoren des Innovationsreportes dabei drei neue Arzneimittel mit einer grünen Ampel bewertet, zehn mit einer gelben und sieben mit einer roten.

Baas kritisierte, dass „mehr als die Hälfte der im Jahr 2012 auf den Markt gekommenen Arzneimittel in Leitlinien aufgenommen wurden, obwohl sie bei der Nutzenbewertung mittel bis schlecht abgeschnitten hatten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“ Leitlinien müssten wissenschaftlich fundiert sein und nicht „durch andere Dinge“ motiviert.

2012: Neun von 20 neuen Präparaten sind Onkologika
Unter den 20 neuen Präparaten des Jahrgangs 2012 befinden sich neun Onkologika, fünf Orphan Drugs, zwei Medikamente mit Östrogen-Gestagen-Kombinationen, ein Antidiabetikum, ein Antihypertensivum, ein Mittel zur Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration und ein Mittel zur Behandlung von COPD.

„Onkologika werden in den nächsten Jahren die führende Indikation bleiben“, sagte Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Mitherausgeber des Innovationsreports. „Sie werden auch die meisten Umsätze erzielen.“ 2009 seien 75 Milliarden Dollar für Onkologika ausgegeben worden, 2014 etwa 100 Milliarden, und Prognosen gingen davon aus, dass es 2018 zwischen 120 und 140 Milliarden Dollar sein würden.

Ludwig: „Wir brauchen Kosten-Nutzen-Bewertungen“
„Ich bin kein Freund von QALYs, aber angesichts von Jahrestherapiekosten von 100.000 Euro pro Patient, die bald erreicht sein werden, brauchen wir eine Kosten-Nutzen-Bewertung neuer Arzneimittel“, betonte Ludwig. Anhand von QALYs („Quality Adjusted Life Years“) wird zum Beispiel in Großbritannien entschieden, welche Behandlungen vom Gesundheitssystem bezahlt werden und welche nicht.

Ludwig zitierte aus einer aktuellen Untersuchung des US-amerikanischen National Cancer Institute. Sie habe ergeben, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Nutzen eines neuen Arzneimittels und seinem Preis gebe. „Die Preise orientieren sich nicht an den Entwicklungskosten und auch nicht am Nutzen der Arzneimittel, sondern an dem, was der Markt bereit ist zu zahlen“, kritisierte der Onkologe. „Ärzte werden am Krankenbett gezwungen sein zu entscheiden, ob sie ein teures Medikament einsetzen oder nicht. So etwas darf aber nicht der Arzt entscheiden – das muss die Gesellschaft tun.“

AMNOG führt zu 320 Millionen Euro Einsparungen im Jahr 2014
TK-Vorstand Baas kritisierte zudem, dass im Jahr 2012 der Innovationsfokus nicht dort gelegen habe, wo er hätte liegen sollen. „Statt neuer Antibiotika stehen hauptsächlich Indikationsgebiete im Fokus, bei denen die Pharmaindustrie die größte Rendite erwartet.“

Darüber hinaus verfehle das Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) auch im vierten Jahr seines Bestehens die angekündigten Einsparungsziele. Ursprünglich war von Einsparungen in Höhe von zwei Milliarden Euro die Rede gewesen. 2014 seien jedoch gerade einmal 320 Millionen eingespart worden, so Baas.

Glaeske: Auch Orphan Drugs müssen AMNOG-Prozess durchlaufen
Gerd Glaeske vom Bremer Socium, einer der Herausgeber des Reports, kritisierte, dass nur zwölf der 20 Präparate im Rahmen des AMNOG-Verfahrens vollständig bewertet worden seien – bei den fünf Orphan Drugs beispielsweise werde bereits bei der Zulassung ein Zusatznutzen angenommen.

„Auch Orphan Drugs sollten den gesamten AMNOG-Prozess durchlaufen. Man sollte nicht vornherein davon ausgehen, dass alle Orphan Drugs automatisch einen Zusatznutzen haben“, meinte Glaeske. Denn es zeige sich zunehmend, dass Orphan Drugs eine wichtige Möglichkeit für die Pharmahersteller darstellten, den AMNOG-Prozess zu gestalten: durch das „Slicing“ von Indikationen. Dabei werden Arzneimittel zunächst für eine kleine Patientengruppe zugelassen, bevor das Indikationsgebiet ausgeweitet wird.

© fos/aerzteblatt.de

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Widerstand
am Donnerstag, 10. September 2015, 12:54

...therapeutischen Fortschritt

Einen Fortschritt kann niemand bestreiten, hat doch wieder einmal die Pharmaindustrie bewiesen, dass Kassen und Mediziner entweder abgrundtief dumm oder geldgeil sind. Zusatznutzen" Was ist das?
"Drei Jahre nach der Zulassung...wurde untersucht" und inzwischen haben sich ein paar Leute eine goldene Nase verdient. Einhunderttausend Euro Jahreskosten pro Patient? Das lässt sich doch sicher noch aufstocken!!!
Gibt es in diesem Land in Macht- und Finanzpositionen keine Menschen mehr, deren Eltern sich nicht im Grabe vor Scham umdrehen?

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