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Medizin

Antipsychotika bei geistiger Behinderung häufig nicht indiziert

Mittwoch, 9. September 2015

London – Der Einsatz von antipsychotisch wirksamen Medikamenten könnte bei Patienten mit einer geistigen Behinderung häufig fehlindiziert sein. Besonders der Einsatz bei Patienten mit sozial schwierigen Verhaltensweisen ist nach Ansicht von Forschern des University College London in drei von vier Fällen nicht gerechtfertigt. Im British Medical Journal veröffentlichte die Arbeitsgruppe um Leitautor Rory Sheehan ihre Ergebnisse (http//:dx.doi.org/10.1136/bmj.h4326).

Menschen mit geistiger Behinderung unterschiedlicher Ursache erkranken häufiger an psychischen Erkrankungen, die den Einsatz von antipsychotischen Medikamenten erforderlich machen. Darüber hinaus zeigt ein gewisser Prozentsatz ein sozial auffälliges Verhalten, teilweise auch mit fremd- oder autoaggressiven Verhaltensweisen.

Obwohl Antipsychotika in diesen Fällen nach Angaben der Autoren nicht indiziert sind, könnte ein großer Teil dieser Patienten fälschlicherweise eine antipsychotische Medikation erhalten. Diese Medikamente können die unerwünschten Verhaltensweisen jedoch nicht abstellen und haben zudem unerwünschte Nebenwirkungen.

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Die Forscher nutzten Daten von Patienten, die in britischen Allgemeinarztpraxen wegen einer geistigen Behinderung behandelt wurden. Sie untersuchten auf Grundlage der Krankengeschichte, ob Antipsychotika bei diesen Patienten sinnvoll eingesetzt wurden.

33.106 Patienten konnte die Arbeitsgruppe in ihre Studie einschließen. Bei diesen Patienten war bei etwa einem Viertel (8.300) ein sozial schwieriges Verhalten in der Krankengeschichte dokumentiert, welches beispielsweise mit aggressiven oder agitierten Zuständen einherging.

Zu Beginn der Studie hatten 49 Prozent aller Patienten wenigstens einmal psychotrope Medikamente eingenommen und weitere 14 Prozent erhielten die Arzneimittel bis zum Studienende. Von diesen Patienten hatten jedoch 26 Prozent weder sozial auffällige Verhaltensweisen gezeigt, noch bestanden schwere psychische Erkrankungen.

Die Forscher stellten außerdem fest, dass von den insgesamt 11.915 Patienten mit auffälligen Verhaltensweisen 47 Prozent antipsychotische Medikamente eingenommen hatten, während nur 13 Prozent tatsächlich eine schwere psychische Krankheit aufwiesen, die diesen Einsatz auch rechtfertigen würden. 

Von einer möglicherweise überflüssigen Medikation waren häufig Patienten mit anderen psychischen oder neurologischen Begleiterkrankungen wie Demenzen, Autismus oder Epilepsie betroffen.

Der sehr häufige Einsatz der Medikamente spricht nach Ansicht der Wissenschaftler für einen Übergebrauch der Antipsychotika. Der Einsatz müsse daher bei Patienten mit einer geistigen Behinderung kritisch überprüft werden, insbesondere wenn die Patienten die Medikamente auf Grund unerwünschter Verhaltensweisen erhalten. 

Laut der Forscher sei jedoch positiv anzumerken, dass der Einsatz dieser Medikamente innerhalb der letzten 15 Jahre abgenommen habe. Ärzte machten offenbar häufiger von alternativen Therapiemöglichkeiten Gebrauch, um die sozial schwierigen Verhaltensweisen abzumildern.

© hil/aerzteblatt.de

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