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Medizin

Multiple Sklerose: Warum sich die Symptome im Winter bessern

Samstag, 12. September 2015

Boston – Ein Anstieg der Melatonin-Konzentration könnte erklären, warum Patienten mit Multipler Sklerose in den dunklen Wintermonaten weniger Krankheitsschübe erleiden. Experimentelle Studien in Cell (2015; 162: 1338–1352) ergaben, dass das Nachthormon die Autoimmunreaktion in einem Mäusemodell der Erkrankung abschwächt und dabei die Aktivität von T-Zellen beeinflusst.

Der Rückgang der Schubfrequenz in den Wintermonaten war für die Forschung bisher ein Mysterium. Sie wurde auch als „saisonales Paradox“ bezeichnet, weil die Prävalenz der Multiplen Sklerose mit der geografischen Nähe zum Pol zunimmt. Als Auslöser wird der Rückgang der Vitamin D-Synthese in der Haut vermutet. Die Konzentration des „Sonnenhormons“ nimmt in den Wintermonaten ab. Trotzdem steigt die Zahl der Schübe nicht an. In einer Kohorte von 139 Patienten, die das Team um Francisco Quintana vom Brigham and Women's Hospital in Boston untersuchte, kam es im Winter sogar zu einen Rückgang der Schubfrequenz um 30 Prozent. Sie korrelierte nicht mit dem Vitamin D-Blutspiegel, wohl aber mit einem anderen Hormon, dem in der Epiphyse gebildeten Melatonin.

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Dass dies kein Zufall ist, zeigten die folgenden Experimente an Mäusen mit einer experimentellen Autoimmun-Enzephalitis (EAE), einem Tiermodell der Erkrankung. Eine Melatonin-Behandlung milderte die Symptome der EAE. Dies ging mit einer Blockade der Th17-Zellen einher, die an der Auslösung der Schübe beteiligt sind. Gleichzeitig kam es zu einem Anstieg der Tr1-Zellen, die als regulatorische Zellen ein Gegengewicht zu den Th17-Zellen bilden. Weitere Laborbefunde zeigen, dass die Wirkung von Melatonin direkt über die Aktivierung Tr1-Zellen zustande kommt.

Quintana warnt zusammen mit seinem Kollegen Mauricio Farez vom Raul Carrea Institut für Neurologische Forschung in Buenos Aires jedoch vor voreiligen Schlüssen. Die immunologischen Zusammenhänge bei der Multiplen Sklerose seien komplex und eine Wirkung von Melatonin bei der Multiplen Sklerose könne aus den Ergebnissen nicht abgeleitet werden.

Selbst für eine klinische Studie, die dies untersuchen könnte, sei es derzeit noch zu früh. Dies sehen, wie eine oberflächliche Recherche im Internet zeigt, viele MS-Patienten jedoch anders. In den Foren berichten Patienten über ihre Selbstversuche mit dem Mittel, das in vielen Ländern als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich ist und in „Internet-Apotheken“ angeboten wird. Die Anhänger berufen sich teilweise auf frühere Publikationen von Farez. Laut den Autoren nehmen sie dabei die Nebenwirkungen des Mittels, beispielsweise eine erhöhte Müdigkeit in Kauf, ohne dass es eine Gewissheit gebe, dass ihnen das Mittel nutzt. © rme/aerzteblatt.de

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