NewsMedizinSchwere allergische Reaktionen: EMA prüft Antibiotika-Spray Fusafungin
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schwere allergische Reaktionen: EMA prüft Antibiotika-Spray Fusafungin

Montag, 14. September 2015

London – Die europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat ein Risikobewertungsverfahren zu Nasen- und Mundsprays mit dem Antibiotikum Fusafungin eingeleitet. Anlass sind Berichte über zum Teil schwerwiegende allergische Reaktionen. Aber auch die mögliche Förderung von Antibiotika-Resistenzen steht zur Debatte.

Fusafungin ist ein Peptid-Antibiotikagemisch, das zur Behandlung von Infektionen und Entzündungen der oberen Atemwege zugelassen ist und unter verschiedenen Namen wie Bioparox, Fusaloyos oder Locabiotal angeboten wird. In Deutschland ist es als Locabiosol in Apotheken rezeptfrei erhältlich. Fusafungin ist in vitro gegen verschiedene Bakterien (darunter Mycoplasma pneumoniae und Streptococcus mutans) wirksam und es kann auch Candidapilze abtöten.

Aufgrund seiner sehr geringen Wasserlöslichkeit ist es nur zur lokalen Anwendung geeignet. Der Wirkstoff wird nicht resorbiert. Es kann jedoch auf den Schleimhäuten zu allergischen Reaktionen kommen. Diese sind möglicherweise nicht so selten wie die Gebrauchsinformation („sehr selten“, „bis zu 1 von 10.000 Behandelten) lange angegeben haben.

Anzeige

Der italienischen Arzneibehörde AIFA wurde eine steigende Zahl von Nebenwirkungs­meldungen mit zum Teil schwerwiegenden Verläufen, vor allem allergische Reaktionen (Bronchospasmen, Angioödeme, anaphylaktische Reaktionen) gemeldet, die bei Erwachsenen und Kindern aufgetreten waren. Die im September 2014 vom Original­hersteller eingeleiteten Risikominimierungsmaßnahmen (Kontraindikation bei allergischer Disposition, Absetzen bei allergischen Reaktionen, Anwendung nur noch bei Jugendlichen ab 12 Jahren und bei Erwachsenen) sind nach erster Einschätzung der Zulassungsbehörden nicht ausreichend.

Zusätzlich zur Sicherheit hatte die AIFA Bedenken zum Nutzen der Fusafungin sowie seine mögliche Rolle bei der Förderung der Antibiotikaresistenz geäußert. Sie beantragte daher bei der EMA eine Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses für Fusafungin. Die klinische Wirksamkeit von Fusafungin ist umstritten. Ein Cochrane-Review bescheinigte dem Mittel allerdings kürzlich, dass es bei einer akuten Laryngitis die Heilungsrate vom Tag 5 (nicht aber an anderen untersuchten Tagen) beschleunigt.

Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA soll jetzt eine umfassende Nutzen-Risiko-Bewertung in allen Indikationen und für alle Altersgruppen vornehmen. Die Koordinierungsgruppe für Verfahren der gegenseitigen Anerkennung und dezentralisierte Verfahren (CMDh) wird dann über weitere Maßnahmen entscheiden. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Dienstag, 15. September 2015, 23:41

Interessanter Wirkstoff

In der Fachliteratur sind die Informationen zu Fusafungin ziemlich spärlich, in den Standardwerken zur Antibiotikatherapie wird der Wirkstoff nicht einmal erwähnt.

Das ist eigentlich schade, auch wenn die Löslichkeit schlecht ist (deswegen die lokale Anwendung als Spray) und die Wirksamkeit begrenzt ist (in den Foren wird die Einnahme lediglich in der Frühphase einer Infektion empfohlen) scheint es eine sehr alte Substanz zu sein (lt. Wikipedia bereits 1954 publiziert), welche damals den Wettbewerb gegen andere (und damals bessere) Antibiotika verloren hat und und seitdem ein Nischendasein als rezeptfreies Lokaltherapeutikum fristet.

In den Foren zu diesem Wirkstoff werden allergische Nebenwirkungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich beschrieben (ist natürlich nicht signifikant), macht aber eine erhöhte Rate an schweren Nebenwirkungen sehr plausibel. Das spricht nicht unbedingt gegen den Wirkstoff, aber gegen die rezeptfreie Verfügbarkeit. Zumindest bei Laryngitis scheint der Wirkstoff eine echte Indikation zu haben.

Aber der Wirkstoff ist ein echtes Antibiotikum und angesichts des aktuellen Mangels an Mitteln gegen MRGN könnte es als Grundlage für weitergehende Forschungen dienen. Es könnte sich also lohnen, diesen Wirkstoff aus der Mottenkiste der Pharmakologie herauszuholen und mit modernen Methoden zu untersuchen.
LNS

Nachrichten zum Thema

15. Oktober 2020
Silver Spring/Maryland – Ein offenbar zunehmender Missbrauch von Benzodiazepinen veranlasst die Arzneimittelbehörde FDA dazu, die Fachinformationen zu verschärfen. Diese sollen künftig umrahmte
Benzodiazepine: FDA will Warnungen vor Abhängigkeit verschärfen
5. Oktober 2020
Amsterdam – Das Virustatikum Remdesivir, das Anfang Juli von der Europäischen Kommission eine bedingte Marktzulassung zur Behandlung von Patienten mit COVID-19 erhalten hat, steht im Verdacht, die
COVID-19: Kann Remdesivir die Nieren schädigen?
2. Oktober 2020
Washington – Mitarbeiter des Fachjournals Science haben der für Medikamente zuständigen US-Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) Nachlässigkeit bei der Überwachung klinischer Studien
Fachjournale werfen US-Arzneimittelbehörde FDA Nachlässigkeit vor
30. September 2020
Yokohama/Japan – Ein Gentest könnte in Zukunft vorhersagen, ob ein Patient ein Medikament verträgt oder ob mit einer schweren Leberschädigung gerechnet werden muss. Die Grundlagen für den „polygenen
Studie: Gentest könnte Leberschäden von Medikamenten vorhersagen
25. September 2020
Amsterdam – Eine Behandlung von Uterusmyomen mit dem Progesteron-Rezeptormodulator Ulipristal wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Der Pharmakovigilanzausschuss (PRAC) der europäischen
Uterusmyome: EMA empfiehlt Verbot von Ulipristal
16. September 2020
Silver Spring/Maryland – Das Risiko von Amputationen ist unter der Behandlung mit dem SGLT2-Inhibitor Canagliflozin nicht so hoch wie bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt die
Canagliflozin: FDA streicht umrahmten Warnhinweis zu Amputationen
15. September 2020
Berlin - Die Kosten für Arzneimittel, die neu auf den Markt kommen, steigen drastisch – bei oft nur mäßigem Innovationsgrad. So lautet das Fazit des diesjährigen Innovationsreports der Techniker
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER