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Politik

Psychisch schwer Kranke sind häufig vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen

Montag, 14. September 2015

Berlin – Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind in Deutschland überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit betroffen. Die breiten Angebote zur beruflichen Rehabilitation kommen noch nicht ausreichend bei den Betroffenen an. Dies geht aus einer aktuellen Expertise zur Arbeitssituation von schwer psychisch Kranken hervor, die die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und die Gesundheitsstadt Berlin heute in Berlin vorgestellt haben.Durchgeführt wurde die wissenschaftliche Studie von Steffi Riedel-Heller und Uta Gühne von der Universität Leipzig.

Schwere psychische Erkrankungen sind mit erheblichen negativen Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbssituation der Betroffenen verbunden, so ein Ergebnis der Expertise. Obwohl die meisten arbeiten möchten, ist die Arbeitslosigkeit bei den Betroffenen überdurchschnittlich hoch. Von den Patienten mit einer schizophrenen Störung gehen zum Beispiel europaweit lediglich 10 bis 20 Prozent einer regelmäßigen Erwerbstätigkeit nach, ein beträchtlicher Teil arbeitet unter beschützten Bedingungen. Psychische Erkrankungen sind heute der Hauptgrund für eine frühzeitige Verrentung. Auch junge Erwachsene sind betroffen: Die Diagnose einer schweren psychischen Erkrankung ist oft mit dem Abbruch der Ausbildung verbunden.

Beschäftigung reduziert psychiatrischer Behandlungsbedürftigkeit
„Die Studie zeigt, was wir Ärzte im Praxisalltag immer wieder erleben: Bei vielen Patienten ist die Aufnahme einer Beschäftigung mit einer Reduktion psychiatrischer Behandlungsbedürftigkeit sowie einer Verbesserung der Symptomschwere, der Lebenszufriedenheit und des Selbstwertgefühls verbunden“, sagte Iris Hauth, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee und Präsidentin der DGPPN. Eine sinnstiftende Arbeitstätigkeit stelle neben selbstbestimmtem Wohnen und guten sozialen Beziehungen einen wichtigen Aspekt der Wiedergesundung trotz wiederkehrender Krisen- oder Krankheitszeiten dar.

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Die Expertise zeigt auf, dass die berufliche Integration der Betroffenen trotz des breiten Angebots an Rehabilitationsmaßnahmen oft nicht gelingt. Sie arbeiten häufig auf einer Stelle des besonderen Arbeitsmarktes, also in ausgelagerten Arbeitstherapieplätzen oder speziellen Werkstätten. Der Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gelingt nur selten. Die Gründe dafür sind vielfältig: So kann eine psychische Erkrankung die berufliche Leistungsfähigkeit schmälern, was mit den gegenwärtigen Arbeitsmarktbe­dingungen nur schwer vereinbar ist. Darüber hinaus lösen psychische Erkrankungen im sozialen Umfeld noch immer große Unsicherheit aus.

Festes Ziel im Behandlungsprozess
Damit die Teilhabe von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen auf dem ersten Arbeitsmarkt in Zukunft gelingt, bedarf es aus Sicht der Autoren, der DGPPN und der Gesundheitsstadt Berlin dringend einer Anpassung der sozialrechtlichen Rahmen­bedingungen. Gleichzeitig müssten auch die Arbeitgeber umdenken und geeignete Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt schaffen. Anreize für Unternehmen könnten hier die gewünschten Effekte bringen. Doch auch die Betroffenen selbst und ihre Ärzte seien gefordert: Die berufliche Teilhabe müsse für sie ein festes Ziel im Behandlungsprozess darstellen.

Rund 500.000 bis eine Million der Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren sind nach Schätzungen in Deutschland psychisch schwer krank. © pb/aerzteblatt.de

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Staphylococcus rex
am Mittwoch, 16. September 2015, 00:18

Behindertengerechte Arbeitsplätze für psychisch schwer Kranke

In dem Artikel werden die Vorteile einer beruflichen Tätigkeit für psychisch kranke Patienten besprochen. Was dabei fehlt, sind Ideen, wie behindertengerechte Arbeitsplätze für diese Patientengruppe aussehen sollen.

Bei körperlichen Behinderungen gibt es Erfahrungen mit barrierefreien Zugängen etc. Auch bei geistig behinderten Patienten finden finden sich Arbeitsplätze, egal ob sie Tüten im Supermarkt packen wie in angelsächsischen Ländern oder andere Hilfsarbeiten machen. Der große Vorteil beim Umgang mit diesen beiden Behinderten-Gruppen ist, daß sie berechenbar sind.

Das genaue Gegenteil sind psychisch Kranke. Ich rede jetzt nicht von der Softwarefirma, die Autisten für die Programmierung einstellen möchte, aufgrund ihrer Inselbegabung sind diese Personen trotz des zusätzlichen Betreuungsaufwands aus wirtschaftlichen Gründen interessant.
Ich rede von den Patienten mit schwerer Depression oder mit Schizophrenie. Diese Leute haben eine normale Intelligenz und lange sieht man ihnen ihre Krankheit nicht an, bis die Krankheit irgendwann dekompensiert. Im besten Fall kommt es zu einem längeren krankheitsbedingten Ausfall, im schlechtesten Fall kommt es zum Eklat.

Durch die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten werden diese meist verschwiegen, das heißt die Kollegen können ohne entsprechende Schulung die Frühzeichen einer Dekompensierung nicht deuten bzw. sind damit überfordert. Um so größer ist dann der Aufschrei wenn die Krankheit voll ausgeprägt ist. Und es ist nicht nur der Streß, der zum Kontrollverlust führt. Manchmal werden Medikamente auch bewußt abgesetzt, wenn sie z.B. einem Kinderwunsch im Weg stehen.

Das heißt, wenn so wenig psychisch schwer Kranke berufstätig sind, ist dies nicht nur der böse Willen der Unternehmen, sondern es gibt objektive Probleme im Umgang mit psychisch Kranken und in der Berechenbarkeit dieser Patientengruppe. Das heißt aber auch, es fehlen gute Ideen zur Integration dieser Patientengruppe.
LNS

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