NewsÄrzteschaft„Das Festhalten an den Buchstaben des Gesetzes ist für jeden Arzt unethisch!“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

„Das Festhalten an den Buchstaben des Gesetzes ist für jeden Arzt unethisch!“

Mittwoch, 16. September 2015

Dresden – In Dresden hat im September eine Arztpraxis speziell zur Versorgung von Asylbewerbern geöffnet. Sie soll Bewohnern der Erstaufnahmeeinrichtung und ihrer Außenstellen in Dresden und Asylbewerbern in den städtischen Flüchtlingsheimen eine Anlaufstelle bieten.

5 Fragen an Klaus Heckemann, Vorstands­vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen

DÄ: Die medizinische Versorgung der ankommenden Flüchtlinge ist eine große Herausforderung. Wie organisieren Sie die Arbeit in der neuen Praxis?
Heckemann: Seit Mitte September versorgt eine Allgemeinärztin die Flüchtlinge in den Räumen der Kassenärztlichen Bereitschaftspraxis Dresden. Zudem werden Ärzte auf Honorarbasis an der ärztlichen Versorgung mitwirken. Dolmetscher sind ständig verfügbar und auch Sozialarbeiter stehen zur Verfügung. Die Praxis hat Montag bis Freitag geöffnet, von 9.00 bis 17.00 Uhr.

DÄ: Die Praxis befindet sich auf dem Gelände der Uniklinik…
Heckemann: Richtig, im Haus 28. Das ist günstig, weil Patienten von dort rasch zu weiteren Untersuchungen weitergeleitet werden können, zum Beispiel zum CT, wenn das nötig wird. Für die Ärzte der Praxis haben wir Sonderregeln ausgehandelt – sie können den Flüchtlingen bei Bedarf direkt in der Praxis Behandlungsscheine ausstellen. Diese müssen also nicht für jede weitere Untersuchung wieder zum Amt und sich dort einen solchen Behandlungsschein abholen, wie sonst nötig.

Flüchtlinge: Viele Ärztinnen und Ärzte helfen

Zurzeit kommen täglich Hunderte Asylsuchende neu in Deutschland an. Die Versorgung der Menschen ist auch für das Gesundheitssystem eine Herausforderung. Die Menschen kommen in Sonderzügen. Hunderte sind es täglich, die darauf hoffen, in Deutschland ein neues Leben beginnen zu können. 

DÄ: Welche Leistungen erhalten die Asylbewerber in der Praxis?
Heckemann: Sie erhalten dort den gesetzlich vorgesehenen Versorgungsumfang für Asylbewerber gemäß Paragraf vier des Asylbewerberleistungsgesetzes – und hier gibt es ein Problem. Das Gesetz sieht nämlich nur die Versorgung von Akutkrankheiten vor. Das bedeutet aber, dass Ärzte zum Beispiel Diabetes und Bluthochdruck nicht behan­deln sollen – außer bei einer akuten Entgleisung. Dieses Gesetz, dieser Paragraf, muss daher dringend geändert werden. Ich sage ganz klar: Das Festhalten an den Buch­staben des Gesetzes ist für jeden Arzt unethisch. Andererseits ist es aber auch für mich richtig und selbstverständlich, dass der Leistungsanspruch verglichen mit den GKV-Versicherten deutlich eingeschränkt ist.

DÄ: Die KV hat das ärztliche und nichtärztliche Personal der Praxis eingestellt. Zahlen die Ärzte diese Versorgung also letztlich aus ihrem Honorartopf?
Heckemann: Nein! Die Praxis rechnet ihre Leistungen ganz normal ab, wie jede Praxis, die Asylbewerber behandelt. Kostenträger sind ausschließlich die Landesdirektion Dresden und die Stadt Dresden. Sollten die Praxiskosten diese Erträge übersteigen, trägt das Land den sich möglicherweise ergebenden Fehlbetrag.

Ärzte in der Flüchtlings-Erstaufnahme: Frühe Versorgung ermöglichen

Der Aufbau ärztlicher Ambulanzen in Hamburg – ein erster Erfahrungsbericht In Hamburg leben bereits mehr als 7 000 Flüchtlinge in provisorischen Zentralen Erstaufnahmen. Täglich kommen rund 300 Neuankömmlinge hinzu. 

DÄ: Wie geht es weiter?
Heckemann: Die Praxis soll zunächst bis Ende Dezember betrieben werden, danach werden die Staatsregierung, die Stadt Dresden und wir entscheiden, ob sich dieses Modell bewährt hat und weiter benötigt wird. Die Politik hat das Projekt, nachdem sich anfangs die Landesdirektion noch etwas zierte, dann sehr unterstützt. Die Landes­gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) vertritt die Auffassung, dass diese Praxis beispielgebend für andere Standorte sein kann. Das werden wir dann sehen.

© hil/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

19. Oktober 2020
Berlin – Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) befürchtet, dass die Coronapandemie die Integration von Migranten zurückwirft. „Die Beschäftigung der Zuwanderer war
OECD: Pandemie gefährdet Fortschritte in der Migration
16. Oktober 2020
Kassel/Gießen – Nach einer Masseninfektion mit 112 SARS-CoV-2-Fällen in einer Kasseler Flüchtlingseinrichtung werfen dort eingesetzte Ärzte dem Regierungspräsidium Gießen Versäumnisse vor. „Weil zu
Ärzte kritisieren Umgang mit SARS-CoV-2-Masseninfektion in Erstaufnahme
12. Oktober 2020
Mexiko-Stadt – In einem Lager für Einwanderer in den USA sind nach Erkenntnissen der mexikanischen Behörden mindestens zwei Frauen ohne ihre Zustimmung operiert worden. Eine der beiden Mexikanerinnen
Mexiko: Frauen in US-Auffangzentrum ohne Zustimmung operiert
12. Oktober 2020
Madrid – Innerhalb von 48 Stunden sind auf den Kanarischen Inseln mehr als 1.000 Flüchtlinge aus Afrika gelandet. So viele Ankünfte von Migranten seien seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr
Mehr als 1.000 afrikanische Flüchtlinge auf den Kanaren gelandet
9. Oktober 2020
Berlin/Brüssel – Bundesinnenminister Horst Seehofer hat die Vorschläge der EU-Kommission für eine Reform der europäischen Migrations- und Asylpolitik gegen Kritik aus der eigenen Bundestagsfraktion
Seehofer: Asylpaket bringt keine „Sonderlasten“
8. Oktober 2020
Berlin – Auf die gesundheitlichen und humanitären Folgen der Abschiebepraxis von Geflüchteten haben die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW)
IPPNW: Abschiebepraxis geflüchteter Menschen humanisieren
2. Oktober 2020
Samos – Ärzte ohne Grenzen hat vor der verheerenden Lage im Flüchtlingslager Vathy auf der Insel Samos gewarnt. Der Hilfsorganisation zufolge befinden sich in dem Camp 4.500 Menschen, die sich auf
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER