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Medizin

Machen SSRI-Antidepressiva gewalttätig?

Donnerstag, 17. September 2015

Oxford – Die Einnahme von Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wieder­aufnahmehemmer (SSRI) war in einer Studie in PLOS Medicine (2015; 12: e1001875) mit einem gewissen Anstieg von polizeilich verfolgten Gewalttaten assoziiert, ohne dass sich die Autoren sicher sind, ob die SSRI dafür verantwortlich waren. 

Antidepressiva werden seit längerem als Auslöser von aggressivem Verhalten diskutiert. Die Gewalt kann sich dabei gegen die Patienten selbst richten. In klinischen Studien wurden vor allem bei der Verordnung an jüngere Menschen suizidale Verhaltensweisen beobachtet. Die Fachinformationen der Medikamente weisen darauf hin. Berichtet wurde aber auch, dass einzelne Patienten unter der Einwirkung von SSRI gegen andere Menschen gewalttätig werden. Dem stehen die Ergebnisse aus ökologischen Studien gegenüber. Sie zeigen, dass seit der Einführung der SSRI Ende der 80er Jahre die Kriminalitätsrate gesunken ist.

Ein Team um Seena Fazel von der Universität Oxford hat jetzt verschiedene Patienten- und Strafregister in Schweden befragt, um den Zusammenhang näher zu untersuchen. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre 2006 bis 2009, in denen 850.000 Personen (10,8 Prozent der schwedischen Bevölkerung) SSRI verschrieben wurden. Ein Prozent dieser Personen wurde wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt.

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Fazel verglich die Straffälligkeit einzelner Personen in Zeiten, in denen ihnen SSRI verordnet wurden, mit Zeiten, in denen sie nicht behandelt wurden. Sie fanden eine signifikante Assoziation: Während der Behandlungszeiten nahm die Rate von Gewaltver­brechen leicht zu: Die Hazard Ratio von 1,19 war dank der hohen Fallzahl mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,08 bis 1,32 signifikant. Besonders deutlich war der Zusammenhang in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen: Sie gerieten zu 47 Prozent häufiger wegen Gewalttaten mit dem Gesetz in Konflikt (Hazard Ratio 1,43; 1,19 bis 1,73).

Da die Kriminalitätsrate mit drei Prozent in dieser Gruppe besonders hoch ist, könnte der Anstieg durchaus von gesellschaftlicher Bedeutung sein. Jüngere Menschen, die SSRI einnahmen, fielen auch durch häufigere Festnahmen wegen Nicht-Gewalt-Delikten auf, und sie mussten häufiger wegen Alkoholproblemen in Notfallaufnahmen behandelt werden.

Der „Innerhalb“-Vergleich der Kriminalität bei denselben Personen schließt eine Reihe von genetischen und umgebungsbedingten Erklärungen für die Assoziation aus. Andere „Verzerrungen“ bleiben bestehen: Dazu zählt möglicherweise ein erhöhter Alkohol­konsum während der Behandlungszeiten. Auch eine reverse Kausalität bleibt möglich: So könnten einige Personen SSRI nach der Verhaftung eingenommen haben, um die psychischen Folgen der Festnahme besser zu bewältigen, sie könnten die Mittel aber auch eingenommen haben, um dann auf mildernde Umstände (wegen ihrer vermeintlichen Depression) zu hoffen. © rme/aerzteblatt.de

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