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Politik

Portal igel-ärger.de: 1.500 Beschwerden in einem Jahr

Sonntag, 20. September 2015

Berlin – Rund 1.500 Patienten haben innerhalb eines Jahres ihre negativen Erfahrungen mit sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) mit Hilfe des Beschwerde­portals igel-ärger.de dokumentiert. „Die individuellen Erfahrungen liefern uns einen bislang schwer zugänglichen Einblick und einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion über die Qualität der Angebote des ‚Zweiten Gesundheitsmarktes‘“, erläuterte Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV), am Freitag in einer ersten Bilanz. Das Ministerium finanziert das Portal, das von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW) in Kooperation mit den Verbraucher­zentralen Berlin und Rheinland-Pfalz betrieben wird, für rund zwei Jahre bis Anfang 2016.

Nutzer fühlten sich unter Druck gesetzt und schlecht behandelt
„Die Einträge im Beschwerdeforum zeigen deutlich, dass die Regeln des Patienten­rechte­gesetzes in der Praxis vielfach nicht eingehalten werden“, erklärte NRW-Verbraucherzentralenvorstand Wolfgang Schuldzinski. Neun von zehn Patienten schilderten im Forum, dass sie sich zu einem Ja für eine IGeL gedrängt fühlten, weil ihr Arzt ihnen Druck machte oder Angst um ihre Gesundheit.

Knapp die Hälfte derjenigen, die ihre Unzufriedenheit auf „ igel-ärger.de“ dokumen­tierten, fanden sich durch Medizinische Fachangestellte in der Praxis unter Druck gesetzt. Ein Drittel der Eintragenden gab an, dass eine Behandlung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung nur nach Zustimmung zu einer IGeL erfolgte. Fast 40 Prozent beklagten, dass sie trotz fehlender schriftlicher Einwilligung nach der Behand­lung zur Kasse gebeten wurden.

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In mehr als jeder zweiten Beschwerde wurde die mangelhafte Aufklärung über die kostenlosen Behandlungsalternativen der Krankenkassen kritisiert. Jeder fünfte Patient sollte bereits vorab seine Zustimmung oder Ablehnung einer IGeL-Leistung auf einem Formular ankreuzen und unterschreiben. Glaukom-Untersuchung gegen Bezahlung, Hautkrebs-Früherkennung mit Dermatoskop-Einsatz und zusätzliche Krebsvorsorge beim Frauenarzt mit kostenpflichtigem Ultraschall – diese Einträge stehen in der Liste der bisherigen Beschwerden im Internetforum an erster Stelle. Die Ergebnisse sind allerdings nicht repräsentativ.

KBV-Versichertenbefragung: Mehr Zufriedenheit mit IGeL
Nach den Erkenntnissen im Rahmen der jüngsten Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hatte die große Mehrzahl der Versicherten keine Probleme mit IGeL. Etwa 20 Prozent der Befragten, die im vergangenen Jahr bei einem Arzt waren, hatten demnach von sich aus nach einem IGeL-Angebot gefragt. Die Bedenkzeit für die Entscheidung darüber erschien mehr als 80 Prozent von ihnen ausreichend. Vom Arzt angeboten bekamen rund 25 Prozent eine entsprechende Individuelle Gesundheitsleistung.

Dass Patienten sich aus Angst und unter Druck für eine Individuelle Gesundheitsleistung entschieden, wie Beschwerden im Rahmen des Portals zeigten, fördere die Erosion eines vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses, warnte Schuldzinski: „Besonnene Ärztevertreter sehen das genauso.“  Er verwies auf die Informationsbroschüre von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung zum korrekten Umgang mit IGeL-Angeboten, die es schließlich gebe, aber „sie kommt offenbar in vielen Fällen nicht an“.

Krankenkassen sollten besser über ihre Leistungen informieren
Staatssekretär Billen hält es nach dem Ende der Projektlaufzeit für möglich, aufgrund der Erfahrungen das Patientenrechtegesetz nachzubessern. Denkbar sei, für IGeL Produktinformationsblätter vorzuschreiben, wie sie seit einigen Jahren bei der Beratung zu Finanzmarktprodukten üblich sind. Man wolle aber zunächst mit Vertretern von Facharztverbänden das Gespräch suchen, betonte er. Denn klar sei auch: „Bei solchen Beschwerdeportalen melden sich ja nicht die, die etwas gut fanden.“

Verbraucherschützer sehen auch die Kassen in der Pflicht. „Auch die Krankenkassen könnten etwas mehr tun“, befand Schuldzinski. „Sie könnten über den Umfang der Kassenleistungen stärker informieren als bisher.“ So sei es ihre Aufgabe, den Versicherten klar zu machen, warum beispielsweise die Hautkrebs-Vorsorge als Kassenleistung ausreichend sei. Auch müsse der Gemeinsame Bundesausschuss eindeutig klären, welches Kassenangebot genüge und welches nicht.

Auseinandersetzung um IGeL-Inhalte hält an
Die Medizinjournalistin und Ärztin Martina Lenzen-Schulte hat sich im August in einem langen Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisch mit der inhaltlichen IGeL-Kritik auseinandergesetzt. Nicht alles, was angeboten würde, sei Halsabschneiderei, schrieb sie. Als Beispiel führte sie unter anderem immunologische Stuhltest-Verfahren an. In ihrem Beitrag heißt es: „Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungs­zentrum konnte schon vor Jahren nachweisen, dass sie sehr viel sensibler auf Blutspuren im Stuhl reagieren als der alte Hämoccult-Test. Hausärzte und Allgemeinmediziner, die ihren Patienten seit langem zur Selbstzahlung raten, müssen sich wie Beutelschneider vorkommen, wenn sie ihre Patienten zur Kasse bitten.

Im vergangenen Jahr entschied die Barmer GEK in Bayern, den immunologischen Stuhltest doch zu finanzieren. Sie wirbt sogar damit, als ,erste gesetzliche Krankenkasse dieses innovative Testverfahren‘zu bezahlen.“ Manches „Abzockerentlein“, schrieb Lenzen-Schulte, verwandele sich irgendwann  in einen „kassenfinanzierten Schwan“.

Das Forum igel-ärger.de informiert seit September 2014 über rechtliche Rahmen­bedingungen zu IGeL und bietet eine Plattform, auf der Verbraucher ihre persönlichen Erfahrungen schildern können. Die Einträge würden geprüft und von Verbraucher­schützern kommentiert. Danach wanderten sie in einen „Beschwerde-Ticker“, der darüber informiert, welche Vorkommnisse für Unmut gesorgt haben.

Patienten können im Rahmen ihres Beschwerdeeintrags auch den Namen des Arztes nennen, mit dessen IGeL-Angebot sie nicht zufrieden waren. Dies geschieht allerdings in einem zweiten, nicht für alle sichtbaren Schritt. Rund ein Drittel der Nutzer der Plattform machte davon Gebrauch. © Rie/aerzteblatt.de

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