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Politik

Wissenschafts­akademien fordern mehr Studien für betagte Patienten

Dienstag, 22. September 2015

Berlin – „Medizinische Versorgung im Alter: Welche Evidenz brauchen wir?“ – zu dieser Fragestellung hat heute die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine Stellungnahme veröffentlicht. Sie entstand in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften. Dass Menschen jeden Alters eine möglichst gute medizinische Versorgung erhalten sollten, sei hierzulande Konsens, heißt es im Vorwort der Stellungnahme. „Schaut man nun aber auf die medizinische Versorgung älterer Menschen und auf die Berücksichtigung ihrer spezifischen Bedürfnisse, fällt der Blick auf eine Reihe von problematischen Defiziten.“

Rund viereinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind 80 Jahre oder älter. Ihre Zahl wächst. Sie leiden oft an mehreren Erkrankungen gleichzeitig. Medizinisch versorgt würden sie jedoch meist mit Medikamenten und Therapien, die bei Patienten mittleren Alters mit einer einzelnen Erkrankung erprobt seien, so die Stellungnahme. „Es bestehen erhebliche Zweifel, dass dieses Wissen einfach auf Hochbetagte übertragen werden kann“, gab Hans-Peter Zenner zu bedenken, Sprecher der Arbeitsgruppe und Präsidiumsmitglied der Leopoldina. Es sei aber nicht ausreichend, allein die Arzneimittelversorgung zu analysieren, da viele Ältere zusätzliche therapeutische Maßnahmen oder Pflegeleistungen erhielten. „Wir müssen wissen, wie deren Verzahnung sich auswirkt, um sicherzustellen, dass sie nicht schadet“, forderte Zenner.

Die Akademien nennen in ihrer Stellungnahme drei Ansatzpunkte, um die Versorgung zu verbessern: Veränderungen in der Forschung, in der Versorgungspraxis sowie in der Aus- und Weiterbildung.

„Wir brauchen eine andere Art der Studienkultur, und wir brauchen Studien, die andere Endpunkte haben“, forderte der Geriater Cornel Sieber, Direktor des Instituts für Biomedizin des Alterns an der Universität Erlangen-Nürnberg und Sprecher der Arbeitsgruppe. Auch multimorbide alte Menschen müssen seiner Meinung nach in Arzneimittelstudien einbezogen werden. In der Stellungnahme heißt es hierzu: „Hierbei sollten insbesondere altersspezifische Merkmale, insbesondere Gebrechlichkeit, bei den Ein- und Ausschlusskriterien sowie in der Auswertung und Interpretation berücksichtigt werden.“

Für Menschen im hohen Alter ist nach Siebers Erfahrung häufig nicht mehr eine maximale Lebenserwartung das oberste Therapieziel oder die völlige Wiederherstellung bestimmter Körperfunktionen; vordringlich könnte  beispielsweise sein, noch selbstständig leben zu können oder einigermaßen beweglich zu sein. Die Arbeitsgruppe betont deshalb, dass bei Wirksamkeitsprüfungen neben herkömmlichen Indikatoren, wie Heilung, Linderung oder Überleben, weitere Ziele geprüft werden sollten, wie Aktivitäten des täglichen Lebens, Partizipation oder Lebensqualität.

Für die Versorgung empfehlen die Akademien unter anderem, Versorgungsmodelle gezielt für chronisch kranke und mehrfach erkrankte ältere Menschen zu entwickeln. Ein besseres Überleitungsmanagement sowie ein besserer Informationsfluss zwischen den beteiligten Versorgern seien vonnöten.
 

In der Ausbildung und Weiterbildung befürworten die Akademien verpflichtende geriatrische Grundkenntnisse in allen medizinischen Fachdisziplinen und Gesundheitsberufen. Um evidenzbasierte Therapien und Versorgungskonzepte für ältere Patienten zu entwickeln, sollte zudem die Methodenausbildung verbessert und an der Weiterentwicklung von Studiendesigns gearbeitet werden. Hier empfehlen die Akademien als ersten Schritt, einen Lehrstuhl einzurichten, der klinische, biostatistische und geriatrische Expertise miteinander verbindet.

Als weiteres wichtiges Forschungsthema nennt die Stellungnahme den Erhalt der Selbstständigkeit durch technische Hilfsmittel, Wohnraumanpassung und Telemedizin. Eine große Herausforderung sei es, Innovationen zu entwickeln, die von Älteren auch genutzt würden, gab Zenner zu bedenken. Sieber sprach in diesem Zusammenhang die mangelnde Technikaffinität vieler alter Menschen an, besonders der Frauen, die es zu bedenken gebe. Nach Ansicht der Arbeitsgruppe fehlen für dieses gesamte Themenfeld Studien mit größeren Fallzahlen und Kontrollgruppen. © Rie/aerzteblatt.de

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