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Medizin

Studie: „Stresstest Schwangerschaft“ zeigt kardiovaskuläre Langzeitrisiken

Dienstag, 22. September 2015

dpa

Berkeley/Kalifornien. Frauen, deren Schwangerschaft im jungen Lebensalter mit Kompli­kationen verbunden war, haben im Alter ein deutlich erhöhtes Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Dies geht aus einer Langzeituntersuchung in Circulation (2015; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.113.003901) hervor. Sie zeigt, dass die Schwangerschaft ein kardiologischer „Stresstest“ ist.

Bei einer Schwangerschaft kommt es zu einem Anstieg von Blutvolumen und Herz­leistung. Die Lipidwerte im Blut steigen an, der Blutdruck ändert sich (er sinkt in der Frühschwangerschaft  und steigt später an). Schwangere setzen Fett an und sie werden vorübergehend insulinresistent. Es kommt damit zu vielen Veränderungen, die im späteren Leben Bestandteil des metabolischen Syndroms sind, das ein wichtiger Risikofaktor für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. 

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Die Schwangerschaft könnte damit ein erster „Stresstest“ für das Herz-Kreislauf-System sein. Ob er prognostische Informationen liefert, hat Barbara Cohn vom Public Health Institute in Berkeley jetzt an den Daten der Child Health and Development Studies untersucht. Diese Studien waren zwischen 1959 und 1967 durchgeführt worden, um pränatale Risikofaktoren für den Ausgang der Schwangerschaft zu ermitteln. Die Forscher haben detaillierte Aufzeichnungen zu den Schwangerschaftskomplikationen hinterlassen. Cohn setzte sie mit den Todesursachen der damaligen Teilnehmerinnen in den folgenden 50 Jahren in Beziehung. Dabei ergeben sich deutliche Assoziationen.

So starben Frauen 7,1-fach häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn (wahrscheinlich schon) vor der Schwangerschaft (diagnostiziert vor der 20. Gestationswoche) eine Hypertonie bestand und es zu einer Frühgeburt kam. Die Kombination aus einer vorbestehenden Hypertonie und einer Präeklampsie (Anstieg von Blutdruck und Proteinurie) erhöhte das kardiovaskuläre Sterberisiko um den Faktor 5,6. Beim Auftreten von präexistierender Hypertonie und einer Mangelgeburt (Small for Gestational Age, SGA) betrug die Hazard Ratio 4,2 und bei der Kombination von Schwangerschaftshypertonie und Frühgeburt 5,0.

Das Team ermittelte darüber hinaus zwei neue kardiovaskuläre Risikofaktoren: Eine Glukosurie, also der Nachweis von Zucker im Urin, erhöhte das Risiko, im späteren Leben an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, um den Faktor 4,2, bei einem Abfall des Hämoglobins in der Spätschwangerschaft war das Risiko um 70 Prozent erhöht.

Alle Hazard Ratios waren statistisch signifikant. Dennoch weist die Studie natürlich Schwächen auf. Es beginnt bei der ungenauen Angabe der Todesursache in den Totenscheinen. Außerdem gab es so gut wie keine Informationen zum Gesundheitszustand der Frauen vor und nach der Schwangerschaft. Cohn ist dennoch überzeugt, dass Kardiologen die Schwangerschaft als „Stresstest“ für das Herz-Kreislaufsystem ernst nehmen sollten. Frauen, die ihn nicht bestehen, sollten nach der Schwangerschaft eine intensivere Beratung zur Modifikation von Risikofaktoren erhalten, fordert die Autorin. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 23. September 2015, 10:36

50 Jahre kardiovaskuläre Langzeitrisiken!

Diese Publikation ist mit einer 50-jährigen Nachbeobachtungszeit wirklich bemerkenswert. Doch offenbart sie nicht eher eine geburtshilflich-hausärztlich-allgemeinmedizinische Tautologie?

Denn wer schon in der Schwangerschaft Krankheitsdispositionen, Risikofaktoren und manifeste pathologische Verläufe aufweist, wird auch im post-partalen Leben nach der Geburt des Kindes erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken akkumulieren.

Bei der hier im DÄ kolportierten "ungenauen Angabe der Todesursache in den Totenscheinen" wird übersehen, dass es sich um den US-Bundesstaat Californien ["East Bay of the San Francisco Bay Area"] handelt, wo bei a l l e n Verstorbenen eine amtliche Leichenschau durch einen "Coroner" nach standardisierten Vorgaben vorgenommen und im Zweifel eine Obduktion veranlasst wird.

Die Schlussfolgerungen in der Originalarbeit "Pregnancy Complications and Cardiovascular Disease Death: Fifty-Year Follow-Up of the Child Health and Development Studies Pregnancy Cohort" von P. Cirillo et al. halten die Glukosurie und den Hämoglobinabfall für angeblich neue Risikomarker ["Conclusions - We observed combinations of pregnancy complications that predict high risk of death and two new risk markers, glycosuria and hemoglobin decline. Obstetricians serve as primary care physicians for many young women and can readily use these complications to identify high-risk women to implement early prevention"].

Höchste Zeit also , dass in der hausärztlichen Vorsorgeuntersuchung "Check-up-35" zur Abschätzung des Herz-Kreislauf-Risikos neben Cholesterin, Glucose und Harnzucker auch ein Blutbild, Kreatinin und LDL zwingend vorgeschrieben werden müssten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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