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Patentgeschützte Medikamente treiben Kosten in die Höhe

Mittwoch, 23. September 2015

dpa

Berlin – Die Ausgaben für Arzneimittel in Deutschland bleiben auf einem hohen Niveau. Um rund 3,3 Milliarden Euro und damit auf 35,4 Milliarden Euro sind sie im vergangenen Jahr gestiegen. Das geht aus dem Arzneimittelverordnungs-Report (AVR ) hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Demnach liegen die Gründe für den Anstieg vor allem bei der Absenkung des Herstellerabschlages von 16 auf sieben Prozent sowie bei der deutlichen Kostensteigerung patentgeschützer Arzneimittel. 2014 sind 46 neue Präparate auf den Markt gebracht worden. „Seit 30 Jahren analysieren wir die Verord­nungen von Arzneimitteln für Patienten der gesetzlichen Krankenkassen. Aber selten haben wir so einen Boom wie 2014 erlebt“, erklärte Ulrich Schwabe, Herausgeber des AVR und emeritierter Professor am Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg.

Einsparpotential bei 4,6 Milliarden Euro
In seiner Analyse sieht er im Preisvergleich mit den Niederlanden insgesamt ein Einsparpotenzial von 1,9 Milliarden Euro bei patentgeschützten Medikamenten und 5,9 Milliarden bei Generika. Da die Rabatterlöse der Krankenkassen von 3,2 Milliarden Euro aus der Gesamtsumme rausgerechnet werden müssen, liegt das Einsparpotenzial bei 4,6 Milliarden Euro. Die Studienautoren plädieren für weitere konsequente Ein­sparungen auf dem Generikamarkt – hier gebe es auch im Vergleich zu den Niederlanden „noch Luft nach oben“ beim Umsatz.

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Positiv bewertete Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, den Rückgang der Verordnungen bei Antibiotika: Lagen diese 2013 noch auf Platz zwei, liegen sie nun auf Platz fünf.

Auswirkungen des AMNOG auf patent-geschütze Medikamente
Kostentreiber bei den patentgeschützen Arzneimitteln sind nach Angaben der AVR-Autoren vor allem die Antidiabetika, die Antithrombotika, moderne Onkologika, Arzneimittel mit dem Wirkstoff Dimethylfumarat zur Therapie von Multiple Sklerose sowie dem Wirkstoff Sofosbuvir zur Therapie von Hepatitis C. Allerdings wurde durch die frühe Nutzenbewertung nach dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) aus dem Jahr 2011 beispielsweise dem Wirkstoff Dimethylfumarat nach einem Jahr kein Zusatznutzen bescheinigt.

Der Preis musste nach AVR-Angaben um knapp die Hälfte gesenkt werden. „Die Krankenkassen haben den Hauptschaden, denn die 100 Millionen Euro, die sie 2014 zu viel gezahlt haben, sind perdu“, erklärte Schwabe vor Journalisten in Berlin. Für eine rückwirkende Erstattung des ausgehandelten Preises setzte sich Martin Litsch, kommissarischer Vorstand des AOK-Bundesverbandes, ein. Höhere Kosten für die Arzneimittelversorgung würden sich früher oder später auch in höheren Zusatzbeiträgen für die GKV-Versicherten niederschlagen, warnte er.

"AMNOG nicht versorgungsgefährdend"
Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), plädiert dafür, besonders die Ausgabendynamik im patentgeschützten Medikamenten­markt im Blick zu behalten. Die Verordnungszahlen sinken, gleichzeitig steigen die Ausgaben je Arzneimittel zum Teil um 24 Prozent an. Aus seiner Sicht wirke das AMNOG, da bereits im Jahr 443 Millionen Euro gespart werden konnten, dennoch aber viele neue Arzneimittel auf den Markt gebracht wurden. „Befürchtungen, das AMNOG könnte sich als versorgungsgefährdend erweisen, sind also unbegründet“, erklärte Klauber.

Die Kritik des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), es habe durch das AMNOG eine erhöhte Marktrücknahme gegeben, kann Klauber nicht teilen. „In allen aufgezeigten Fällen hätte es nach dem Verfahren des Gemeinsamen Bundesaus­schusses keinen Zusatznutzen gegeben.“ Der BPI hatte vergangene Woche eine „deutliche Barriere“ für neue Arzneimittel auf dem deutschen Markt seit dem AMNOG beklagt. Dem widersprach auch Ludwig von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Er sieht eher eine weiter anhaltende „Produktivitätskrise der pharma­zeutischen Industrie“, da sich Fortschritte und innovative Medikamente nur auf eine „sehr überschaubare Gruppe der neuen Wirkstoffe“ beziehen.

Studienbedingungen nicht gleich Routinebedingungen
Der kommissarische AOK-Vorsitzende Litsch plädierte für eine zweite, spätere Nutzen­bewertung patentgeschützter Medikamente: „Ob die Arzneimittel ihre Versprechen in der Praxis erfüllen, könnten nur weitere Studien zeigen.“ Diese Ergebnisse müssten dann auch Einfluss auf die weitere Preisgestaltung haben. Die seltene Nachprüfung von Arzneimitteln kritisierte auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Oftmals würden Studien für die Erstzulassung an großen Universitätskliniken stattfinden, deren Ergebnisse nicht unter Routinebedingungen reproduziert werden könnten.

Große Koalition will AMNOG möglicherweise verändern
Lauterbach deutete auch mögliche Änderungen am AMNOG an. Er kritisiere das Gesetz nicht, weil es eine schwarz-gelbe Koalition angestoßen hat, betonte er. „Aber die Ergebnisse enttäuschen, das Verfahren ist zu langsam und zu bürokratisch.“ Gesundheitspolitiker hätten sich mehr Einsparungen versprochen. Derzeit wurden zwar 443 Millionen Euro eingespart, gerechtnet wurden aber zwei Milliarden Euro. „Daher muss der Apparat des AMNOG auf den Prüfstand, es müssen mehr qualifizierte Mitarbeiter das Verfahren umsetzen.“ Da derzeit fünf Gesetze in der Bearbeitung seien, werde das AMNOG aber erst in etwa sechs Monaten, zu Beginn des kommenden Jahres, bearbeitet werden können.  

Pharma-Verbände wie der BPI, Pro Generika und BAH Kritisierten den AVR erneut wegen der inhaltlichen Aussagen sowie der Studienmethode. So analysierte der BPI kürzlich mehrere Fehler bei der Berechnung der nationalen und internationalen Einsparpotentiale, der Berechnung der Mehrwertsteuer sowie Unsauberkeiten bei der Datenauswahl. Damit entstehe eine „massive Überschätzung“ der Einsparpotentiale. Ebenso bezweifeln die Verbände, dass der AVR ein guter Kompass für Gesetzgebung sei. © bee/aerzteblatt.de

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