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Mindestens 19 Tote bei Angriff auf Klinik von Ärzte ohne Grenzen

Sonntag, 4. Oktober 2015

Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus /dpa

Kabul – Nach einem mutmaßlichen US-Luftangriff auf ein Krankenhaus der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) im nordafghanischen Kundus mit mindestens 19 Toten hat US-Präsident Barack Obama Aufklärung zugesagt. Das US-Verteidigungsministerium habe eine Untersuchung des Vorfalls eingeleitet, auf deren Grundlage die Umstände der „Tragödie“ beurteilt werden sollten, erklärte das Weiße Haus am Samstag. Die Hilfsorganisation zieht sich nach dem Angriff vorerst aus Kundus zurück.

Nach dem Angriff /dpa
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Die Klinik, eine der wichtigsten Anlaufstellen für Verletzte nach den tagelangen Kämpfen mit den Taliban, wurde laut MSF am Samstag um 02.10 Uhr zum ersten Mal getroffen. Nach jüngsten Angaben vom Sonntag wurden mindestens zwölf Mitarbeiter und sieben Patienten getötet, darunter drei Kinder. Weitere 37 Menschen wurden demnach schwer verletzt, darunter 19 Mitarbeiter.

Die Nato erklärte: „Die US-Streitkräfte führten um 02.15 Uhr in Kundus einen Luftangriff gegen feindliche Kämpfer aus.“ Der Angriff „könnte zu Kollateralschäden in einem nahe gelegenen Krankenhaus geführt haben.“  US-Verteidigungsminister Ashton Carter sagte, die US-Streitkräfte seien in der Nähe im Einsatz gewesen. Er bestätigte damit nicht, dass die US-Luftwaffe angriff, versprach aber eine „gründliche Untersuchung“.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1980 in Afghanistan tätig. Im August 2011 wurde die Klinik in Kundus mit 55 Betten eröffnet, zuletzt verfügte sie über mehr als 90 Betten. Rund 400 afghanische und zehn internationale Mitarbeiter arbeiten dort. In das Krankenhaus kommen Patienten aus allen umliegenden Provinzen. Gerade in Phasen intensiver Kämpfe ist der Weg dorthin sehr gefährlich.

Die Klinik wird ausschließlich aus Spenden finanziert und behandelt jeden - unabhängig von Herkunft oder Religion.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt auch das Gesund­heitsministerium im Ahmad-Schah-Baba-Krankenhaus im Osten Kabuls, in der Frauenklinik Dascht-e-Barchi im Westen Kabuls und im Boost-Krankenhaus in Laschkar Gah in der Provinz Helmand. In Chost im Osten des Landes betreibt Ärzte ohne Grenzen eine eigene Mutter-Kind-Klinik.

Das afghanische Verteidigungsministerium erklärte, „eine Gruppe von Terroristen mit leichten und schweren Waffen“ sei in der Klinik gewesen. MSF erklärte, die Bombardierung habe mehr als 30 Minuten angedauert - auch nach einer Mitteilung an das afghanische und das US-Militär über einen ersten Einschlag, hieß es. Zudem sei die genaue Lage der Klinik mit GPS-Koordinaten auch an Kabul und Washington kommuniziert worden. Ärzte ohne Grenzen wies Vorwürfe zurück, Taliban-Kämpfer hätten aus der Klinik heraus auf afghanische Soldaten und US-Truppen geschossen. „Die Tore des Geländes waren nachts alle verschlossen, so dass zum Zeitpunkt des Angriffs außer Mitarbeitern und Patienten niemand in der Klinik war“, erklärte die Organisation. Zudem sei jeder Patient, auch verwundete Taliban-Kämpfer, nach dem humanitären Völkerrecht ein nicht-kämpfender Zivilist. „In keinem Fall kann die Bombardierung eines funktionierenden Krankenhauses gerechtfertigt sein“, hieß es.

Ärzte ohne Grenzen zieht sich aus Kundus zurück
Am Sonntag kündigte eine Sprecherin den Rückzug der Hilfsorganisation aus Kundus an. Die Klinik sei „nicht mehr nutzbar“, sagte sie. Die Organisation sei nicht mehr dort tätig, dringend behandlungsbedürftige Patienten seien in andere Kliniken gebracht worden. „Ich kann derzeit nicht sagen, ob das Traumazentrum wiedereröffnet wird oder nicht“, sagte die Sprecherin.

Der Vorfall sei „absolut tragisch, unentschuldbar und vielleicht sogar kriminell“, erklärte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid al-Hussein. Er forderte eine transparente Untersuchung. Sollte sich der Vorfall vor einem Gericht als vorsätzlich herausstellen, „könnte ein Luftangriff auf ein Krankenhaus ein Kriegsverbrechen darstellen“.

Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in der nordafghanischen Stadt Kundus bietet nach Angaben der Organisation kostenlose chirurgische Behandlungen für Konflikt- und Unfallopfer an. Bei vielen Patienten können durch solche Eingriffe Amputationen von verletzten Gliedmaßen verhindert werden. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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