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Ausland

„Man kann nur absolute Basisnothilfe leisten“

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Köln – Nach Angaben von Hilfsorganisationen haben seit Jahresbeginn rund 2.800 Menschen beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, ihr Leben verloren. Sie gehen allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer höher liegt. Sea-Watch ist neben Ärzte ohne Grenzen derzeit die einzige Organisation, die versucht, in Seenot geratenen Flüchtlingen beizustehen.

Drei Privatpersonen um Harald Höppner aus Brandenburg haben mit eigenem Geld einen alten Fischkutter gekauft und umgebaut. Von Juni bis Ende September kreuzte die MS Sea-Watch im Mittelmeer, um Flüchtlingsbooten vor der Küste Libyens Hilfe zu leisten. Mehr als 2.000 Menschen konnten der Hilfsorganisation zufolge so gerettet werden. Einer der Ärzte an Bord war Frank Dörner, der seit 1998 regelmäßig in Kriegs- und Krisengebieten weltweit humanitäre Hilfe leistet, meist für die deutsche Sektion von Ärzte ohne Grenzen, deren Geschäftsführer er bis Mai 2014 war, bevor er turnusgemäß ausschied.

5 Fragen an Frank Dörner, Allgemeinarzt und humanitärer Helfer an Bord der Sea-Watch

DÄ: Wie kam es zu Ihrer Mitarbeit bei Sea-Watch?
Dörner: Ich habe zufällig eine Radiosendung über Sea-Watch gehört und gedacht, das spricht mir aus dem Herzen. Da sagt Harald Höppner sinngemäß: „Wir können es uns als Bürger dieses Landes nicht ewig gefallen lassen, dass unsere Politiker nicht adäquat reagieren und Menschen ertrinken müssen, obwohl das wirklich überhaupt nicht nötig ist. Wir verfügen über Geld, wir verfügen über die technischen Möglichkeiten. Da muss kein Mensch im Mittelmeer ertrinken, weil er hier Asyl beantragen will oder ein besseres Leben sucht. Wir machen jetzt mit den wenigen Mitteln, die wir haben, etwas ganz Konkretes. Wir legen zusammen, kaufen ein Boot und dann schauen wir, ob wir es hinkriegen, zivilgesellschaftliche Seenotrettung zu organisieren.“ Da habe ich gedacht, wenn ich dazu beitragen kann, ist das genau richtig?

Inzwischen haben wir eine lange Liste möglicher Unterstützer und ungefähr 80 Leute haben schon konkret mitgearbeitet. Für die Auswahl gibt es bestimmte Anfor­derungsprofile und Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. Die Crew muss zueinander passen. Man braucht eine gute Ausgewogenheit von jungen, enthu­siastischen und (lebens-)erfahrenen Leuten.

DÄ: Was ist ihre Aufgabe als Arzt an Bord?
Dörner: Die Einsatzidee der Sea-Watch ist, keine Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Dazu ist das Boot mit 21 Metern Länge auch zu klein. Wir versuchen, den Flüchtlingen die notwendige Unterstützung zu geben und sie notfalls auf Rettungsinseln zu evakuieren. Das heißt, wir fahren immer bis auf eine oder anderthalb Meilen an das Boot, das wir gesichtet haben, heran. Dann wird unser Schnellboot aufs Wasser gebracht, das den direkten Kontakt zu den Flüchtlingsschiffen aufnimmt. Diese Einsätze habe ich geleitet. Dazu braucht man jemanden, der eine gewisse Erfahrung hat mit Konflikt- und Stresssituationen und der zumindest Englisch und Französisch spricht. Denn es sind viele Menschen aus West- und Zentralafrika an Bord.

Derjenige, der die Einsätze leitet, muss zudem schnell Entscheidungen treffen können. Man hat nicht viel Zeit. Vieles hängt davon ab, in welchem Stadium man auf ein Boot trifft. Wenn es gerade erst wenige Stunden auf dem Wasser und das Wetter gut ist, die Leute noch bei Kräften sind und genügend Wasser haben, dann ist das unproble­matischer, als wenn sie auf ein Boot treffen, das schon tagelang unterwegs ist, wo schon die Luft rausgeht, wo vielleicht ein Verletzter an Bord und das Wasser ausgegangen ist.

DÄ: Was können Sie mit Ihren doch recht bescheidenen Mitteln leisten?
Dörner: Man kann nur die absolute Basisnothilfe leisten. Ganz konkret kann man den Menschen klar machen, dass keine Gefahr mehr besteht, dass niemand mehr ertrinken muss. Das ist das erste. Denn die überwiegende Zahl der Passagiere kann nicht schwimmen. Das Wasser ist also eine enorme Gefahr für die Leute. Wir sehen zunächst zu, dass jeder eine Schwimmweste bekommt, damit niemand ertrinkt, wenn er beim Aus- oder Umsteigen über Bord fällt.

Als nächstes muss man die Menschen mit ausreichend Wasser versorgen. Wenn ihr Boot zu sinken droht, müssen sie auf Rettungsinseln gebracht werden, was ziemlich aufwendig und langwierig ist. Das alles muss koordiniert passieren, da darf keine Panik entstehen. Man muss sich das vorstellen: Das sind Boote, die sind innen vielleicht zehn Meter lang und 1,50 Meter breit, und da stehen 120 Leute drin. Wenn dann Rettung naht, muss man zusehen, dass keine unnötige Bewegung entsteht, die das fragile Gleichgewicht in Gefahr bringen kann.

In akuten Notfällen versorgen wir auch Verletzte, die wir recht aufwendig bergen und mit dem Schnellboot auf die Sea-Watch bringen müssen. Das Schiff ist dafür allerdings nicht wirklich ausgerüstet. Es gibt eigentlich nur einen Raum, die Messe, in dem es einen Tisch gibt, der als Behandlungstisch dienen kann – das ist sonst der Frühstücks- und Abendbrottisch. Das ist natürlich extrem improvisiert. Da kann man nur Schmerz- und Notbehandlung, aber keine intensivmedizinische Betreuung leisten.

DÄ: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Behörden und anderen Hilfsorganisationen?
Dörner: In der Seenotrettung engagieren sich neben uns eigentlich nur noch Ärzte ohne Grenzen und bis vor kurzem Moas, eine maltesische Hilfsorganisation. Ansonsten ist im Mittelmeer keine aktive private Rettungsorganisation tätig. Wir sind zumindest nie­mandem begegnet. Es gibt aber auch kaum Hilfsorganisationen, die in diesem Bereich Erfahrung hätten. Dazu kommt, dass es sich um eine politisch brisante Aktion handelt, durch die man sich exponiert und die nicht alle gut finden. Viele Hilfsorga­nisationen fragen sich auch, warum sie das machen sollen, wo doch so viele Kapazitäten auf staatlicher Seite existieren.

Dieser Teil des Mittelmeers ist mit Sicherheit einer der bestüberwachten militärischen Bereiche überhaupt. Man kann sich wirklich fragen, warum das Militär, allen voran die europäische Grenzschutzagentur Frontex nicht mehr unternimmt, um Flüchtlinge zu retten. Ab und zu unterstützt man uns dabei, Flüchtlinge aufs Festland zu bringen. Aber aktive Seenotrettungshilfe sieht unserer Meinung nach ganz anders aus. Es kann ja nicht sein, dass die Sea-Watch acht, neun Stunden darauf warten muss, dass Schnellboote der Küstenwache aus Lampedusa oder noch weiter entfernt zur Unterstützung geschickt werden, weil angeblich niemand in der Gegend ist.

DÄ: Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?
Dörner: Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, Asyl zu beantragen, ohne sich auf dem Weg über das Mittelmeer in Lebensgefahr zu bringen. Aber auch sonst muss ein sicherer Zugang möglich sein. Darüber, wie man das gestalten kann, gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Ich denke, alles, was verhindert, dass sich Menschen auf diese lebensgefährlichen Fahrten einlassen müssen, ist besser als das, was wir jetzt haben. Was man auf jeden Fall schnell tun kann, ist schlicht und einfach, die Kapazitäten der aktiven Seenotrettung zu erhöhen. Alles andere ist unterlassene Hilfeleistung. © HK/aerzteblatt.de

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