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Medizin

Anorexia nervosa: Wo die Magersucht im Gehirn entsteht

Dienstag, 13. Oktober 2015

dpa

New York – Die Nahrungsverweigerung von Patienten mit Anorexia nervosa unterliegt möglicherweise nicht (allein) dem freien Willen der Patienten. Eine Studie in Nature Neuroscience (2015; doi:10.1038/nn.4136) zeigt, dass die Wahl der Nahrungsmittel durch Hirnregionen angetrieben wird, die auch bei Substanzabhängigkeiten aktiviert wird. Demnach wäre die Anorexia nervosa tatsächlich eine Sucht.

Die funktionelle Kernspintomographie ermöglicht die Darstellung von Hirnregionen, die bei bestimmten Aufgaben aktiviert werden. Für die 21 Patientinnen mit Anorexia nervosa, die sich am Mortimer B. Zuckerman Mind Brain Behavior Institute der New York University dieser Untersuchung unterzogen, bestand die Aufgabe darin, 47 Nahrungsmittel nach Gesundheitswert und Geschmack zu beurteilen und dann ein Nahrungsmittel auszuwählen, das sie gerne essen würden. Am nächsten Tag konnten sie dann an einem Bufett die Nahrungsmittel ihrer Wahl essen.

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Wie vorhersehbar entscheiden sich die Patienten für ein fett- und kalorienarmes Nahrungsmittel. Zuvor hatten sie die fettreichen und kalorienreichen Nahrungsmittel als ungesund bewertet. Aus Sicht der Patientinnen war die Entscheidung rational. Immerhin bevorzugten sie ein zuvor als gesund eingestuftes Nahrungsmittel (auch wenn dies vor dem Hintergrund der Anorexie natürlich keine vernünftige Entscheidung war).

Die Aufnahmen der Kernspintomographie, die Karin Foerde und Mitarbeiter durch­führten, zeigten jedoch ein anderes Bild. Die Nahrungswahl wurde dort von einer Aktivierung im dorsalen Striatum begleitet, die Zweifel am freien Willen der Patientinnen lässt. Im dorsalen Striatum befinden sich Teile des Gewöhnungssystems, das gewohn­heitsmäßige Handlungen steuert, die nicht unbedingt dem Willen unterworfen sind. In einer Kontrollgruppe von 21 gesunden Frauen wurde das dorsale Striatum bei der Auswahl der Nahrungsmittel nicht aktiviert. Sie hatten die Kontrolle über die Wahl der Nahrungsmittel nicht verloren.

Foerde kann ferner zeigen, dass es bei den Patientinnen zwischen dem dorsalen Striatum und dem dorsolateralen präfrontalen Cortex (dlPFC) eine vermehrte Kommunikation gibt. Der dorsolaterale präfrontale Cortex gehört zu den Entschei­dungszentren des Gehirns, und die Befunde legen nahe, dass das dorsale Striatum dem dlPFC den Willen aufzwingt. Die Mitautoren Daphna Shohamy vergleicht die Anorexia nervosa hier mit Substanzabhängigkeit und Spielsucht. Die deutsche Bezeichnung „Magersucht“ könnte demnach den Kern der Erkrankung durchaus treffen.

Studienleiter Timothy Walsh vermutet, dass die Erkrankung mit dem Versuch der zumeist jungen Frauen beginnt, durch einen Gewichtsverlust ihre Attraktivität zu erhöhen. Der Erfolg werde als Bestätigung empfunden, der das Verhalten verstärkt. Später würden die Frauen die Bestätigung nicht mehr durch den Gewichtsverlust, sondern durch die Diät erhalten. Es komme dann zu einer Gewöhnung, die sie nicht mehr ablegen können.

© rme/aerzteblatt.de

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