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Medizin

Neonatale Hypoglykämie: Häufiger als angenommen, aber meist ohne Folgen

Freitag, 16. Oktober 2015

dpa

Auckland – Vor allem bei Kindern von Schwangeren mit einem Gestationsdiabetes kann es in den ersten Lebensstunden zu einem dramatischen Abfall des Blutzuckers kommen. Diese Episoden traten in einer Kohortenstudie mit (nahezu) kontinuierlichen subkutanen Messungen häufiger auf als angenommen. Sie blieben aber in der Regel ohne Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder in den ersten beiden Lebensjahren, wie die Publikation im New England Journal of Medicine (2015; 373: 1507-1518) zeigt. Eine zu aggressive Anhebung des Blutzuckers könnte sogar schädlich sein.

Wenn die Mutter unter Diabetes leidet, steigert der Fötus die Insulinproduktion, um den Blutzucker zu senken. Nach der Geburt, wenn plötzlich keine Glukose mehr über die Plazenta geliefert wird, fallen die Blutzuckerwerte ab. Da Glukose der wichtigste Energielieferant für das Gehirn ist, drohen schwere Hirnschäden.

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Die Notwendigkeit einer Glukosesubstitution bei diesen Neugeborenen ist unumstritten. Unklar ist allerdings, ab welcher Glukosekonzentration eine neonatale Hypoglykämie vorliegt. Im angelsächsischen Kulturkreis wird der Grenzwert mit 2,6 mmol/l oder 47 mg/dl relativ hoch angesetzt. Die Diagnose der neonatalen Hypoglykämie wird deshalb häufig gestellt.

Jane Harding vom Liggins Institute an der Universität Auckland in Neuseeland schätzt, dass 30 Prozent aller Kinder gefährdet sind, bei 15 Prozent die Diagnose gestellt wird und 10 Prozent deswegen auf einer neonatalen Intensivstation behandelt werden. Die Behandlung besteht in der Gabe von Dextrose, entweder als Gel oder intravenös verabreicht. Der Aufenthalt auf der Intensivstation ist nicht nur mit erhöhten Kosten verbunden, er stresst auch die Neugeborenen und verhindert häufig, dass die Säuglinge von ihren Müttern gestillt werden.

In der CHYLD-Studie (Children with Hypoglycemia and Their Later Development) untersucht das Team um Harding derzeit, welchen Einfluss die Hypoglykämien in den ersten beiden Lebenstagen auf die spätere kognitive Entwicklung haben. Die Kohorte umfasst 529 Neugeborene, die wegen eines Gestationsdiabetes ihrer Mutter, nach einer Frühgeburt oder aufgrund eines zu hohen oder zu niedrigen Geburtsgewichts ein erhöhtes Risiko auf die neonatale Hypoglykämie haben.

Bei allen Kindern wurde in den ersten 24 bis 48 Stunden der Blutzucker, genauer der interstitielle Glukosewert alle 5 Minuten mit einer subkutanen Sonde gemessen. Diese Werte wurden den Ärzten allerdings nicht mitgeteilt. Die Mediziner trafen ihre Therapieentscheidung wie in der Praxis üblich aufgrund der Symptome der Kinder oder nach vorsorglichen Blutzucker-Kontrollen. 

Die interstitiellen Blutzuckermessungen ergaben, dass etwa die Hälfte der Kinder die Kriterien einer neonatalen Hypoglykämie erfüllte. Diese Diagnose wurde von den Ärzten allerdings nur in jedem zweiten Fall erkannt. Die anderen Kinder blieben unbehandelt. Die Gabe von Dextrose war zudem nicht immer wirksam. Bei einem Viertel der behandelten Kinder lagen die interstitiellen Blutzucker-Werte trotz der Therapie wenigstens fünf Stunden lang unter dem Grenzwert.

Geschadet hat es den meisten Säuglingen allerdings nicht, wie die Untersuchungen aller Kinder im Alter von zwei Jahren zeigte. Alle Studienteilnehmer wurden gründlich mit dem Bayley Scales of Infant Development III und anderen Tests untersucht. Weder die Kinder, bei denen die Hypoglykämien nicht erkannt wurden, noch die Kinder, die (oft nicht ausreichend intensiv) behandelt wurden, hatten hier schlechtere Ergebnisse als die Kinder, bei denen mit der subkutanen Sonde keine Hypoglykämie-Episoden entdeckt wurden. 

Im Gegenteil: Kinder, bei denen die Behandlung die Glukosewerte deutlich gesteigert hatte, schnitten in einigen Tests sogar schlechter ab als die Kinder mit Hypoglykämien. Dies ist zwar kein Beweis für die Schädlichkeit einer zu großzügigen Therapie. Die Aussagekraft einer prospektiven Kohortenstudie ist hier wegen möglicher Verzerrungen beschränkt.

Tiermodelle haben laut Harding jedoch gezeigt, dass hohe Glukosekonzentrationen in der Erholungsphase nach einer Hypoglykämie die neurologische Entwicklung stören können, möglicherweise weil sie die Bildung von Sauerstoffradikalen fördern. Die Forscher in Neuseeland prüfen derzeit in einer randomisierten Studie, welche Dextrose-Dosis gegenüber Placebo die Hypoglykämie am besten korrigieren kann. 

Harding vertritt die Überzeugung, dass es bei der Behandlung  darauf ankommt, allzu große Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. Die Ergebnisse werden aber auch die Frage aufwerfen, ob der Grenzwert von 47 mg/dl nicht zu hoch angesetzt ist und damit zur unnötigen (und vielleicht sogar schädlichen) Behandlung vieler Neugeborener führt.

Diese Konsequenz lehnt die Forscherin mit Hinweis auf andere Studien ab. Die Editorialisten Rebecca Simmons, und Charles Stanley von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia halten die Grenze von 47 mg/dl jedoch für keine „magische“ Nummer, die nicht hinterfragt werden dürfe. Die Annahme, dass die Kinder eine starke Hypoglykämie, etwa über die vermehrte Bildung von Ketonkörpern schadlos überstehen könnten, sei allerdings ein Irrtum. © rme/aerzteblatt.de

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