NewsMedizinNeurodermitis: Neue Risikogene zeigen Einfluss des Immunsystems
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Neurodermitis: Neue Risikogene zeigen Einfluss des Immunsystems

Dienstag, 20. Oktober 2015

dpa

Bristol/München – Die Entstehung der Neurodermitis, von Dermatologen als atopische Dermatitis bezeichnet, wird durch Genvarianten begünstigt, die auch mit Autoimmun­erkrankungen in Verbindung gebracht werden. Dies zeigt die bisher größte genomweite Assoziationsstudie in Nature Genetics (2015; doi: 10.1038/ng.3424), die die Zahl der bekannten Risikogene auf 31 erhöht.

Die Neurodermitis hat eine starke genetische Komponente. In Europa wird der erbliche Anteil auf bis zu 90 Prozent geschätzt. In den letzten Jahren konnten zahlreiche Risiko­gene ermittelt werden. Den größten Einfluss haben Mutationen im Filaggrin-Gen, das Verhornungsprozesse in der Epidermis beeinflusst.

Anzeige

Dies hat frühere Konzepte zur Pathogenese bestätigt, nach denen Störungen der epidermalen Barrierefunktion eine wesentliche Ursache der Erkrankung sind. In den letzten Jahren wurden in genom-weiten Assoziationsstudien jedoch neue Genvarianten entdeckt, die den Schwerpunkt verschieben. Sie zeigen, dass auch Aspekte der angeborenen Immunabwehr eine Rolle spielen könnten.

Die neueste Untersuchung, deren Ergebnisse Lavinia Paternoster von der Universität Bristol und Marie Standl vom Helmholtz Zentrum München zusammen mit einem Forscher­team aus 40 Zentren in 14 Ländern vorstellen, unterstreichen erneut die Bedeutung der Immungene. In der bislang größten genomweiten Assoziationsstudie zur Neurodermitis wurde zunächst das Erbgut von 21.399 Patienten und 95.464 Kontrollen aus Europa, Afrika Japan und Lateinamerika an mehr als 15 Millionen Stellen verglichen. Dabei wurden zehn neue Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP) entdeckt und 21 be­kannte bestätigt. Die Ergebnisse wurden dann in weiteren Kohorten an 32.059 Fällen und 228.628 Kontrollen validiert.

Diese große Fallzahl ist notwendig, um weniger bedeutende SNP zu finden. Sie wurden vermutet, da die bisherigen 21 SNP nur 12,3 Prozent des erblichen Risikos erklären (von dem ein Großteil auf das Filaggrin-Gen entfällt). Die neu gefundenen zehn Gene erklären weitere 2,6 Prozent. Die Forschung ist deshalb noch weit davon entfernt, das erbliche Risiko der Neurodermitis komplett erklären zu können. Ein Risikotest ist nicht in Sicht (er wäre ohnehin nur sinnvoll, wenn es eine Präventionsmöglichkeit für die Erkrankung gäbe, die sich in den ersten Lebensmonaten manifestiert).

Die neuen Risikogene könnten aber die pathogenetischen Vorstellungen und damit auch die therapeutischen Konzepte verändern. Interessanterweise haben die meisten der neuen Risikogene eine Beziehung zu Autoimmunerkrankungen (zu denen die Neuro­dermitis derzeit nicht gezählt wird).

So befindet sich die SNP „rs2038255“ in einem Intron des Gens PPP2R3C. Dieses kodiert ein Enzym, das an der Regulierung der B-Zellen beteiligt ist und dessen Störung bei Mäusen eine Autoimmunerkrankung auslösen kann. Ein anderes SNP, „rs10214237“, befindet sich in unmittelbarer Nähe eines Gens, das Teile des Interleukin 7-Rezeptors kodiert, der eine Schlüsselfunktion bei Entzündungs- und Autoimmunreaktionen hat. Andere Untersuchungen hatten in diesem Gene eine Missense-Mutation gefunden, die das Risiko auf eine Multiple Sklerose erhöht.

Das beweist natürlich nicht, dass die Neurodermitis eine Autoimmunerkrankung ist. Bei vielen Menschen dürfte es aber eine vererbte Anfälligkeit für Entzündungserkrankungen geben. Ob es zur Neurodermitis kommt, könnte von weiteren Genen, aber auch von umweltbedingten Einflüssen abhängen.

Eine besondere Herausforderung sehen die Autoren darin, im Detail aufzuklären, über welche molekularen Mechanismen die identifizierten Genvarianten das Risiko für Entzün­dungskrankheiten im Allgemeinen und für die Neurodermitis im Speziellen erhöhen. Zudem müsse geklärt werden, wie diese durch Lebensstil- und Umweltfaktoren beein­flusst werden. In der Therapie könnten die Erkenntnisse den Stellenwert von antient­zündlichen Medikamenten stärken. Was am besten wirkt, lässt sich allerdings nicht aus Genstudien ableiten. Dies muss in randomisierten klinischen Studien geklärt werden.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #625311
L.A.
am Mittwoch, 21. Oktober 2015, 10:03

"Atypische Dermatitis" ?

Richtig soll es wohl "Atopische Dermatitis" heißen !?
LNS

Nachrichten zum Thema

21. Februar 2020
Nottingham und Oslo – Emollienzien, die die Hautbarriere schützen und einen transepidermalen Wasserverlust verhindern sollen, haben in 2 randomisierten Studien im Lancet (2020; doi:
Neurodermitis: Emollienzien schützen in Studien nicht vor Ekzemen
3. September 2019
Bonn – Patienten mit schwerer Neurodermitis müssen aufgrund ihrer Erkrankung häufig bei der Arbeit oder im Studium fehlen. Das berichtet die Deutsche Haut- und Allergiehilfe. Hintergrund ist eine
Schwere Neurodermitis verursacht viele Fehltage
7. Mai 2019
Kiel – Ein neues Modell zur Klassifikation von Neurodermitis und Schuppenflechte soll dazu beitragen, Patienten künftig individueller und besser behandeln zu können. Dazu haben sich Wissenschaftler
Projekt soll Versorgung von Psoriasis- und Neurodermitispatienten verbessern
21. Februar 2019
Denver/München – Kinder mit Neurodermitis, die zusätzlich an einer Nahrungsmittelallergie leiden, weisen auch in der nicht befallenen Haut Störungen auf, die das erhöhte Allergierisiko erklären
Neurodermitis: Salz und Wasserverlust beeinflussen Risiko für Nahrungsmittelallergie
13. Dezember 2018
Los Angeles – Menschen mit atopischer Dermatitis leiden nicht nur unter einer trockenen und juckenden Haut. Viele erleben ihre Krankheit als Stigma, die laut einer Metaanalyse in JAMA Dermatology
Ekzeme können Suizidgedanken auslösen
22. November 2018
Köln – Eine kombinierte Balneofototherapie (Licht-Bade-Therapie) kann für Patienten mit einem atopischen Ekzem (Neurodermitis), Vorteile gegenüber einer trockenen UV-Therapie haben. Zu diesem Ergebnis
Patienten mit atopischem Ekzem profitieren von Balneophototherapie
30. Mai 2018
London – Erwachsene, die unter schweren Ekzemen leiden, erkranken einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 361: k1786) zufolge häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jeder zehnte
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER