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Medizin

Schizophrenie: Offener Dialog „navigiert“ Patienten besser durch die Ersttherapie

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Hempstead – Ein holistischer Ansatz, der Patienten in der ersten Episode ihrer Psychose neben Medikamenten auch eine Gesprächstherapie und Hilfen zur Bewältigung des Alltags anbietet, hat in einer Studie im American Journal of Psychiatry (2015; doi: 10.1176/appi.ajp.2015.15050632) die Lebenssituation der Patienten und möglicherweise auch die Therapieergebnisse verbessert.

Die Behandlungsleitlinien sehen bei der Schizophrenie einen möglichst frühen Beginn der medikamentösen Therapie vor. Die eingesetzten Antipsychotika sind in der Regel auch in der Lage, Halluzinationen und andere Positivsymptome zu lindern. Die fehlende Krankheitseinsicht und die Nebenwirkungen der Medikamente führen jedoch oft dazu, dass die Psychiater den Kontakt zu ihren Patienten schnell verlieren. Viele sehen die Patienten erst wieder, wenn die Psychose sich deutlich verschlechtert hat oder wenn die Patienten das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Ein in den 1980er Jahren in Finnland entwickelter „offener Dialog“ könnte diese Patientenkarrieren verhindern. Die Behandlung bietet den Patienten umfassende Hilfe zur Bewältigung der Lebenskrise an, die mit dem Beginn der Psychose verbunden ist. Dazu gehört eine Beratung der Familie und der Versuch durch Sozialarbeiter, die Patienten, zumeist junge Erwachsene in einer labilen biographischen Phase, in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld zu halten. Anfangs gehörte zu dem Konzept der Verzicht auf antipsychotische Medikamente.

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Der Patient sollte lernen, die Positivsymptome zu akzeptieren und sich mit ihnen inhaltlich auseinanderzusetzen. Inzwischen wird von vielen Therapeuten anerkannt, dass die meisten Patienten nicht ohne Medikamente auskommen. Ein wesentliches Ziel bleibt es aber, die sozialen Kontakte zu stabilisieren und den Patienten dadurch in der Therapie zu halten.

Das Konzept des offenen Dialogs wurde inzwischen auch außerhalb von Skandinavien von vielen Kliniken aufgegriffen. Das US-National Institute of Mental Health hat es in einer abgewandelten Form in den letzten Jahren in einer größeren Studie untersuchen lassen. Die „Integrated Program for the Treatment of First Episode of Psychosis“ oder RAISE ETP-Studie randomisierte 404 Patienten in einer ersten Episode ihrer Psychose entweder auf eine konventionelle Therapie oder auf das NAVIGATE-Programm.

Die konventionelle Therapie beschränkte sich in der Regel auf die Verordnung von Medikamenten sowie regelmäßige Kontrolltermine beim Psychiater. Das NAVIGATE-Programm umfasste zusätzlich eine Schulung von Eltern und Patienten über die Natur der Erkrankung und ihren möglichen Verlauf. Die Patienten erhielten zudem eine soziale Unterstützung, damit sie ihre Schulausbildung fortsetzen können oder ihren Arbeitsplatz behalten. Das NAVIGATE-Programm versucht die Dosis der Medikamente niedrig zu halten, um den Patienten die unvermeidlichen Nebenwirkungen zu ersparen.

Nach den jetzt von John Kane von der Hofstra North Shore-LIJ School of Medicine in Hempstead, New York, und Mitarbeitern vorgestellten Ergebnissen ist es dem NAVIGATE-Programm gelungen, die Patienten länger in Therapie zu halten und damit ihre Symptome zu lindern. Das Programm stabilisierte die sozialen Beziehungen und die Lebensqualität der Patienten. Diese konnten laut Kane häufiger ihre schulischen und beruflichen Karrieren fortsetzen.

Für den Erfolg der Therapie war die Dauer der nicht-therapierten Psychose („DUP“) von Bedeutung. Patienten, die innerhalb von 74 Wochen nach Beginn der Symptome in die Therapie aufgenommen wurden, erzielten bessere Ergebnisse als Patienten mit einer längeren DUP. Dies belegt zwar nicht, das die Behandlung die Prognose der Patienten verbessert. Ein „Lead time bias“ könnte die besseren Ergebnisse beim früheren Beginn erklären.

Die Leitung des National Institute of Mental Health ist dennoch von den Ergebnissen der Studie überzeugt. Der Leiter der Division of Services and Intervention Research, Robert Heinssen, erwartet, dass die Ergebnisse der Studie die Therapie der Schizophrenie verändern wird. Die Schizophrenie ist in den USA in den letzten Monaten erneut zu einem Politikum geworden. Laut Presseberichten litten mehrere Attentäter psychiatrische Erkrankungen, darunter auch Psychosen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #819333
Johannes B
am Freitag, 13. März 2020, 12:16

Fachliche Kritik

Dass die fehlende Krankheitseinsicht "Compliance" im Wesentlichen auf den gravierenden Nebenwirkungen beruht, ist hinreichend belegt. In der somatogenen Medizin werden solche Medikamente nur bei schwersten Krankheiten wie aggressivem Krebs o.ä. gegeben.
Und der Mythos, Schizophrenie führt dazu, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, lässt die Psychiatrie als polizeiliche Ordnungsmacht darstellen.
Des weiteren ist anzuführen, dass es bis im Gegensatz zur somatogenen Medizin der psychiatrischen Willkür überlassen ist, welches soziale Verhalten als "schizophren" diagnostiziert wird. Apparative Diagnostik ist in der Psychiatrie die Seltenheit, obwohl bei schweren Erkrankungen dringendst angeraten.
Und abschließend sollte man erwähnen, dass die Unterlassung der Neuroleptikagabe ein essenzieller Bestandteil des "Open Dialogue"-Konzept darstellt. Daran hat sich trotz gegenteiliger Aussage des Autors bis heute nichts geändert.
LNS

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