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Medizin

Chronisches Erschöpfungssyndrom: Studie sieht Langzeitnutzen von Psycho- und Physiotherapie

Mittwoch, 28. Oktober 2015

dpa

Oxford – Die Autoren einer kontroversen Studie zur Behandlung des chronischen Erschöpfungssyndroms/myalgische Enzephalomyelitis (CFS/ME) berichten in Lancet Psychiatry (2015; doi: 10.1016/S2215-0366(15)00317-X), dass die damals als effektiv eingestuften Psycho- und Physiotherapien, die dem Krankheitskonzept vieler Patienten widersprechen, auch langfristig einen Nutzen erzielen. Allerdings scheint es auch vielen Teilnehmern der als ineffektiv eingestuften Beschäftigungstherapie heute besser zu gehen.

Die “Pacing, graded Activity and Cognitive behaviour therapy – a randomised Evaluation” oder PACE-Studie hatte 620 Patienten mit CFS/ME nach den Oxford-Kriterien auf vier Gruppen randomisiert. Verglichen wurden eine kognitive Verhaltens­therapie (Cognitive behavioural therapy, CBT), eine spezielle Physiotherapie (Graded exercise therapy, GET), eine Beschäftigungstherapie (adaptive pacing therapy, APT) und in der Kontrollgruppe eine alleinige medizinische Therapie (specialist medical care, SMC), die auch die Teilnehmer der drei anderen Gruppen erhielten.

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Die besten Ergebnisse erzielten, wie das Team um Michael Sharpe von der Universität Oxford vor viereinhalb Jahren im Lancet (2011; 377: 823-836) berichtete, mit CBT und GET ausgerechnet zwei Therapien, die die Erkrankung als psychisches Leiden (weil CPT wirkt) und die Patienten als „Faulpelze“ erscheinen lässt (denen mit einer GET „auf die Sprünge“ geholfen werden müsste), was  – wie die Autoren bereits früher versicherten – nicht der Fall ist. Die Ergebnisse widersprechen auch Krankheits­konzepten, die in der CFS/ME eine organische Erkrankung sehen, bei der Psycho­therapien nicht wirken und eine Physiotherapie das Leiden nur noch vergrößern würden.

Die Kritik an der PACE-Studie fiel entsprechend heftig aus, und auch die jetzt auf einer Pressekonferenz vorgestellten Ergebnisse einer Nachbeobachtung dürften hier weiter Öl ins Feuer gießen. Das Team um Sharpe hat die Adressen von 604 von 620 damaligen Teilnehmern ermitteln können und ihnen Fragebögen zu ihrem aktuellen gesund­heitlichen Befinden geschickt.

Insgesamt 481 Teilnehmer (75 Prozent) antworteten. Seit der Randomisierung der Patienten zu Beginn der Studien waren im Durchschnitt 31 Monate vergangen. Laut Sharpe war die Rücklaufrate in den vier Gruppen ähnlich, so dass deren Antworten statistisch valide Aussagen über die Langzeitergebnisse der vier Interventionen zulassen würden.

Die Teilnehmer, die die beiden wirksamen Therapien (CBT und GET) erhalten hatten, berichteten, dass ihr Gesundheitszustand in etwa gleich geblieben sei. Bei ihnen scheint die Therapie langfristig genutzt zu haben – und die Vorhersage von Kritikern, dass die Physiotherapie den Verlauf der Erkrankung ungünstig beeinflussen werde, hat sich nicht erfüllt. Allerdings hatten 31 Prozent aus dem CBT-Arm und 32 Prozent aus dem GET-Arm seither weitere Behandlungen erhalten.

Interessanterweise geht es heute auch vielen Patienten, die anfangs die als erfolglos eingestuften Therapien (APT und SMC) erhalten hatten, heute besser. Ihr Gesundheits­zustand ist laut Sharpe nicht schlechter als bei den Patienten, die eine aktive Therapie erhalten hatten. Allerdings, so fügt Sharpe hinzu, hätten diese Patienten nach dem Abschluss häufiger weitere Therapien in Anspruch genommen. So hätten sich 73 Prozent der Teilnehmer aus dem SMC-Arm und 50 Prozent der Teilnehmer aus dem APT-Arm erneut in Behandlung begeben und die meisten hätten - aufgrund der guten Ergebnisse der PACE-Studie – eine CBT oder GET erhalten. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #716523
randomwalk
am Donnerstag, 8. September 2016, 12:49

Die Schlussfolgerungen machen doch überhaupt keinen Sinn anhand der Daten

Mal auf den Punkt gebracht: 'There was little evidence of differences in outcomes between the randomised treatment groups at long-term follow-up.' steht als letzter Satz unter 'Findings' der zitierten Studie.
Daraus wird nun geschlussfolgert, dass die beiden Behandlungen die laut den selben Authoren http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0040808 die 'most cost-effective' sind plötzlich auch am wirksamsten sind.

So eine Interpretation kann man zwar nicht mit gesundem Menschenverstand erklären, aber vielleicht mit:

PDW has done voluntary and paid consultancy work for the United Kingdom Departments of Health and Work and Pensions and Swiss Re (a reinsurance company)
Avatar #696920
Katharina Voss
am Freitag, 19. Februar 2016, 12:20

Was nicht passt, wird passend gemacht

Ein kleiner Nachtrag zur Originalstudie: Sehen Sie bitte zur PACE trial auch dieses bemerkenswerte Schaubild:

https://pbs.twimg.com/media/Ca39abFW4AE5iL8.jpg

Hier wird deutlich, dass die Autoren der PACE trial Peter White et al. die 60 Punkte auf der SF-36-Skala wahlweise als Normalbereich, „CFS“-Diagnose oder Genesung von „CFS“ werten. Bei der Registrierung der Studie wurden übrigens noch 75 Punkte bereits als „CFS“-Diagnose gewertet. Der Durchschnittswert für 75-84-Jährige beträgt 57.9 Punkte. [Bowling et al., 1999, Table 3] Die Teilnehmer der PACE trial waren aber im Schnitt nur 38 Jahre alt. [White et al., 2011] Normalbereich für diese Altersklasse ist ein Punktwert von 93.3. [Bowling et al., 1999, Table 3]

Auch der niederländische Ableger der Wessely School, die Gruppe um Bleijenberg und Knoop, deren Publikationen hierzulande immer wieder zitiert werden, wenn es darum geht, die Krankheit "ME/CFS" zu verharmlosen und zu psychopathologisieren, verfährt mit der SF-36-Skala ganz nach Belieben.

Mal bedeutet ein Punktwert von 60 bei ihnen "Genesung von CFS", dann wieder ein Wert von 65 eine "schwere funktionelle Einschränkung" oder aber ein Wert von 70 Punkten "schwerbehindert".

Die Beliebigkeit, mit der die Wessely School und ihre niederländischen Gesinnungsgenossen die Ergebnisse des SF-36-Fragebogens auswerten, kann man wohl schwerlich als seriöse Forschung bezeichnen. Hier wird offenkundig nach Gutdünken interpretiert, um die gewünschten Resultate zu erzielen. Das dürfte jedem Leser anhand dieses Schaubilds deutlich werden - selbst naturwissenschaftlichen Laien.
Avatar #696920
Katharina Voss
am Sonntag, 15. November 2015, 19:52

PACE und (k)ein Ende?

Nach einer gründlichen Analyse der vorliegenden Daten des Langzeit-Follow-ups, die in voller Länge auf meinem Blog http://meversuscfs.blogspot.de/ zu lesen ist, kann ich nur hoffen, dass die Redakteure des Ärzteblatts erkennen, welchem Humbug sie aufgesessen sind. Die Psychiater der britischen Wessely-School sind nämlich ganz groß darin, ihre Studienergebnisse medial so aufzubereiten, dass man den Eindruck gewinnen muss, ihre Hypothesen seien von ernstzunehmendem wissenschaftlichen Gewicht.

Ich hoffe darüber hinaus, dass das Ärzteblatt in Zukunft Artikel zur Myalgischen Enzephalomyelitis oder zum Chronischen Erschöpfungssyndrom nicht mehr unter der Rubrik "Psychische Erkrankungen" veröffentlicht, sondern da, wo sie hingehören laut WHO-Verschlüsselung, nämlich zu den neurologischen Krankheiten bzw. den neuroimmunologischen.

Hier nun meine Datenanalyse aus dem Blog:

"Doch was hat es mit den Ergebnissen dieser Langzeit-Follow-up-Studie tatsächlich auf sich?

Als Hauptergebnis präsentieren uns die Autoren dieses Follow-ups ihre Feststellung, dass die Studienteilnehmer des CBT- und des GET-Arms den – nach Ansicht der Autoren – wohltuenden Effekt dieser Therapien auf Fatigue und körperliche Funktionsfähigkeit auch zweieinhalb Jahre nach der Randomisierung beibehielten. [White et al., 2015]

Doch das für den unvoreingenommenen Leser dieser Nachbereitungsstudie als erstes ins Auge springende Resultat ist die Tatsache, dass die Patienten aller vier Studienarme zwei Jahre nach Ende der Behandlungen einen in etwa gleichen Gesundheitszustand ihre Fatigue-Problematik und ihre physische Funktionsfähigkeit betreffend aufweisen und dass sie alle immer noch krank sind.

Zugleich sind die Patienten, die in der Originalstudie 52 Wochen lang Behandlungen mit CBT und GET erhalten hatten, diejenigen, die laut Langzeit-Follow-up-Befragung am wenigstens Verbesserungen zu vermelden hatten. Nach Abschluss der Behandlungen in der Originalstudie erreichten die GET-Teilnehmer eine durchschnittliche Punktzahl von 57.7 hinsichtlich ihrer physischen Funktion (SF-36). Die zweieinhalb Jahre nach Randomisierung für die Follow-up-Studie befragten ehemaligen GET-Teilnehmer erzielten 62.5 Punkte. Die CBT-Patienten erreichten in der Originalstudie durchschnittlich 58.2 Punkte, die für das Follow-up Befragten 64.2 Punkte.

Hingegen verbesserten sich die Patienten, die in der Originalstudie mit APT behandelt wurden, von durchschnittlich 45.9 auf 57.6 Punkte und die befragten Patienten des SMC-Arms von in der Originalstudie durchschnittlich 50.8 auf 62.6 Punkte im Langzeit-Follow-up. Während also die Patienten des APT-und des SMC-Arms von deutlichen Verbesserungen berichteten, konnten die CBT-und GET-Patienten im Schnitt nur wenig Punktegewinn machen. Diese Resultate werfen auf die Langzeitauswirkungen von CBT und GET kein gutes Licht. Denn man könnte darauf schließen, dass der Verzicht auf CBT und GET keineswegs mit einer Verschlechterung des Zustands verbunden ist, sondern eher mit einer langsamen, aber stetigen Verbesserung.

Dafür spricht auch, dass die Verbesserungsrate derjenigen, die ursprünglich nur mit SMC oder APT behandelt wurden, offenkundig rasant dahinschmilzt, wenn diese Patienten sich für eine Nachfolgebehandlung mit CBT oder GET entscheiden. Patienten des SMC-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT o. GET ≥ 10 Behandlungen) absolviert hatten, haben durchschnittlich 15.7 Punkte weniger auf der SF-36-Skala und im Durchschnitt 4.9 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala als ihre Mitpatienten, die keine Nachfolgebehandlung bekamen. Patienten des APT-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT o. GET ≥ 10 Behandlungen) durchlaufen hatten, büßen durchschnittlich 10.2 Punkte auf der SF-36-Skala ein und müssen im Schnitt 3.4 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala verbuchen als ihre Mitpatienten, die sich nicht nachbehandeln ließen. Patienten des CBT-Arms, die an einer adäquaten Nachfolgetherapie (CBT o. GET ≥ 10 Behandlungen) teilgenommen hatten, müssen durchschnittlich 9.9 Punkte auf der SF-36-Skala anheimgeben und weisen im Mittel 3.5 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala auf als ihre Mitpatienten, die keine Nachfolgebehandlung erhielten. Patienten des GET-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT ≥ 10 Behandlungen) abgeleistet hatten, verzeichnen einen durchschnittlichen Verlust von 9.2 Punkten auf der SF-36-Skala und einen mittleren Zuwachs von 0.3 Punkten auf der Chalder-Fatigue-Skala gegenüber den Patienten, die auf eine Nachfolgebehandlung verzichteten.

Rein statistisch gesehen konnten Verbesserungen also nur von denjenigen Studienteilnehmern zu Protokoll gegeben werden, die sich gegen eine Nachfolgebehandlung entschieden hatten!

Angesichts dieses Befundes ist die von den Autoren der Studie geäußerte Vermutung, dass nach Studienende erhaltene CBT-und GET die Verbesserungen bei den ursprünglich nur mit SMC oder APT Behandelten bewirkt haben soll, eine völlige Verdrehung der Tatsachen. Denn das genaue Gegenteil ist der Fall! Diejenigen Patienten, die sich mit CBT und GET nachbehandeln ließen, mussten offensichtlich deutliche Verluste – insbesondere auch bezüglich ihrer körperlichen Funktionsfähigkeit – hinnehmen.

Nun könnte man einwenden, dass es denjenigen, die sich nachbehandeln ließen, womöglich nach Beendigung der Behandlungen in der Originalstudie gesundheitlich sehr viel schlechter ging als denen, die sich gegen eine Nachbehandlung entschieden hatten. Doch wenn es sich tatsächlich so verhielte, dann hätten die Autoren ganz sicher nicht auf die Mitteilung dieser Daten verzichtet. Denn wer lässt sich schon freiwillig die Statistik versauen, wenn er wie die PACE-Autoren unbedingt beweisen will, dass CBT und GET effektive Behandlungen sind?!

Am ehesten sattelten diejenigen Studienteilnehmer, die ursprünglich nur eine fachärztliche Versorgung (SMC) erhalten hatten, nach Beendigung der Studie eine zusätzliche Behandlung drauf. Die Autoren werten das Verlangen nach einer zusätzlichen Behandlung als einen Marker für fortdauernde Krankheit und leiten daraus die Überlegenheit für CBT und GET gegenüber einer rein medizinischen Behandlung ab.

Doch diese Interpretation ist geradezu abenteuerlich. Denn die Langzeit-Follow-up-Ergebnisse für die SMC-Patienten und die GET-Patienten sind nahezu deckungsgleich. SMC-Patienten, die sich gegen eine Nachbehandlung mit CBT oder GET entschieden hatten, bewegen sich zwei Jahre nach Beendigung der Behandlungen gesundheitlich auf fast gleichem Niveau wie die GET-Patienten, die sich gegen eine Nachbehandlung entschieden hatten. SMC-Patienten ohne Nachbehandlung kamen bei der Befragung im Mittel auf 18.7 Punkte im Chalder-Fatigue-Questionnaire (CFQ) und auf 62.6 Punkte im SF-36, GET-Patienten ohne Nachbehandlung erzielten durchschnittlich 18.7 Punkte im CFQ und 62.5 Punkte im SF-36. Und wenn man sich dazu vor Augen führt, dass die Patienten des SMC-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT o.GET ≥ 10 Behandlungen) absolviert hatten, auf durchschnittlich 15.7 Punkte weniger auf der SF-36-Skala kamen und im Mittel 4.9 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala notierten gegenüber den Patienten ohne Nachfolgebehandlung, mutet diese Interpretation wie eine Farce an.

Man kann die Tatsache, dass CBT-und GET-Behandelte diejenigen waren, die am wenigsten Interesse an einer Nachfolgebehandlung zeigten, auch ganz anders deuten. Nämlich so, dass diese Patienten die Nase gestrichen voll von nicht erfüllten Heilsversprechen hatten! Von den 127 in der Follow-up-Studie Befragten, die in der Originalstudie dem GET-Arm zugehörten, waren jedenfalls 123 offenbar nicht überzeugt vom „Erfolg“ ihrer genossenen Behandlung. Denn nur zwei von diesen 127 Patienten hängten 1-4 und zwei weitere 5-9 Behandlungen mit GET dran. Und niemand, tatsächlich niemand von den befragten 127 GET-Patienten hatte sich für die angemessene Anzahl von 10 oder mehr Therapiestunden mit GET entschieden. [Supplementary appendix, Table B., White et al., 2015] Spricht das nicht Bände?

Immerhin entschieden sich aber 20 der ehemals mit GET Therapierten für eine adäquate Nachbehandlung mit CBT. [Table 2, White et al., 2015] Doch erstaunlicherweise geht es ihnen nach diesen Zusatzbehandlungen schlechter als denen, die sich gegen eine Nachbehandlung mit CBT oder GET entschieden haben. Der erzielte Mittelwert auf der Chalder-Fatigue-Skala zeigt mit 0.3 Punkten mehr (19.0 versus 18.7 der nicht Nachbehandelten) noch keinen großen Unterschied, doch die Einbuße an physischen Funktionen (SF-36) hat bei einem durchschnittlichen Wert von 53.3 Punkten gegenüber den 62.5 Punkten der nicht Weiterbehandelten bereits eine nicht ganz unbeträchtliche negative Auswirkung auf die Lebensqualität. [Supplementary appendix, Table C., White et al., 2015]

Dieses Ergebnis lässt verschiedene Schlüsse zu: Entweder ist CBT durchweg kontraindiziert oder aber kontraindiziert als Folgebehandlung einer GET. Oder aber GET führt generell zu Therapieresistenz, zumindest in Bezug auf CBT. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es ausgerechnet diesen 20 Teilnehmern nach der ursprünglich genossenen GET-Behandlung ganz besonders schlecht ging, was sich nun tendenziell immer noch in dem miesen Ergebnis nach der CBT-Weiterbehandlung niederschlägt. Das ist aber, wie oben ausgeführt, eher unwahrscheinlich, weil die Autoren passende Daten dazu sicher nicht unterdrückt hätten.

Da wir gerade von Datenunterdrückung sprechen: Es ist auch immer interessant zu analysieren, was in einer Studie nicht untersucht oder nicht diskutiert wird. Im Fall dieser Langzeit-Follow-up-Studie fehlt eine Mitteilung dazu, ob irgendeiner der Teilnehmer nach Beendigung der Studie wieder arbeitsfähig war und/oder gesund wurde, denn das müsste ja das Ziel einer erfolgreichen Behandlung sein. Nun ja, die Daten sprechen eigentlich schon an sich dagegen: Die nicht Nachbehandelten dümpeln auf der SF-36-Skala zwischen durchschnittlich 57.6 und 64.2 Punkten und auf der Chalder-Fatigue-Skala zwischen 17.9 und 18.7 Punkten herum. 60 und mehr Punkte auf der SF-36-Skala und 18 oder weniger Punkte auf der Chalder-Fatigue-Skala waren zwar als „im Normalbereich“ in der Originalstudie definiert worden, doch das ursprüngliche Ziel für normale Funktionsfähigkeit betrug laut Studienprotokoll 75 und für Genesung 85 und mehr Punkte auf der SF-36-Skala und 3 oder weniger Punkte auf der Chalder-Fatigue-Skala. [White et al., 2007] Und diese beiden letztgenannten Werte entsprechen auch denen, die für die durchschnittlich 38-Jährigen, die an der Studie teilnahmen, [Table 1, White et al., 2011] als Mindestnormwerte für halbwegs Gesunde gelten.

Menschen mit Chronischer Herzinsuffizienz, die im Mittel 79 Punkte auf der SF-36-Skala erreichen, sind also fitter als die „erfolgreich“ Therapierten der PACE-Studie und sogar wesentlich fitter als diejenigen, die sich unseligerweise haben beschwatzen lassen, eine Nachbehandlung mit CBT oder GET über sich ergehen zu lassen. Kein Wunder also, dass Arbeitsfähigkeit oder Genesung keinerlei Erwähnung finden im Follow-up! Denn die Patienten sind nach wie vor allesamt weit entfernt von diesen Zielen.

Das wird auch durch die Work and Social Adjustment Scale (WSAS) deutlich. Die WSA-Skala ist ein Fragebogen, der eigentlich für psychisch kranke Menschen entwickelt wurde. Interessanterweise kam er aber sowohl bei der Originalstudie als auch im Follow-up zum Einsatz – obwohl „CFS“ bzw. ME laut Verschlüsselung der WHO eine körperliche Erkrankung ist. Die Entscheidung der Studiendesigner, ausgerechnet diesen Fragebogen zu benutzen, der gar nicht für Menschen mit körperlichen Krankheiten und Behinderungen gedacht ist, zeigt deren Voreingenommenheit in puncto „Chronic Fatigue Syndrom“ und Myalgische Enzephalomyelitis, Bezeichnungen, die die Autoren, wohlgemerkt, synonym gebrauchen. Die in der Follow-up-Studie befragten Patienten aller Studienarme hatten durchschnittlich zwischen 22.9 und 19.4 Punkte auf der WSA-Skala zu verzeichnen. Werte zwischen 10-20 Punkten sind laut WSAS mit signifikanten Funktionsstörungen verbunden, Werte über 20 Punkte mit mittelschweren oder noch schwereren „psychopathologischen“ Störungen.

Zu den weiter oben bereits erwähnten Widersprüchlichkeiten gesellt sich noch eine weitere: Die Abbildung 2 zeigt Resultate, die nicht mit denen der Tabelle C des Anhangs übereinstimmen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ziemlich willkürlich mit Zahlen jongliert wurde, um missliebige Befunde passend zu machen. Derartige Unstimmigkeiten bedürfen dringend weiterer Aufklärung!

Fazit: Die Ergebnisse der Langzeit-Follow-up-Studie offenbaren unfreiwillig den ganzen Schwindel der PACE trial. CBT und GET sind keine angemessenen Behandlungen, weder für ME- noch für „CFS“-Patienten, und zwei Jahre nach Beendigung der Behandlungen ist die angebliche Überlegenheit dieser Therapien, die von den Autoren in der Originalstudie durch deren (großenteils manipulierte) Resultate belegt wurde, im Londoner Nebel verdampft.

Das Information Commissioner`s Office hat die Londoner Queen Mary Universität nun aufgefordert, die anonymisierten PACE-Studiendaten an einen nicht genannten Beschwerdeführer freizugeben. Es wird höchste Zeit, dass unabhängige Experten diese Daten einer gründlichen Analyse unterziehen. Der Meinung sind auch Experten wie Ronald Davis, Leonard Jason, Vincent Racaniello, Bruce Levin, Arthur Reingold und Jonathan Edwards, die einen offenen Brief an den Herausgeber des Lancet, Richard Horton verfasst haben. Auch Patienten fordern weltweit die Rücknahme der PACE-Studie. Eine entsprechende Petition hat binnen weniger Tage bereits an die 10.000 Unterschriften bekommen. Möglicherweise sind die Tage der PACE trial also in absehbarer Zeit gezählt …

Hier können auch Sie unterschreiben: http://my.meaction.net/petitions/pace-trial-needs-review-now

*Der britische Psychiater Simon Wessely und seine Anhänger, zu denen auch Peter White gehört, benutzen die Begriffe „Fatigue“, „Chronic Fatigue“, „Chronic Fatigue Syndrome“ und „Myalgische Enzephalomyelitis“ als Synonyme und werfen damit ganz unterschiedliche Krankheitsbilder in einen Topf.

Literatur:

White, Peter D, Sharpe, Michael C, Chalder, Trudie, DeCesare, Julia C, Walwyn, Rebecca and the
PACE trial group Protocol for the PACE trial: A randomised controlled trial of adaptive pacing,
cognitive behaviour therapy, and graded exercise as supplements to standardised specialist medical care versus standardised specialist medical care alone for patients with the chronic fatigue syndrome/myalgic encephalomyelitis or encephalopathy, BMC Neurology 2007, doi:10.1186/1471-2377-7-6

White, Peter et al. Comparison of adaptive pacing therapy, cognitive behaviour therapy, graded exercise therapy, and specialist medical care for chronic fatigue syndrome (PACE): a randomised trial, The Lancet 2011: 10.1016/S0140-6736(11)60096-2

Sharpe M, Goldsmith KA, Johnson AL, Chalder T, Walker J, White PD. Rehabilitative treatments for chronic fatigue syndrome: long-term follow-up from the PACE trial. Lancet Psychiatry 2015; published online Oct 28, doi.org/10.1016/ S2215-0366(15)00317-X

Chronisches Erschöpfungssyndrom: Studie sieht Langzeitnutzen von Psycho- und Physiotherapie, Deutsches Ärzteblatt vom 28.10.2015"
Avatar #696920
Katharina Voss
am Sonntag, 15. November 2015, 19:31

PACE und (k)ein Ende?

Nach einer gründlichen Analyse der vorliegenden Daten des Langzeit-Follow-ups, die in voller Länge auf meinem Blog http://meversuscfs.blogspot.de/ zu lesen ist, kann ich nur hoffen, dass die Redakteure des Ärzteblatts erkennen, welchem Humbug sie aufgesessen sind. Die Psychiater der britischen Wessely-School sind nämlich ganz groß darin, ihre Studienergebnisse medial so aufzubereiten, dass man den Eindruck gewinnen muss, ihre Hypothesen seien von ernstzunehmendem wissenschaftlichen Gewicht.

Ich hoffe darüber hinaus, dass das Ärzteblatt in Zukunft Artikel zur Myalgischen Enzephalomyelitis oder zum Chronischen Erschöpfungssyndrom nicht mehr unter der Rubrik "Psychische Erkrankungen" veröffentlicht, sondern da, wo sie hingehören laut WHO-Verschlüsselung, nämlich zu den neurologischen Krankheiten bzw. den neuroimmunologischen.

Hier nun meine Datenanalyse aus dem Blog:

"Doch was hat es mit den Ergebnissen dieser Langzeit-Follow-up-Studie tatsächlich auf sich?

Als Hauptergebnis präsentieren uns die Autoren dieses Follow-ups ihre Feststellung, dass die Studienteilnehmer des CBT- und des GET-Arms den – nach Ansicht der Autoren – wohltuenden Effekt dieser Therapien auf Fatigue und körperliche Funktionsfähigkeit auch zweieinhalb Jahre nach der Randomisierung beibehielten. [White et al., 2015]

Doch das für den unvoreingenommenen Leser dieser Nachbereitungsstudie als erstes ins Auge springende Resultat ist die Tatsache, dass die Patienten aller vier Studienarme zwei Jahre nach Ende der Behandlungen einen in etwa gleichen Gesundheitszustand ihre Fatigue-Problematik und ihre physische Funktionsfähigkeit betreffend aufweisen und dass sie alle immer noch krank sind.

Zugleich sind die Patienten, die in der Originalstudie 52 Wochen lang Behandlungen mit CBT und GET erhalten hatten, diejenigen, die laut Langzeit-Follow-up-Befragung am wenigstens Verbesserungen zu vermelden hatten. Nach Abschluss der Behandlungen in der Originalstudie erreichten die GET-Teilnehmer eine durchschnittliche Punktzahl von 57.7 hinsichtlich ihrer physischen Funktion (SF-36). Die zweieinhalb Jahre nach Randomisierung für die Follow-up-Studie befragten ehemaligen GET-Teilnehmer erzielten 62.5 Punkte. Die CBT-Patienten erreichten in der Originalstudie durchschnittlich 58.2 Punkte, die für das Follow-up Befragten 64.2 Punkte.

Hingegen verbesserten sich die Patienten, die in der Originalstudie mit APT behandelt wurden, von durchschnittlich 45.9 auf 57.6 Punkte und die befragten Patienten des SMC-Arms von in der Originalstudie durchschnittlich 50.8 auf 62.6 Punkte im Langzeit-Follow-up. Während also die Patienten des APT-und des SMC-Arms von deutlichen Verbesserungen berichteten, konnten die CBT-und GET-Patienten im Schnitt nur wenig Punktegewinn machen. Diese Resultate werfen auf die Langzeitauswirkungen von CBT und GET kein gutes Licht. Denn man könnte darauf schließen, dass der Verzicht auf CBT und GET keineswegs mit einer Verschlechterung des Zustands verbunden ist, sondern eher mit einer langsamen, aber stetigen Verbesserung.

Dafür spricht auch, dass die Verbesserungsrate derjenigen, die ursprünglich nur mit SMC oder APT behandelt wurden, offenkundig rasant dahinschmilzt, wenn diese Patienten sich für eine Nachfolgebehandlung mit CBT oder GET entscheiden. Patienten des SMC-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT o. GET ≥ 10 Behandlungen) absolviert hatten, haben durchschnittlich 15.7 Punkte weniger auf der SF-36-Skala und im Durchschnitt 4.9 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala als ihre Mitpatienten, die keine Nachfolgebehandlung bekamen. Patienten des APT-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT o. GET ≥ 10 Behandlungen) durchlaufen hatten, büßen durchschnittlich 10.2 Punkte auf der SF-36-Skala ein und müssen im Schnitt 3.4 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala verbuchen als ihre Mitpatienten, die sich nicht nachbehandeln ließen. Patienten des CBT-Arms, die an einer adäquaten Nachfolgetherapie (CBT o. GET ≥ 10 Behandlungen) teilgenommen hatten, müssen durchschnittlich 9.9 Punkte auf der SF-36-Skala anheimgeben und weisen im Mittel 3.5 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala auf als ihre Mitpatienten, die keine Nachfolgebehandlung erhielten. Patienten des GET-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT ≥ 10 Behandlungen) abgeleistet hatten, verzeichnen einen durchschnittlichen Verlust von 9.2 Punkten auf der SF-36-Skala und einen mittleren Zuwachs von 0.3 Punkten auf der Chalder-Fatigue-Skala gegenüber den Patienten, die auf eine Nachfolgebehandlung verzichteten.

Rein statistisch gesehen konnten Verbesserungen also nur von denjenigen Studienteilnehmern zu Protokoll gegeben werden, die sich gegen eine Nachfolgebehandlung entschieden hatten!

Angesichts dieses Befundes ist die von den Autoren der Studie geäußerte Vermutung, dass nach Studienende erhaltene CBT-und GET die Verbesserungen bei den ursprünglich nur mit SMC oder APT Behandelten bewirkt haben soll, eine völlige Verdrehung der Tatsachen. Denn das genaue Gegenteil ist der Fall! Diejenigen Patienten, die sich mit CBT und GET nachbehandeln ließen, mussten offensichtlich deutliche Verluste – insbesondere auch bezüglich ihrer körperlichen Funktionsfähigkeit – hinnehmen.

Nun könnte man einwenden, dass es denjenigen, die sich nachbehandeln ließen, womöglich nach Beendigung der Behandlungen in der Originalstudie gesundheitlich sehr viel schlechter ging als denen, die sich gegen eine Nachbehandlung entschieden hatten. Doch wenn es sich tatsächlich so verhielte, dann hätten die Autoren ganz sicher nicht auf die Mitteilung dieser Daten verzichtet. Denn wer lässt sich schon freiwillig die Statistik versauen, wenn er wie die PACE-Autoren unbedingt beweisen will, dass CBT und GET effektive Behandlungen sind?!

Am ehesten sattelten diejenigen Studienteilnehmer, die ursprünglich nur eine fachärztliche Versorgung (SMC) erhalten hatten, nach Beendigung der Studie eine zusätzliche Behandlung drauf. Die Autoren werten das Verlangen nach einer zusätzlichen Behandlung als einen Marker für fortdauernde Krankheit und leiten daraus die Überlegenheit für CBT und GET gegenüber einer rein medizinischen Behandlung ab.

Doch diese Interpretation ist geradezu abenteuerlich. Denn die Langzeit-Follow-up-Ergebnisse für die SMC-Patienten und die GET-Patienten sind nahezu deckungsgleich. SMC-Patienten, die sich gegen eine Nachbehandlung mit CBT oder GET entschieden hatten, bewegen sich zwei Jahre nach Beendigung der Behandlungen gesundheitlich auf fast gleichem Niveau wie die GET-Patienten, die sich gegen eine Nachbehandlung entschieden hatten. SMC-Patienten ohne Nachbehandlung kamen bei der Befragung im Mittel auf 18.7 Punkte im Chalder-Fatigue-Questionnaire (CFQ) und auf 62.6 Punkte im SF-36, GET-Patienten ohne Nachbehandlung erzielten durchschnittlich 18.7 Punkte im CFQ und 62.5 Punkte im SF-36. Und wenn man sich dazu vor Augen führt, dass die Patienten des SMC-Arms, die eine adäquate Nachfolgetherapie (CBT o.GET ≥ 10 Behandlungen) absolviert hatten, auf durchschnittlich 15.7 Punkte weniger auf der SF-36-Skala kamen und im Mittel 4.9 Punkte mehr auf der Chalder-Fatigue-Skala notierten gegenüber den Patienten ohne Nachfolgebehandlung, mutet diese Interpretation wie eine Farce an.

Man kann die Tatsache, dass CBT-und GET-Behandelte diejenigen waren, die am wenigsten Interesse an einer Nachfolgebehandlung zeigten, auch ganz anders deuten. Nämlich so, dass diese Patienten die Nase gestrichen voll von nicht erfüllten Heilsversprechen hatten! Von den 127 in der Follow-up-Studie Befragten, die in der Originalstudie dem GET-Arm zugehörten, waren jedenfalls 123 offenbar nicht überzeugt vom „Erfolg“ ihrer genossenen Behandlung. Denn nur zwei von diesen 127 Patienten hängten 1-4 und zwei weitere 5-9 Behandlungen mit GET dran. Und niemand, tatsächlich niemand von den befragten 127 GET-Patienten hatte sich für die angemessene Anzahl von 10 oder mehr Therapiestunden mit GET entschieden. [Supplementary appendix, Table B., White et al., 2015] Spricht das nicht Bände?

Immerhin entschieden sich aber 20 der ehemals mit GET Therapierten für eine adäquate Nachbehandlung mit CBT. [Table 2, White et al., 2015] Doch erstaunlicherweise geht es ihnen nach diesen Zusatzbehandlungen schlechter als denen, die sich gegen eine Nachbehandlung mit CBT oder GET entschieden haben. Der erzielte Mittelwert auf der Chalder-Fatigue-Skala zeigt mit 0.3 Punkten mehr (19.0 versus 18.7 der nicht Nachbehandelten) noch keinen großen Unterschied, doch die Einbuße an physischen Funktionen (SF-36) hat bei einem durchschnittlichen Wert von 53.3 Punkten gegenüber den 62.5 Punkten der nicht Weiterbehandelten bereits eine nicht ganz unbeträchtliche negative Auswirkung auf die Lebensqualität. [Supplementary appendix, Table C., White et al., 2015]

Dieses Ergebnis lässt verschiedene Schlüsse zu: Entweder ist CBT durchweg kontraindiziert oder aber kontraindiziert als Folgebehandlung einer GET. Oder aber GET führt generell zu Therapieresistenz, zumindest in Bezug auf CBT. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es ausgerechnet diesen 20 Teilnehmern nach der ursprünglich genossenen GET-Behandlung ganz besonders schlecht ging, was sich nun tendenziell immer noch in dem miesen Ergebnis nach der CBT-Weiterbehandlung niederschlägt. Das ist aber, wie oben ausgeführt, eher unwahrscheinlich, weil die Autoren passende Daten dazu sicher nicht unterdrückt hätten.

Da wir gerade von Datenunterdrückung sprechen: Es ist auch immer interessant zu analysieren, was in einer Studie nicht untersucht oder nicht diskutiert wird. Im Fall dieser Langzeit-Follow-up-Studie fehlt eine Mitteilung dazu, ob irgendeiner der Teilnehmer nach Beendigung der Studie wieder arbeitsfähig war und/oder gesund wurde, denn das müsste ja das Ziel einer erfolgreichen Behandlung sein. Nun ja, die Daten sprechen eigentlich schon an sich dagegen: Die nicht Nachbehandelten dümpeln auf der SF-36-Skala zwischen durchschnittlich 57.6 und 64.2 Punkten und auf der Chalder-Fatigue-Skala zwischen 17.9 und 18.7 Punkten herum. 60 und mehr Punkte auf der SF-36-Skala und 18 oder weniger Punkte auf der Chalder-Fatigue-Skala waren zwar als „im Normalbereich“ in der Originalstudie definiert worden, doch das ursprüngliche Ziel für normale Funktionsfähigkeit betrug laut Studienprotokoll 75 und für Genesung 85 und mehr Punkte auf der SF-36-Skala und 3 oder weniger Punkte auf der Chalder-Fatigue-Skala. [White et al., 2007] Und diese beiden letztgenannten Werte entsprechen auch denen, die für die durchschnittlich 38-Jährigen, die an der Studie teilnahmen, [Table 1, White et al., 2011] als Mindestnormwerte für halbwegs Gesunde gelten.

Menschen mit Chronischer Herzinsuffizienz, die im Mittel 79 Punkte auf der SF-36-Skala erreichen, sind also fitter als die „erfolgreich“ Therapierten der PACE-Studie und sogar wesentlich fitter als diejenigen, die sich unseligerweise haben beschwatzen lassen, eine Nachbehandlung mit CBT oder GET über sich ergehen zu lassen. Kein Wunder also, dass Arbeitsfähigkeit oder Genesung keinerlei Erwähnung finden im Follow-up! Denn die Patienten sind nach wie vor allesamt weit entfernt von diesen Zielen.

Das wird auch durch die Work and Social Adjustment Scale (WSAS) deutlich. Die WSA-Skala ist ein Fragebogen, der eigentlich für psychisch kranke Menschen entwickelt wurde. Interessanterweise kam er aber sowohl bei der Originalstudie als auch im Follow-up zum Einsatz – obwohl „CFS“ bzw. ME laut Verschlüsselung der WHO eine körperliche Erkrankung ist. Die Entscheidung der Studiendesigner, ausgerechnet diesen Fragebogen zu benutzen, der gar nicht für Menschen mit körperlichen Krankheiten und Behinderungen gedacht ist, zeigt deren Voreingenommenheit in puncto „Chronic Fatigue Syndrom“ und Myalgische Enzephalomyelitis, Bezeichnungen, die die Autoren, wohlgemerkt, synonym gebrauchen. Die in der Follow-up-Studie befragten Patienten aller Studienarme hatten durchschnittlich zwischen 22.9 und 19.4 Punkte auf der WSA-Skala zu verzeichnen. Werte zwischen 10-20 Punkten sind laut WSAS mit signifikanten Funktionsstörungen verbunden, Werte über 20 Punkte mit mittelschweren oder noch schwereren „psychopathologischen“ Störungen.

Zu den weiter oben bereits erwähnten Widersprüchlichkeiten gesellt sich noch eine weitere: Die Abbildung 2 zeigt Resultate, die nicht mit denen der Tabelle C des Anhangs übereinstimmen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ziemlich willkürlich mit Zahlen jongliert wurde, um missliebige Befunde passend zu machen. Derartige Unstimmigkeiten bedürfen dringend weiterer Aufklärung!

Fazit: Die Ergebnisse der Langzeit-Follow-up-Studie offenbaren unfreiwillig den ganzen Schwindel der PACE trial. CBT und GET sind keine angemessenen Behandlungen, weder für ME- noch für „CFS“-Patienten, und zwei Jahre nach Beendigung der Behandlungen ist die angebliche Überlegenheit dieser Therapien, die von den Autoren in der Originalstudie durch deren (großenteils manipulierte) Resultate belegt wurde, im Londoner Nebel verdampft.

Das Information Commissioner`s Office hat die Londoner Queen Mary Universität nun aufgefordert, die anonymisierten PACE-Studiendaten an einen nicht genannten Beschwerdeführer freizugeben. Es wird höchste Zeit, dass unabhängige Experten diese Daten einer gründlichen Analyse unterziehen. Der Meinung sind auch Experten wie Ronald Davis, Leonard Jason, Vincent Racaniello, Bruce Levin, Arthur Reingold und Jonathan Edwards, die einen offenen Brief an den Herausgeber des Lancet, Richard Horton verfasst haben. Auch Patienten fordern weltweit die Rücknahme der PACE-Studie. Eine entsprechende Petition hat binnen weniger Tage bereits an die 10.000 Unterschriften bekommen. Möglicherweise sind die Tage der PACE trial also in absehbarer Zeit gezählt …

Hier können auch Sie unterschreiben: http://my.meaction.net/petitions/pace-trial-needs-review-now

*Der britische Psychiater Simon Wessely und seine Anhänger, zu denen auch Peter White gehört, benutzen die Begriffe „Fatigue“, „Chronic Fatigue“, „Chronic Fatigue Syndrome“ und „Myalgische Enzephalomyelitis“ als Synonyme und werfen damit ganz unterschiedliche Krankheitsbilder in einen Topf.

Literatur:

White, Peter D, Sharpe, Michael C, Chalder, Trudie, DeCesare, Julia C, Walwyn, Rebecca and the
PACE trial group Protocol for the PACE trial: A randomised controlled trial of adaptive pacing,
cognitive behaviour therapy, and graded exercise as supplements to standardised specialist medical care versus standardised specialist medical care alone for patients with the chronic fatigue syndrome/myalgic encephalomyelitis or encephalopathy, BMC Neurology 2007, doi:10.1186/1471-2377-7-6

White, Peter et al. Comparison of adaptive pacing therapy, cognitive behaviour therapy, graded exercise therapy, and specialist medical care for chronic fatigue syndrome (PACE): a randomised trial, The Lancet 2011: 10.1016/S0140-6736(11)60096-2

Sharpe M, Goldsmith KA, Johnson AL, Chalder T, Walker J, White PD. Rehabilitative treatments for chronic fatigue syndrome: long-term follow-up from the PACE trial. Lancet Psychiatry 2015; published online Oct 28, doi.org/10.1016/ S2215-0366(15)00317-X

Chronisches Erschöpfungssyndrom: Studie sieht Langzeitnutzen von Psycho- und Physiotherapie, Deutsches Ärzteblatt vom 28.10.2015"
Avatar #704546
Mary Posa
am Dienstag, 3. November 2015, 09:57

Wie eine Studie zu Sarkomen, die alle Weichteiltumore zu Sakromen erklärt...

Kontroverse Themen sollen ihren Platz haben. Indes gebietet es die journalistische Sorgfaltspflicht, diese Kontroversen richtig darzustellen. In Ihrem Beitrag liegen m.E. zwei große Versäumnisse vor:

1. werden die Oxford-Kriterien nicht kurz erkklärt und den anderen, in der internationalen Forschung gebräuchlichen Diagnose-Kriterien geegnübergestellt,

2. werden Art und Ausmaß der angeblichen Besserung, die die untersuchten Patienten erfahren haben, nicht beschrieben.

Die Oxford-Kriterien für ME/CFS zu vewenden ist m.E. vergleichbar mit einer Studie zu Sarkomen, die alle Weichteiltumore zu Sarkomen erklärt, in der Studie nur die gutartigen Tumore einbezieht und dann zum Schluss kommt, dass eine operative Entfernung von Sarkomen keinen Einfluss auf die Lebenserwartung habe.
Avatar #104317
Elisabeth 2
am Freitag, 30. Oktober 2015, 12:29

Wer hat hier die "falschen Krankheitsüberzeugungen" - Patienten oder solche "Forscher"?

Es ist schon erstaunlich, dass das Ärzteblatt ME/“CFS“ ganz offensichtlich als psychische Erkrankung betrachtet – finden wir doch unter „Mehr zum Thema“ das Stichwort „Psychische Erkrankungen“. Man sollte von den Redakteuren doch wenigstens erwarten, dass sie die WHO-Klassifikationen der Krankheiten kennen oder recherchieren, über die sie zu berichten vorgeben. ME/“CFS“ ist im ICD-10 als neurologische, nicht als psychische Erkrankung unter dem Code G93.3 aufgelistet. Die psychischen Krankheiten, unter die ME/“CFS“ fälschlicherweise – auch von den Autoren der PACE-Trial – immer wieder subsumiert werden, schließen ME/“CFS“ hingegen explizit aus, ebenso wie die Kategorie G93.3 psychische Krankheiten ausschließt.
Weiterhin erstaunt es, dass die Autoren dieses Artikels die eklatanten Widersprüche und Ungereimtheiten der PACE-Trial, die bereits aus ihrem eigenen Artikel hervorgehen, nicht erkennen und unkritisch die ganz offensichtlich unbrauchbaren, unwissenschaftlichen und regelrecht gefälschten „Ergebnisse“ wiedergeben – und ihrerseits die Patienten als uneinsichtige Möchtegernkranke hinstellen. Dass hier die journalistische Sorgfaltspflicht aufs Sträflichste vernachlässigt wurde, kann man an den sachlich fundierten Kommentaren meiner Vorrednerin Katharina Voss deutlich erkennen.
Was ist das für eine Medizin, eine Wissenschaft, in der schwerkranke Patienten sich offensichtlich wesentlich besser mit ihrer Krankheit auskennen als die sogenannten Forscher à la Peter White, Michael Sharpe, Simon Wessely (die entsprechenden deutschen „Forscher“ erspare ich mir hier) und sich dafür noch Diffamierungen und Demütigungen gefallen lassen müssen?
Was ist das für ein medizinischer Journalismus, der so etwas nicht erkennt, stattdessen platt die gefälschten Studienergebnisse wiederholt und ins Horn derjenigen bläst, die das teils exzellente Sachwissen der Patienten als „falsche Krankheitsüberzeugung“ diffamieren?
Lesen Sie Katharina Voss‘ Kommentare und urteilen Sie selbst, wer es ist, der hier die „falschen Krankheitsüberzeugungen“ und Krankheitskonzepte hat – die Patienten oder solche „Forscher“ wie Peter White und die diese nachbetenden Journalisten.
Avatar #696920
Katharina Voss
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 18:42

Prof. Jonathan Edwards zur PACE Trial

Und hier noch ein weiterer Kommentar zur PACE trial, u.zw. von Jonathan Edwards, emeritierter Professor für Bindegewebsmedizin, weltweit bekannt für seine Arbeiten in B-Zell-Immunologie und führender Forscher bei den klinischen Studien zu Rituximab für Patienten mit Rheumatoider Arthritis. Er ließ kein gutes Haar an einer Präsentation der PACE Trial: „Ich denke, ich kann Dr. Whites Präsentation nur als fehl am Platze beschreiben. Er präsentierte eine einzige Folie mit Ergebnissen der PACE-Studie und behauptete, dass sie deutlich zeigte, dass zwei Behandlungen anschlagen. Anschließend verbrachte er den Rest seiner Rede damit zu sagen, wie uneinsichtig es war, dass die Patienten nicht dankbar diese Schlussfolgerung akzeptierten, was darauf hinweise, dass dies ein Angriff auf die Wissenschaft war (wenn ich mich recht erinnere). Ich habe die PACE-Studie nicht genau im Detail überprüft, aber mein Verständnis ist, dass es
eine nicht verblindete Studie war, und dass sie freilich für solche Behandlungen nur unverblindet sein konnte. Was Dr. White nicht zu verstehen schien, dass es einen einfachen Grund für die Nicht-Akzeptanz der Schlussfolgerung gibt, (nämlich) dass eine unverblindete Studie in einer Situation, wo die Endpunkte subjektiv sind, wertlos ist.“
Avatar #696920
Katharina Voss
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 17:23

Die PACE Trial - ein groß angelegter Schwindel!

Sehr schade, dass das Ärzteblatt so unkritisch über eine der größten und kostspieligsten Studien (mehr als 5 Mill. Britische Pfund) zu "ME/CFS", die sogenannte PACE Trial berichtet! Dabei gibt es jede Menge Gründe, weshalb die Studie dringend zurückgezogen werden müsste. Einige davon zitiere ich im Folgenden aus meinem Buch "ME - Myalgische Enzephalomyelitis vs. Chronic Fatigue Syndrom: Fakten Hintergründe Forschung" (MV-Wissenschaft, 2015):

"Die Studie, geleitet von dem britischen Psychiater Peter White, einem Anhänger
der „Wessely-School“, kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, CBT und GET seien
die erfolgversprechenden Therapien zur Behandlung der ME/“CFS“. Doch wenn
man einen Blick auf den Abschnitt „Interessenskonflikte“ wirft, darf man schon
stutzig werden, wie viele der Autoren für die Versicherungsindustrie oder die Regierung arbeiten. Dass das britische Ministerium für Arbeit und Renten (Department for Work and Pensions, DWP) diese Studie mitfinanziert hat – die einzige, die es (bis dahin) jemals mitfinanziert hat! – , dürfte ebenfalls kein Zufall sein. Fragwürdig erscheint außerdem die Tatsache, dass die Autoren der Studie die biomedizinische Literatur zu ME/“CFS“ ignorieren und ME nicht als neurologische Krankheit – wie in der WHO-Klassifikation verschlüsselt – anerkennen, sondern als Verhaltensstörung betrachten, bei der „dysfunktionale Krankheitsüberzeugungen“ und Dekonditionierung die Symptomatik aufrechterhalten. Darüber hinaus ist es unethisch, den Teilnehmern der Studie zu verschweigen, dass die Studienleiter ME/“CFS“ nicht als körperliche Krankheit betrachten. Um ihr Einverständnis erklären zu können, müssen die Teilnehmer einer klinischen Studie stets offen und ehrlich und vollständig informiert werden – was in diesem Fall unterblieben ist. Unethisch ist es auch, den Probanden der CBT-Gruppe einzureden, sie litten lediglich an falschen Krankheitsüberzeugungen, obwohl sie doch an einer organischen Krankheit leiden.

Wenn man die PACE Trial auseinandernimmt, ist schnell zu erkennen, dass sie
mit sehr vielen methodischen Fehlern behaftet ist, und man muss sich wundern,
wie diese Studie das System der Expertenkontrolle (Peer Review) passieren und
dem kritischen Augenmerk der Wissenschaftsjournalisten entgehen konnte.
Da sind zunächst einmal die Auswahlkriterien zu nennen. Die Probanden waren
lediglich nach den viel zu weitgefassten Oxford-Kriterien diagnostiziert, da man
ansonsten nicht genügend Patienten zusammenbekommen hätte. D.h. es wurden
vor allem auch Menschen mit einem psychischen oder psychiatrischen Krankheitsbild aufgenommen, nicht aber ME-Patienten. Selbst der Leiter der Studie, Peter White, schreibt in einem undatierten Brief an „The Lancet“: „Die PACEStudien-Veröffentlichung bezieht sich auf Chronic Fatigue Syndrom (CFS), das operationell definiert ist; sie gibt nicht vor, CFS/ME zu untersuchen.“ Und weiter: „CFS, das lediglich als grundsätzliche Beschwerde über Erschöpfung definiert und entkräftend ist, seit sechs Monaten andauert, ohne alternative medizinische Erklärung (Oxford-Kriterien)." (Ü.d.A.)

Es mutet schon mehr als seltsam an, dass Kriterien zugrunde gelegt wurden, die
bereits 1997 von einem der PACE-Studienleiter, Michael Sharpe, als vom internationalen Konsens abgelöst angesehen wurden. Dass auch Chefstudienleiter Peter White sich des Unterschiedes zwischen ME/“CFS“ und anderen Fatigue-Erkrankungen psychischer Natur bewusst war, zeigen seine Veröffentlichungen aus früheren Jahren, in denen er dazu aufruft, die Oxford-
Kriterien mit Vorsicht anzuwenden, da sie den Einschluss von Befindlichkeitsstörungen erlaubten, generell zu weit gefasst seien und die physische Symptomatik einer ME nicht mit der einer psychisch bedingten Chronic Fatigue übereinstimme. Doch all diese früheren Einsichten hinderten Professor Peter White, führender Berater des DWP, nicht daran, sie für die PACE Trial kurzerhand über Bord zu werfen und heterogene Patientenkohorten zu einer nur scheinbar homogenen zu verschmelzen.

Mit der WHO-Klassifikation von ME/“CFS“ hatte diese Studienkohorte denn
auch nichts zu tun, da Personen mit neurologischen Symptomen von vornherein
ausgeschlossen waren. Auch das Kardinalsymptom einer ME, die neuroimmune
Zustandsverschlechterung nach Belastung oder PENE, war nicht zwingend erforderlich, um an der PACE Trial teilnehmen zu können. Ebenso wurden nur mild bis allenfalls moderat Erkrankte in die Studie aufgenommen. Das geben die Autoren auch unumwunden zu, wenn sie schreiben: „Unsere Studie hatte Grenzen. Wir schlossen Patienten aus, die außerstande waren ein Krankenhaus zu besuchen.“ (Ü.d.A.)

Würden die Ergebnisse der PACE Trial nicht als Argumentationshilfe für die
Wirksamkeit der Behandlung ME-Kranker herhalten müssen, obwohl die Studie –
zumindest informell – laut Studienleiter erklärtermaßen diese Patienten gar nicht
untersucht hat, bräuchten wir das fehlerhafte Studiendesign nicht weiter zu analysieren. Doch da sie die Kernmunition der GET- und CBT-Befürworter darstellt, müssen wir uns die Mühe machen, sie auf weitere Mängel zu untersuchen.
Da ist z.B. das Zugangsniveau für diese Studie, welches 11 Monate nach Studienbeginn von ursprünglich 60 auf 65 von 100 möglichen Punkten angehoben wurde. (Der SF-36-Fragebogen enthält 10 Fragen zu körperlichen Aktivitäten, „keine Einschränkung“ wird mit 10 Punkten, „leichte Einschränkung“ mit 5 und „starke Einschränkung“ mit 0 Punkten bewertet.) Eine gesunde Person könnte also 100 Punkte (Durchschnittswert gesunder Erwachsener: 95+) erreichen. Um aber das von den Autoren der Studie angestrebte Ergebnis, nämlich eine messbare Verbesserung des Energieniveaus zu erreichen, wurde eine „normale“ Funktionsfähigkeit ab einem Wert von 75 Punkten festgelegt, Genesung bereits ab 85 Punkten. (Menschen mit Chronischer Herzinsuffizienz erreichen im Mittel 79 Punkte!) Die Autoren erwarteten, dass 60% der CBT-Gruppe und 50% der GET-Gruppe am Ende der Studie ein Leistungsniveau von 75 Punkten erreichen würden. Doch während die Studie bereits lief, wurde das ursprüngliche Ziel von 75 Punkten fallengelassen und auf 60 Punkte abgesenkt – d.h. die Zielpunktzahl, die als „Verbesserung“ bewertet wurde und damit als Behandlungserfolg galt, wurde unter den Wert des Zugangsniveaus der Studienteilnehmer abgesenkt. Mit diesem Trick wurden Patienten, die bereits vor Behandlungsbeginn einen Wert von 60 oder mehr Punkten erreichten, zu den mit Erfolg Therapierten gerechnet, obwohl sich ihr Zustand möglicherweise überhaupt nicht geändert oder sogar verschlechtert hatte.

Außerdem hatten sich die Autoren der PACE Trial gegen eine Kontrollgruppe
entschieden, die beispielsweise mit Entspannungstechniken behandelt worden wäre. So kann man annehmen, dass die Studienteilnehmer hinsichtlich Besserung und Krankheitswahrnehmung einen Placebo-Effekt hatten oder sogar von ihren CBT und GET-Therapeuten manipuliert wurden, was sich beim Ausfüllen der Fragebögen niedergeschlagen haben könnte. Dieser Verzerrungseffekt durch eine mangelhafte Versuchsanordnung wäre mit einer Kontrollgruppe vermieden worden. Auch die andere Möglichkeit, die subjektiven Angaben in den Fragebögen objektivenMessmethoden gegenüberzustellen, wurde wieder verworfen. Die für die Studie bereits bewilligten Aktometer (Aktivitätsmesser), Schrittzähler, hätten Aufschluss über das tatsächliche Aktivitätsniveau der Patienten gegeben. Unverständlich, weshalb auch diese Veränderung des Studiendesigns im Peer-Review-Prozess nicht kommentiert wurde.

Im Abschnitt „Diskussion“ finden sich darüber hinaus einige bemerkenswerte
Sätze, welche die Anwendbarkeit der Ergebnisse auf ME-Patienten doch erheblich einschränken. Da ist davon die Rede, dass die Forschungsergebnisse für Patienten, die auch alternative diagnostische Kriterien für „CFS“ und ME erfüllen, verallgemeinert werden können, „aber nur, wenn Müdigkeit ihr Hauptsymptom ist.“ Doch ME-Patienten leiden nicht unter Müdigkeit, sondern unter der pathologisch raschen Erschöpfbarkeit der Muskulatur nach bereits geringer Belastung, was zu Muskelschmerzen und einer neuroimmunen Zustandsverschlechterung mit einer Reihe von neurologischen und anderen Problemen führt.

Die Feststellung der Autoren, dass die untersuchten Behandlungen nur mäßig
wirksam waren und es nahe liegt, dass die Erforschung wirksamerer Behandlungen erforderlich ist, klingt fast wie das Eingeständnis einer Schlappe und lässt die Ergebnisse in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die GET-Patienten konnten im Vergleich zu den SMC-Patienten, die nur medizinische Behandlungen eines Spezialisten erhalten hatten, nach 52 Wochen „Lauftraining“ gerade mal 35 Meter mehr in 6 Minuten gehen, insgesamt durchschnittlich 379 Meter, eine Marke, die weit unter dem Leistungsvermögen eines Gesunden liegt. (Zum Vergleich: Gesunde 40-80-Jährige laufen in 6 Min. durchschnittlich 571m, gesunde 55-75-Jährige in 6 Min. durchschnittlich 659m.) Selbst Lungentransplantierte und ältere Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz überholen die „erfolgreich“ mit GET Therapierten. Die Werte im SF-36 Fragebogen die körperliche Funktionsfähigkeit betreffend, lagen bei der CBT-Gruppe nach 14 Therapiestunden mal gerade bei 58 von 100 Punkten, was weit unterhalb eines gesunden Funktionsniveaus angesiedelt ist. Man darf also davon ausgehen, dass die Patienten auch nach ihren Behandlungen weder rehabilitiert noch arbeitsfähig waren."

Soweit der Auszug aus meinem Buch. Ich möchte noch hinzufügen, dass die Behauptung Michael Sharpes, dass "73 Prozent der Teilnehmer aus dem SMC-Arm und 50 Prozent der Teilnehmer aus dem APT-Arm (sich) erneut in Behandlung begeben und die meisten ... - aufgrund der guten Ergebnisse der PACE-Studie – eine CBT oder GET erhalten" hätten, meines Wissens nach völlig aus der Luft gegriffen ist. Valide Belege liefert er dafür jedenfalls nicht.

Und wenn ich mir noch eine weitere Korrektur erlauben darf: Bei der "Adaptive Pacing Therapy" handelt es sich keineswegs um Beschäftigungstherapie. Es geht vielmehr darum, sich die verbliebene Restenergie so gut einzuteilen, dass man eine Grenzüberschreitung vermeidet. Denn die führt bei ME/"CFS" regelhaft zu einer Zustandsverschlechterung. Leider ist Pacing derzeit die einzige Möglichkeit, die Krankheit zu "behandeln". Denn es gibt bislang keinerlei medikamentöse Behandlung, lediglich vielversprechende Forschungsansätze in Norwegen mit Rituximab und Cyclophosphamid sowie vielversprechende Einzelfallberichte von Patienten, die erfolgreich mit ART behandelt werden.

Dass die Absurdität, Patienten mit Aktivierung zu behandeln, die die Sprechstunde des Arztes ja gerade deshalb aufgesucht haben, weil sie ihren Aktivitäten krankheitsbedingt eben nicht mehr nachgehen können, den Behandlern und auch den Medien, die über diese Studien berichten, nicht ins Auge springt, ist für die Patienten mehr als verwunderlich. Denn schon die Pioniere unter den ME-Forschern wussten, dass Graded Exercise Therapy zu den für ME-Kranke schädlichen Behandlungen gehört. So wie beispielsweise Melvin Ramsay, der schrieb, dass „bei jenen Patienten, deren dynamisches oder gewissenhaftes Naturell sie trotz tiefgreifender Unpässlichkeit drängt, mit Anstrengungen fortzufahren, oder bei jenen, die, aufgrund der Falschannahme einer `Neurose`, ermahnt wurden, sich zusammenzureißen und `reichlich Bewegung` zu machen, die Krankheit am Ende zu einem Zustand ständiger Erschöpfung führt.“
Avatar #114590
Laufs
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 14:56

Studie bedient lediglich die Interessen von Versicherungen

Dies ist nun der zigste Aufguss einer zu Recht viel kritisierten Studie, die ohne Rücksicht auf das Wohl von Patienten lediglich dazu dient die Interessen von Versicherungen zu bedienen. Auf Jahre wird sie auch in Deutschland weiterhin dazu benutzt werden diesen zum Teil schwer erkrankten Patienten wirksame Therapien verweigern zu können und sich stattdessen potentiell schädigenden Therapien unterziehen zu müssen. Offenbar gibt es in unserem Gesundheitswesen kaum ein Interesse an seriöser Forschung, die das Ziel verfolgt diese Krankheit eines Tages tatsächlich heilen zu können.
Avatar #114590
Laufs
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 14:56

Studie bedient lediglich die Interessen von Versicherungen

Dies ist nun der zigste Aufguss einer zu Recht viel kritisierten Studie, die ohne Rücksicht auf das Wohl von Patienten lediglich dazu dient die Interessen von Versicherungen zu bedienen. Auf Jahre wird sie auch in Deutschland weiterhin dazu benutzt werden diesen zum Teil schwer erkrankten Patienten wirksame Therapien verweigern zu können und sich stattdessen potentiell schädigenden Therapien unterziehen zu müssen. Offenbar gibt es in unserem Gesundheitswesen kaum ein Interesse an seriöser Forschung, die das Ziel verfolgt diese Krankheit eines Tages tatsächlich heilen zu können.
Avatar #114590
Laufs
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 14:56

Studie bedient lediglich die Interessen von Versicherungen

Dies ist nun der zigste Aufguss einer zu Recht viel kritisierten Studie, die ohne Rücksicht auf das Wohl von Patienten lediglich dazu dient die Interessen von Versicherungen zu bedienen. Auf Jahre wird sie auch in Deutschland weiterhin dazu benutzt werden diesen zum Teil schwer erkrankten Patienten wirksame Therapien verweigern zu können und sich stattdessen potentiell schädigenden Therapien unterziehen zu müssen. Offenbar gibt es in unserem Gesundheitswesen kaum ein Interesse an seriöser Forschung, die das Ziel verfolgt diese Krankheit eines Tages tatsächlich heilen zu können.
Avatar #696656
D. Hattesche
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 14:25

Unkritische Berichterstattung!

Die PACE Studie und ihr Follow-Up stehen völlig berechtigt unter heftiger Kritik. Beide weisen erhebliche methodische Schwächen auf. Der amerikanische Journalist David Tuller hat hierzu vor einer Woche einer ausführliche Analyse veröffentlicht. Ebenso wurden (wie auch in diesem Artikel) die robusten Hinweise auf eine organische Erkrankung nicht erwähnt und völlig außer acht gelassen.

Zu den wichtigsten Kritikpunkten nach Tuller gehören:

- alle objektiven Endpunkte (Lauftest, Schrittzähler, Daten zur Arbeitslosigkeit, etc.) wurden fallen gelassen, da sie die positive Datenlage nicht stützen konnten. Nur die subjektiven Endpunkte flossen am Ende in das Ergebnis ein.
- das PACE Team veränderte während der Studie ihre Messmethode für die beiden subjektiven Endpunkte und weichte alle vier Kriterien für eine Genesung auf, ohne statistische Gleichwertigkeit demonstrieren zu können.
- nach den objektiven Endpunkten konnten als "genesen" erklärte Patienten am Ende weniger Meter laufen, als Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz oder Mukoviszidose.
- die Teilnehmer der Studie wurden vorab nicht über evtl. Interessenkonflikte der Autoren informiert.
- es gibt keinerlei Informationen über Drop-Outs und deren Gründe. So kann nicht aufgeschlossen werden, dass GET den Gesundheitszustand doch verschlechtert.
- ein Teil der Patienten (13%) ist nach Studienkriterien gleichzeitig krank genug um teilzunehmen und schon erholt genug, um als "genesen" zu gelten.
- die Studie konnte nicht geblindet werden.

http://www.virology.ws/2015/10/23/trial-by-error-iii/

Darüber hinaus gibt viele robuste Hinweise darauf, dass es sich bei CFS um eine organische Erkrankung handelt.

So erzielte in einer Studie der Universität Bergen die Therapie mit dem monoklonalem Antikörper Rituximab wesentlich bessere Ergebnisse als der PACE Trial, was auf ein autoimmunes Geschehen hinweist (Fluge et al., 2009, 2011, 2015).

Auch wurden in zwei qualitativ hochwertigen Studien der Columbia University abnormal erhöhte Cytokine in Serum und Liquor gefunden (Hornig et al., 2015).

Die Charité fand des Weiteren in einer vor kurzem veröffentlichen Studie mehrere Autoantikörper gegen Neurorezeptoren (Loebel et al. 2015).

http://advances.sciencemag.org/content/1/1/e1400121
http://www.nature.com/mp/journal/vaop/ncurrent/full/mp201529a.html
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0889159115300209
http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0026358


Avatar #115425
Herz1952
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 11:56

Funktioniert anscheinend nur nach Anmeldung

bzw. so lange wie man angemeldet ist.
Avatar #115425
Herz1952
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 11:29

Lesen funktioniert nur nach eingeben eines Kommentares

Dann kann man anscheinend auch die anderen Kommentare des Beitrages lesen.
Avatar #115425
Herz1952
am Donnerstag, 29. Oktober 2015, 11:26

Test wegen Nichtlesbarkeit von Kommentaren

Leider kann man eingegebene Kommentare offensichtlich nicht mehr lesen.

Dieser "Beitrag" darf selbstverständlich nach beheben des "Fehlers" gelöscht werden.
Avatar #108073
ME/CFS
am Mittwoch, 28. Oktober 2015, 22:29

Kontroverse zu Pace-Studie wächst - Ist Follow-up der Versuch die Meinungshoheit zu verteidigen?

In der vergangenen Woche veröffentlichte Journalist David Tuller einen vierteiligen Untersuchungsbericht über die 2011 veröffentlichte PACE-Studie, eine £ 5 Millionen (US $ 8 Millionen) Non-Blind-Studie der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) und Graded-Exercise (GET) als Behandlung für Chronic Fatigue Syndrome postuliert.

In seinem Bericht, zitiert Tuller Spitzenforscher aus den USA und Großbritannien, die die Studie für "voller unhaltbarer methodischer Probleme befunden haben". Emeritierter Professor Jonathan Edwards fand es "eine Masse von Uninterpretierbarkeit." Bruce Levin, ein Epidemiologe der Columbia University nannte die Studie "die Höhe des klinischen Studien-Dilettantismus." Arthur Reingold, ein Epidemiologe an der Universität von Kalifornien erklärt, dass eine unabhängige Überprüfung der Studie sehr angebracht" sei." Stanford Genetiker Ron Davis stellte sogar in Frage, wie es angesichts seiner tiefen methodischen Mängel durch den Peer Review kam.

"Zufällig" veröffentlichten jetzt Michael Sharpe und Peter White, die Forscher, die die Original PACE-Studie konzipierten, ein Follow-up (s.o.).

Gibt es eine große Evidenz für die Studienergebnisse? Nicht von ungefähr gibt es die Aufforderung an die Studien-Authoren, die Studie endlich zurückzunehmen.

Tatsächlich ist ME/CFS eine schwere, behindernde Erkrankung, die auch zu Pflegebedürftigkeit führen kann. Die Lebensqualität ist oft niedriger als bei Multipler Sklerose und anderer schwerwiegenden Erkrankungen. Ich komme etwa später noch einmal darauf zurück. In schweren Fällen ist die Erkrankung vergleichbar mit Krebs oder AIDS im Endstadium. 1/4 aller Patienten kann das Haus nicht mehr verlassen oder sind bettlägerig.

Im Kontrast zur Pace-Trial und deutschen Fachveröffentlichungen steht der Bericht des Institutes of Medicine IOM aus den USA, der ME/CFS als schwere, organische Erkrankung einstuft und dazu über 9000 Studien der
letzten 60 Jahre ausgewertet hat.

zum Thema
http://www.meaction.net/2015/10/28/pace-trial-controversy-grows/
http://www.virology.ws/2015/10/21/trial-by-error-i/
http://www.virology.ws/2015/10/22/trial-by-error-ii/
http://www.meassociation.org.uk/2015/10/press-release-me-association-pace-trial-treatments-offer-hope-for-chronic-fatigue-syndrome-28-october-2015/

IOM-Bericht
http://iom.nationalacademies.org/Reports/2015/ME-CFS.aspx

Lost Voices Stiftung
http://www.lost-voices-stiftung.org/informationen/allgemeine-informationen/stellungnahme-ll-und-pace-trial/
http://www.lost-voices-stiftung.org/informationen/allgemeine-informationen/zur-pace-trial/
http://www.lost-voices-stiftung.org/informationen/informationen-f%C3%BCr-%C3%A4rzte/

Mit freundlichen Grüßen

Nicole Krüger
Vorsitzende
Lost Voices Stiftung
Groß-Buchholzer Str. 36B
30655 Hannover
Tel. +49(0)511|2706751
E-Mail nicole.krueger@lost-voices-stiftung.org
www.lost-voices-stiftung.org
LNS

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