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Politik

Medizinethiker warnt vor Dammbruch bei Freigabe von Sterbehilfe

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Frankfurt/M. – Der niederländische Medizinethiker Theo Boer warnt vor einem Dammbruch im Zusammenhang mit der Freigabe der aktiven Sterbehilfe. Seit der Einführung des Sterbehilfegesetzes in den Niederlanden sei die Hemmschwelle zur Selbsttötung deutlich gesunken, sagte der Medizinethiker an der Theologischen Universität Kampen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Mittwoch im Interview. Die Zahl der Fälle sei von 1.800 im Jahr 2005 auf 5.300 im Jahr 2014 angestiegen. In den Niederlanden ist die aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung seit 2001 legal. Am 6. November debattiert der deutsche Bundestag über eine Regelung zur Suizidbeihilfe.

Aktive Sterbehilfe sei in den Niederlanden nicht länger eine Ausnahme, sondern habe sich zu einer „normalen Sterbensweise” entwickelt, sagte Boer. Immer mehr Menschen entschieden sich bei einer fatalen Diagnose für aktive Sterbehilfe, ohne die Möglich­keiten der Palliativmedizin in Betracht zu ziehen.

Nach Einschätzung Boers schafft das geltende Gesetz nicht nur Transparenz für Fälle, die sonst im Geheimen stattgefunden hätten, sondern ruft auch neue Fälle hervor. Hätten früher hauptsächlich Krebskranke und Aids-Patienten Sterbehilfe in Anspruch genommen, seien heute hunderte Fälle verschiedenster Art hinzugekommen, etwa Demenzkranke, psychiatrische Patienten oder Menschen mit altersbedingten Beschwerden.

Gelegentlich gebe es auch Fälle, in denen Druck von Außen nicht ausgeschlossen werden könne, so Boer, der bis 2014 Mitglied in der Kontrollkommission für aktive Sterbehilfe war. Besorgniserregend sei jedoch weniger eventueller Druck von Außen, sondern vielmehr, „dass ein Patient, der am eigenen Leben verzweifelt ist und deshalb einen Sterbewunsch äußert, dabei von seiner Umgebung nicht den erforderlichen Widerstand erfährt”.

Länder, die derzeit über eine Freigabe aktiver Sterbehilfe diskutierten, sollten deswegen zunächst die kritische Reflexion der Niederländer über damit einhergehenden Entwicklungen abwarten, so Boer. © kna/aerzteblatt.de

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Staphylococcus rex
am Sonntag, 1. November 2015, 23:38

Todesursachen

Eine kleine Recherche zeigt, die die Suizidzahlen sind in Deutschland und den Niederlanden ziemlich ähnlich, in Deutschland ist es etwas mehr als ein Prozent aller Todesfälle, in den Niederlanden etwas weniger:
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Todesursachen/Todesursachen.html
http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/File:Causes_of_death_—_standardised_death_rate,_2012_(per_100_000_inhabitants)_YB15-de.png
EEBO
am Samstag, 31. Oktober 2015, 13:32

Der Artikel ist nicht hilfreich!

Geht es um eine Korrelation, daß bei Tötung auf Verlangen auch die Suizidraten steigen? Geht es um die Verwerflichkeit der Ausweitung der Indikationen bei Tötung auf Verlangen? Eine derartige Panscherei ist allerdings eine Begriffsverwirrung und sollte nicht vom DÄ übernommen werden!
Mathilda
am Freitag, 30. Oktober 2015, 16:08

Wie haben sich eigentlich die Suizidzahlen insgesamt in den Niederlanden entwickelt?

Um die Entwicklung der Sterbehilfefälle in den Niederlanden einordnen zu können, müsste man auch etwas über die Entwicklung der Suizidzahlen insgesamt erfahren. In der Diskussion wird ja konsequent vernachlässigt, dass eine offene Sterbehilferegelung die Menschen dazu ermutigt, ihren Sterbewunsch bei ihrem Arzt anzusprechen. Dieser hat danach die Möglichkeit, mit dem Patienten nach Lösungsalternativen zu suchen. In Deutschland, wo der Patient im Arzt keinen Helfer findet, sondern schlimmstenfalls noch mit einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie (Gefahr für eigenen Leib und Leben) rechnen muss, werden viele Menschen ihren Sterbewunsch für sich behalten - und auf andere, oft grausame Art Suizid begehen. Damit gibt es aber auch keine Möglichkeit, den Suizid zu verhindern.
Im Übrigen wundert mich dieser Satz: „dass ein Patient, der am eigenen Leben verzweifelt ist und deshalb einen Sterbewunsch äußert, dabei von seiner Umgebung nicht den erforderlichen Widerstand erfährt” nicht mehr, wenn ich dankbarerweise erfahre, dass dieser Medizinethiker offenbar stark religiös gebunden ist. Nur sind dies heute die meisten Menschen nicht. Ich spreche jedem, auch meinen engsten Angehörigen, das Recht ab, gegen meinen Sterbewunsch "den erforderlichen Widerstand" zu leisten. Im Gegenteil: ich erwarte, dass sie diesen Wunsch respektieren und mich, so weit ihnen möglich, unterstützen.
Staphylococcus rex
am Freitag, 30. Oktober 2015, 00:16

Begriffsverwirrungen

Erstens handelt es sich bei einem Medizinethiker, der an einer Theologischen Universität arbeitet, nicht um einen neutralen Sachverständigen, sondern um einen bezahlten Handlanger. Gerade bei einer derartig kontroversen Thematik sollte dies klarer dargestellt werden.

Zweitens ist die Situation in den Niederlanden nicht einmal ansatzweise mit der in Deutschland vergleichbar. Der Begriff "Aktive Sterbehilfe" trennt nicht zwischen assistiertem Suizid und Tötung auf Verlangen.Die o.g. Zahlen sind kumulative Zahlen, wesentlich aufschlussreicher sind die Detailzahlen:
http://www.cdl-rlp.de/Unsere_Arbeit/Sterbehilfe/Sterbehilfe-in-Holland.html
Dort kann man sehen, daß der assistierte Suizid gerade einmal ca. 5% an der gesamten aktiven Sterbehilfe ausmacht. Ein Anstieg von 167 (2007) auf 286 (2013) ist zwar ein Anstieg, aber definitiv kein Dammbruch. Wenn die Niederländer diskutieren, dann über die Frage Tötung auf Verlangen. Hier scheint es ein gewisses Mißbrauchspotential zu geben. Die Tötung auf Verlangen ist und war in Deutschland nie Teil der öffentlichen Diskussion.

Was die Übertragbarkeit auf die Situation in Deutschland betrifft, ist dieser Artikel einfach nur tendenziös und irreführend. Hier hätte ich mir eine handwerklich sauberere Arbeit des entsprechenden Redakteurs des DÄ gewünscht.

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