Medizin

Studien: Statine könnten Schutzwirkung der Grippeimpfung mindern

Montag, 2. November 2015

Cincinnati/Atlanta – Die Einnahme von Statinen, den Standardmedikamenten zur Senkung des Cholesterinspiegels, könnte die Effektivität der Grippeschutzimpfung bei Senioren herabsetzen. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien im Journal of Infectious Diseases (2015; doi: 10.1093/infdis/jiv456 und jiv457).

Statine gehören zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten und die Verord­nungszahlen steigen mit dem Alter der Patienten. In den USA sollen mehr als 40 Prozent aller Senioren die Cholesterinsenker einnehmen. Seit einigen Jahren ist bekannt, dass die HMG CoA-Reduktase-Inhibitoren „immunmodulatorische“ Wirkungen haben. Dies könnte Auswirkungen auf die Effektivität von Impfstoffen haben, die ja ihre Wirkung über die Stimulierung des Immunsystems erzielen.

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Steven Black vom Cincinnati Children's Hospital Medical Center und Mitarbeiter haben hierzu die Ergebnisse von Impfstudien des Herstellers Novartis ausgewertet. Der Gegenstand der Studien war zwar ein anderer, nämlich die Wirkung des Adjuvans MF-59.

Die Studie hatte jedoch die Einnahme der Medikamente bei über 5.000 Teilnehmern erfasst, und der Endpunkt der Studie, die Veränderung des Antikörper-Titers nach der Impfung, erschien den Forschern geeignet, um die Auswirkung von Statinen zu untersuchen. Ursprünglich hatten sie vielleicht erwartet, dass die Statine die Impfstoffwirkung verstärken würde, wie dies in anderen Studien bei jüngeren Menschen nach einer Hepatitis A- oder Tetanus-Impfung gezeigt werden konnte.

Doch die Auswertung ergab genau das Gegenteil: Der durch die Impfung erzielte Antikörper-Titer gegen die drei Bestandteile des saisonalen Impfstoffs war um 38 bis 67 Prozent niedriger, wenn die Senioren angegeben hatten, dass sie regelmäßig Statine einnehmen (wobei es keine Rolle spielte, ob der Impfstoff mit MF-59 verstärkt wurde oder nicht).

Da es sich um eine nachträgliche Analyse handelt, sind Verzerrungen nicht völlig auszuschließen. So ist vorstellbar, dass Senioren, die Statine einnehmen, aufgrund ihres ausgeprägten Gesundheitsbewusstseins häufiger an früheren Impfungen teilnahmen. Vor dem Hintergrund einer vorhandenen Immunität fallen die Antikörpertiter nach einer „Auffrischung“ schwächer aus.

In der Studie wurde auch nicht untersucht, ob die Senioren nach der Einnahme später häufiger an Grippe erkrankten (was trotz niedrigerer Titer nicht notwendigerweise der Fall sein muss). Dieser Frage sind Saad Omer von der Emory University in Atlanta und Mitarbeiter in einer anderen Studie nachgegangen.

Das Team setzte die Einnahme von Statinen mit der Häufigkeit von Atemwegser­krankungen in Beziehung, die zu Arztbesuchen geführt hatten (MAARI). Analysiert wurden die Daten einer Krankenkasse des Staates (Kaiser Permanente Georgia) mit fast 450.000 Mitgliedern über neun Jahre.

Ergebnis war, dass Statin-Anwender in der Grippesaison häufiger wegen MAARI behandelt wurden. Der absolute Unterschied war in den Jahren mit einer heftigen Grippewelle mit 18,4 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,9 bis 36,2 Prozent) signifikant und stärker ausgeprägt als in Jahren mit einer schwachen Grippewelle. Hier betrug der Unterschied 11,4 und war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von minus 1,7 bis 26,1 Prozent nicht signifikant.

Da es sich um eine retrospektive Studie handelt, ist die Beweiskraft der Studie gering. Die Editorialisten Robert Atmar und Wendy Keitel vom Baylor College of Medicine in Houston betrachten sie deshalb eher als Arbeitshypothese, die in weiteren Studien überprüft werden müsste. Sollten sich die Ergebnisse jedoch bestätigen, müsste über eine Veränderung der Impfstrategie bei Senioren nachgedacht werden. © rme/aerzteblatt.de

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