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Ausland

„Viele Patienten haben hohe Schulden bei den Apotheken“

Mittwoch, 11. November 2015

Athen – Die Finanzkrise und die harten Sparauflagen der europäischen Geldgeber haben dazu geführt, dass viele Griechen mit ihrem Job auch ihre Krankenversicherung verloren haben. Die wenigsten können es sich leisten, beispielsweise ihre Medikamente selbst zu bezahlen und sind auf die völlig überlasteten staatlichen Krankenhäuser angewiesen.

5 Fragen an Kostas Lourandos, Vorsitzender des panhellenischen Apothekerverbands (PFS)

DÄ: Wie wirken sich in Griechenland Schuldenkrise und Austeritätspolitik auf die Versorgung der Patienten mit Medikamenten aus?
Lourandos: Es gab schon vor der Finanzkrise einen Mangel an Medikamenten auf dem griechischen Markt. Die Tatsache, dass die Arzneimittelpreise in Griechenland niedrig sind, hat schon damals den sogenannten Parallelexport von Medikamenten in Drittländer begünstigt, wo die Preise höher sind. Die Pharmaunternehmen, die nicht wollen, dass ihre für Griechenland bestimmten Produkte in andere Länder re-exportiert werden, verhängen Strafzahlungen an ihre in Griechenland ansässigen Tochterunternehmen, die die Märkte aber nicht kontrollieren können. Denn in Europa gilt der freie Warenverkehr – auch mit Medikamenten. Der Mangel an Arzneimitteln in Griechenland hat also mit unseren niedrigen Preisen zu tun.  

DÄ: Auf der anderen Seite sind aufgrund der Finanzkrise immer mehr Patienten finanziell nicht mehr in der Lage, für ihre Medikamente zu bezahlen.
Lourandos: Das stimmt. Viele Patienten haben hohe Schulden bei den Apothekern, oder sie versuchen, die ihnen verschriebenen Medikamente in Raten zu bezahlen. Ich habe Kunden, die bei mir Schulden in Höhe von 10.000 Euro gemacht haben. Vor allem Rentner können ihre Arzneimittel erst am Ende des Monats bezahlen, wenn die Rente ausgezahlt wird.

DÄ: In den öffentlichen Krankenhäusern arbeiten die Ärzte Tag und Nacht, um die Patienten zu betreuen. Sie machen unzählige unbezahlte Überstunden. Jetzt hat die neugewählte Regierung unter Premierminister Alexis Tsipras angekündigt, neue Stellen für Ärzte und Pflegepersonal zu schaffen…
Lourandos: In den anderen europaischen Ländern kommen auf einen Arzt sieben Krankenpfleger, in Griechenland beträgt das Verhältnis eins zu eins oder bestenfalls eins zu zwei. Wir haben viel zu wenig Pflegepersonal. Die Not ist groß. Die Ärzte machen zu viele unbezahlte Überstunden. Und in ländlichen Gebieten sind Fachärzte schwer zu finden. Viele Bewohner der griechischen Inseln beispielsweise bleiben im Wesentlichen ohne medizinische und pharmazeutische Betreuung. Zahlreiche Inseln verfügen weder über ein eigenes Krankenhaus noch ein Gesundheitszentrum. Viele Regierungen haben hier schon Verbesserungen versprochen und am Ende nicht gehalten.

DÄ: Die Gesundheitsversorgung scheint in der Politik keine Priorität zu haben…
Lourandos: Die Politiker haben daran offenbar kein Interesse. Im Fernseh-Duell vor der Präsidentschaftswahl zwischen Alexis Tsipras und Evangelos Meimarakis war das Gesundheitswesen kein Thema. Wir als Apothekerverband haben dagegen protestiert.

DÄ: Welchen Stellenwert hat die Gesundheitspolitik auf europäischer Ebene?
Lourandos: Auch die europäischen Institutionen mit ihren Reform- und Sparvorgaben interessieren sich nicht für die Gesundheitsversorgung der griechischen Bevölkerung. Das fängt schon bei den Lohn- und Stellenkürzungen bei Ärzten und Pflegepersonal an. Überall herrscht ausschließlich die Sparpolitik, was insgesamt dem Gesundheitwesen schadet. Um den Gesundheitszustand der Griechen steht es nicht zum Besten. Wenn man hier nicht vorsorgt und die Situation im Gesundheitswesen verbessert, wird man in der Zukunft mit noch größeren Problemen und höheren Kosten konfrontiert werden. Aber das scheint in Europa niemanden zu interessieren.  © FS/aerzteblatt.de

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