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Medizin

Adipositas: Gleichstrom­stimulation senkt Appetit

Mittwoch, 4. November 2015

Phoenix – Eine transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), bei der ein schwacher elektrischer Strom durch den Schädelknochen hindurch auf das Gehirn wirkt, hat in einem Doppelblindexperiment den Appetit von adipösen Probanden signifikant vermindert. Dies könnte laut der Publikation in Obesity (2015; doi: 10.1002/oby.21313) adipösen Menschen langfristig helfen, ihre Gewichtsprobleme zu lösen.

Die tDCS (für transcranial direct current stimulation) ist ein relativ neues Verfahren, für das es derzeit noch keine gesicherte Anwendung gibt. Hirnphysiolgische Unter­suchungen zeigen jedoch, dass das kurzeitige Anlegen einer Gleichspannung die Aktivität der benachbarten Nervenzellen beeinflussen kann. Marci Gluck vom US-National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases hat das Verfahren jetzt in einem Labor in Phoenix/Arizona getestet.

Neun gesunde Probanden – adipöse Erwachsene mit einem Durchschnittskörpergewicht von 94 kg – besuchten zweimal für acht Tage das Stoffwechsellabor des Instituts. Bei jedem Besuch bekamen die Probanden zunächst über fünf Tage eine ausgewogene Diät, die das Körpergewicht stabilisierte.

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An den folgenden drei Tagen wurden allen Probanden vor dem Frühstück für 40 Minuten zwei Elektroden auf der Kopfhaut befestigt. Eine Elektrode wurde über dem linken dorsolateralen präfrontalen Cortex platziert, wo die exekutiven Funktionen, sprich die Willensentscheidungen beheimatet sind. Die andere Elektrode wurde an einer beliebigen Stelle platziert.

Bei vier Probanden wurde eine tDCS durchgeführt. Die Untersucher leiteten einen Gleichstrom von 2 Milliampère durch das Gehirn. Bei dem ersten Besuch wurde die Kathode über der Zielregion platziert, beim zweiten Besuch war es die Anode. Die anderen fünf Probanden erhielten, ohne dass sie oder die Untersucher dies wussten, nur eine Scheinbehandlung.

Wie Gluck und Mitarbeiter berichten, erzielte nur die anodale Gleichstrombehandlung eine Wirkung. Dies entspricht einer Vorhersage der Neurophysiologen, nach der die anodale Stimulation die Erregbarkeit der Nervenzellen erhöht, die kathodale Stimulation sie dagegen vermindert.

Die Wirkung bestand darin, dass die Probanden mit aktiver tDCS, obwohl sie sich in den letzten drei Tagen des Aufenthaltes am Verkaufsautomaten nach Belieben mit Nahrungs­mitteln versorgen konnten, am Tag 700 Kilokalorien weniger zu sich nahmen als die Teilnehmer mit ausgeschalteter tDCS. Der Unterschied war statistisch signifikant. Die Teilnehmer nahmen während der drei Tage auch durchschnittlich 0,8 Pfund an Körpergewicht ab. Die Unterschiede waren hier allerdings nicht signifikant.

Die Ergebnisse zeigen, dass der linke dorsolaterale präfrontale Cortex die Nahrungs­aufnahme und damit möglicherweise auch die Fettleibigkeit beeinflusst. Ob damit langfristig eine klinisch relevante Gewichtsabnahme zu erzielen ist, müssen weitere Studien zeigen./rme

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/oby.21313/abstract|Abstract der Studie in Obesity
http://www.nih.gov/news-events/news-releases/brain-stimulation-limits-calories-consumed-adults-obesity|Pressemitteilung der National Instituts of Health
http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Klinik-und-Poliklinik-fuer-Psychiatrie-und-Psychotherapie/de/forschung/tms/schwerpunkte/tdcs.html|Hintergrund zum Verfahren

© rme/aerzteblatt.de

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