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Medizin

Bandwurm mutiert im HIV-Patienten zum Krebs

Donnerstag, 5. November 2015

Atlanta – Der Zwergbandwurm, weltweit einer der häufigsten Darmparasiten, hat in einem HIV-Patienten mit extremer Immunschwäche eine systematische Infektion erzeugt, die laut einem Bericht im New England Journal of Medicine (2015; 373: 1845-1852) für den Pathologen nicht von einem malignen Tumor zu unterscheiden war. Nur ein Einzelfall?

Der 41-jährige Mann aus Kolumbien hatte sich mit Fatigue, Husten und Gewichtsverlust beim Arzt vorgestellt. Der Patient wusste seit 2006 von seiner HIV-Infektion, hatte aber zuletzt seine Medikamente nicht eingenommen. Sein CD4-Wert war auf 28 Zellen/mm3 abgefallen. Die Viruslast war auf 70.000 Kopien/m angestiegen. Bei der Stuhlunter­suchung wurde Hymenolepis nana nachgewiesen, weshalb der Patient mit drei Dosen Albendazol behandelt wurde. Gleichzeitig wurde die antiretrovirale Therapie wieder aufgenommen.

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In der Computertomographie wurden zahlreiche Lungenknoten in der Größe von 0,4 bis 4,4 cm gefunden. Leber und Nebennieren waren ebenfalls befallen und die Lymph­knoten in Hals, Mediastium und Abdomen waren vergrößert. In zwei Biopsien aus Halslymphknoten- und Lungenherd fanden die Pathologen Nester aus undifferenzierten Zellen, die alle Anzeichen eines malignen Tumors zeigten. Die Zellen zeigten ein ungeordnetes Wachstum mit gleichgestalteten stammzellartigen Zellen. Die Pathologen fanden veränderte Zellkerne, zahlreiche Mitosen und eine Invasion der angrenzenden Lymph- und Blutgefäße.

Auf der Suche nach dem Ursprung der Krebszellen führten die Pathologen immunhistochemische Färbungen durch. Sie ergaben, dass die Zellen nicht menschlichen Ursprungs waren. Die Ergebnisse deuteten vielmehr darauf hin, dass es sich um parasitäre Zellen handelte. Die Polymerasekettenreaktion führte dann zum Nachweis von Genen von Hymenolepis nana.

Dass sich Parasiten wie Krebsgeschwulste im Körper ausbreiten können, ist nicht neu. Was Atis Muehlenbachs von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta und Mitarbeiter jedoch verblüffte, war die täuschende Ähnlichkeit mit menschlichen Krebszellen. In den Tumoren fehlte die für Bandwürmer typische architektonische Anordnung der Zellen.

Die Analogie zum Krebswachstum bezieht sich auch auf die Gene. Die tiefe Sequen­zierung ergab, dass das Erbgut der Tumorzellen zahlreiche Mutationen aufwies und zwar in einer Form, wie sie auch für menschliche Krebszellen typisch sind. 

Muehlenbachs vermutet, dass es sich bei den Tumorzellen um Stammzellen aus den Larven handelt, die aus dem Darm in den Körper übergetreten sind und sich daraufhin aufgrund der Immunschwäche ungestört ausgebreitet haben. Dabei haben sich, ähnlich wie bei menschlichen Krebserkrankungen, somatische Mutationen angehäuft. Sie verhinderten, dass sich die Zellen zu Parasiten formieren konnten und begünstigen möglicherweise das inflitrative Wachstum.

Da die Zellen mit konventionellen pathologischen Anfärbungen nicht von Krebszellen unterschieden werden können, ist die Erkrankung nach Ansicht Muehlenbachs möglicherweise kein Einzelfall. Immerhin sind in einigen Entwicklungsländern bis zu 25 Prozent der Kinder mit Hymenolepis nana infestiert. Eine andere, eher akademische Frage ist, ob die zum Krebs transformierten Parasiten übertragbar sind. Dies ist bei menschlichen Krebszellen in der Regel nicht der Fall. © rme/aerzteblatt.de

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