Politik

Experten: Kinderkliniken sind in desolater Situation

Donnerstag, 5. November 2015

Berlin – Der Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland geht es gut. Dieses Ergebnis der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS-Studie) des Robert Koch-Instituts bestätigte gestern Karl-Josef Eßer von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin bei einer öffentlichen Sitzung der Kinderkommission des Deutschen Bundestags.

Eine große Herausforderung stelle aber die Arzneimittelsicherheit für Kinder und Jugendliche dar: 50 Prozent der Arzneimittel, die bei Kindern eingesetzt werden, seien für die Altersgruppe nicht geprüft oder außerhalb der Zulassung verwendet worden. Eltern müssten oft vorab unterschreiben, dass sie mit der ungeprüften Verabreichung der Arzneimittel einverstanden seien: „Das ist ein unhaltbarer Zustand“, kritisierte Eßer.

Anzeige

Medikamente werden Kindern oft nicht richtig verabreicht
Diesen Zustand monierte auch der Fachapotheker Thilo Bertsche von der Universität Leipzig: „Eltern und Krankenschwestern werden oft kreativ, öffnen die Kapseln oder lösen das Medikament in Wasser auf, um es Säuglingen besser verabreichen zu können.“ Aufgrund dieser geänderten Verabreichungsform seien die Arzneimittel oft nicht richtig wirksam.

„Die Apotheker müssen hier diese Lücke schließen“, erklärte Bertsche, da für Kinder deshalb oft individuell angefertigte Rezepturen in der Apotheke hergestellt werden müssen.

Medikationsfehler, bei zum Beispiel inhalierbaren Arzneimitteln, könnten verhindert werden durch spezielle Schulungen für Kinder und ihre Eltern. Bertsche stellte außerdem fest, dass nur 15 Prozent der befragten 1.243 Lehrer bereit seien, den Kindern und Jugendlichen Notfallarzneimittel ohne Einschränkungen zu verabreichen.

„Kinderkliniken systematisch unterfinanziert“
Eine weitere Problematik sahen die Experten in der desolaten Situation der Kinderkliniken aufgrund systematischer Unterfinanzierung. Die Kinderkliniken entsprächen nicht dem Durchschnitt der stationären Versorgung, kritisierte Eßer. Weniger Kinderkliniken führten zu weniger ausgebildeten Kinderärzten und dadurch auch nicht zu einer flächendeckenden Versorgung in Deutschland.

Reinhard Berner, Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden, fügte hinzu, dass zum Beispiel zu früh geborene Kinder nur in speziellen Intensivstationen überleben könnten. „Wichtig ist, dass sie nicht nur überleben, sondern gesund überleben“, so Berner.

„Acht von neun Kindern überleben eine Krebserkrankung“
Die Finanzierung der Einrichtungen und Forschung der Kindermedizin sei daher essenziell, betonte Berner: „Heute überleben acht von neun Kindern eine Krebserkrankung. Vor dreißig Jahren wären alle gestorben.“ Den Grund dafür sieht Berner nicht in der modernen Technik oder in neuen Medikamenten, sondern in der Behandlung der Kinder in klinischen Studien.

Nach Artikel 24 der UN-Kinderrechtskonvention haben alle Kinder „ein Recht auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit sowie auf Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Behandlung von Krankheiten und zur Wiederherstellung der Gesundheit“.

© hib/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

22.02.17
Berlin – Geburt, Prostataerkrankungen oder Wechseljahre können die Blase schwächen. Hierzulande sind fast neun Millionen Menschen betroffen, Frauen häufiger als Männer. Viele von ihnen klagen, dass......
16.02.17
Berlin – Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat ein Verbot für TV-Spots gefordert, die sich an Kinder richten und in denen für hochkalorische, übergewichtsfördernde Lebensmittel geworben wird.......
15.02.17
Kinder aus suchtbelasteten Familien benötigen besondere Unterstützung
Berlin – Etwa 2,65 Millionen Kinder in von Sucht betroffenen Familien leben in Deutschland. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) hat ihre Unterstützung und Förderung zu......
14.02.17
Kompromissvorschlag für die Ausbildungsreform in der Pflege
Berlin – Die Debatte um die Zukunft der Pflegeausbildung in Deutschland hält an. In einem offenen Brief haben jetzt 33 Organisationen um die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)......
09.02.17
TV-Reklame erhöht den Wunsch nach Ungesundem bei Kindern
Bremen/Brüssel – TV-Reklame erhöht bei Kindern den Konsum von zucker- und fettreichen Lebensmitteln. Das belegt eine europäische Langzeitstudie mit rund 10.000 Kindern aus acht Ländern, darunter auch......
06.02.17
Potsdam/Cottbus – Pflaster auf die Wunde und Erstversorgung bei Unfällen: An 20 Schulen in Brandenburg stehen mit Wochenbeginn Schulkrankenschwestern zur Verfügung. Die examinierten Gesundheits- und......
31.01.17
Mainz – Experten aus der Sozial- und Familienarbeit haben im rheinland-pfälzischen Landtag unterschiedliche Akzente zur Überwindung der Kinderarmut gesetzt. Die Vorschläge reichen von der......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige