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Ärzteschaft

Arbeitsbelastung beeinträchtigt Gesundheit der Ärzte

Donnerstag, 5. November 2015

dpa

Berlin – Viele Krankenhausärzte sind körperlich und seelisch überlastet. Das geht aus dem „MB-Monitor 2015“ hervor, für den der Marburger Bund (MB) seine Mitglieder zu ihrer Arbeitsbelastung befragt hat. Etwa 4.000 Mitglieder des MB haben sich an der Umfrage beteiligt. 72 Prozent von ihnen gaben an, dass die Gestaltung ihrer Arbeitszeiten sie in ihrer Gesundheit beeinträchtige, zum Beispiel in Form von Schlafstörungen oder häufiger Müdigkeit. 59 Prozent fühlen sich zudem durch ihre Tätigkeit häufig psychisch belastet. Und 77 Prozent gaben an, dass die Arbeit sie so stark in Anspruch nehme, dass dadurch ihr Privat- und Familienleben leide.

Trotz Arbeitszeitgesetz liegen die Arbeitszeiten der meisten Ärzte über der im Gesetz festgelegten Höchstgrenze von durchschnittlich 48 Stunden. So erklärte fast die Hälfte der Ärzte, zwischen 49 und 59 Stunden pro Woche zu arbeiten, inklusive aller Dienste und Überstunden. Jeder Fünfte gab zudem an, 60 bis 79 Stunden pro Woche zu arbeiten. Dabei geht der Wunsch in eine andere Richtung: 90 Prozent der Ärzte wollen der Umfrage zufolge weniger als 48 Stunden arbeiten.

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Jeder zweite Arzt erwägt, seinen jetzige Tätigkeit aufzugeben
„Die Ergebnisse des MB-Monitors legen nahe, dass der ökonomische Druck in den Krankenhäusern zu einer hohen Arbeitsbelastung und zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit der Ärzte führt“, resümierte der 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, heute bei der Präsentation der Umfrage in Berlin zusammen.  

Die Zahlen machten die große Diskrepanz zwischen der beruflichen Anforderung und der personellen Ausstattung in den Kliniken deutlich. „Für dieses Missverhältnis sind vor allem die Bundesländer verantwortlich, die seit Jahren ihren Investitionsverpflichtungen nur sehr unzureichend nachkommen“, kritisierte Henke. Dies führe dazu, dass vielfach Betriebsmittel, die eigentlich für die Patientenversorgung und das Krankenhauspersonal vorgesehen seien, für dringende bauliche Maßnahmen verwendet würden.

Die hohe Arbeitsbelastung führt auch dazu, dass viele Krankenhausärzte mit ihren Arbeitgebern nicht zufrieden sind: Fast die Hälfte der Befragten machte diese Angabe. Ebenfalls knapp die Hälfte erwägt sogar, ihre jetzige Tätigkeit aufzugeben. Ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit ist, dass über zwei Drittel der Ärzte meinen, nicht genug Zeit für die Behandlung ihrer Patienten zu haben.  

Fast die Hälfte der Chefärzte haben Verträge mit ökonomischen Zielgrößen
Im Krankenhausstrukturgesetz (KHSG), das der Bundestag heute verabschiedet hat, soll jede Art von Zielvereinbarungen in Verträgen mit leitenden Ärzten verboten werden, die zu finanziell begründeten Mengenausweitungen führen. Diese Regelung war auf Druck der Ärzteschaft in das Gesetz aufgenommen worden. Wie notwendig sie ist, zeigt ein weiteres Ergebnis des MB-Monitors. So gaben 45 Prozent der Chefärzte an, dass ihre Verträge ökonomische Zielgrößen enthalten.

Dazu passend hat der MB auch die Frage gestellt, ob sich die Ärzte durch ökonomische Erwartungen, die ihr Arbeitgeber an sie heranträgt, in ihrer ärztlichen Diagnose- und Therapiefreiheit beeinträchtigt fühlen. Neun Prozent beantworteten diese Frage mit „Ja, fast immer“, 30 Prozent mit „Ja, häufig“ und 34 Prozent mit „Manchmal“.

Immer mehr Krankenhäuser erfassen die Arbeitszeit elektronisch
Der MB-Monitor zeigt auch, wie sich die Krankenhäuser bei der Erfassung der Arbeitszeiten bewegt haben. So teilten 44 Prozent der Ärzte im aktuellen Monitor mit, dass ihre Arbeitszeit elektronisch erfasst wird. Im Jahr 2007 lag dieser Anteil noch bei 26 Prozent, im Jahr 2010 bei 36 Prozent. Diese Entwicklung zeige, dass die tarifpolitischen Bemühungen des Marburger Bundes, die Arbeitgeber zu einer systematischen Erfassung sämtlicher Arbeitszeiten zu bewegen, zunehmend Wirkung entfalten, so der MB.

Inwieweit die dokumentierte Arbeitszeit jedoch vollständig vergütet werde, stehe auf einem anderen Blatt. Denn 28 Prozent der befragten Ärzte gaben an, dass ihre Überstunden weder überwiegend vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen wurden. Als Folge würden jährlich  schätzungsweise 15,4 Millionen Überstunden geleistet werden, die weder bezahlt oder mit Freizeit ausgeglichen würden, meint der MB.

„Das Thema Investitionskostenfinanzierung bleibt auf der Agenda“
„Die Situation in den Krankenhäusern soll nun mit dem Krankenhausstrukturgesetz verbessert werden“, sagte Henke. „Bei den Betriebskosten haben die Kranken­häuser auch wirklich etwas erreicht. Das ist finanziell ertragreich, auch, wenn man bedenken muss, dass die 500 Millionen Euro für den geplanten Pflegezuschlag den Krankenhäusern nicht zusätzlich gezahlt werden, sondern als Ersatz für den wegfallenden Versorgungszuschlag. Hier fließt also genauso viel Geld wie vorher.“

Leider ändere dieses Gesetz aber nichts daran, dass die Länder ihren Investitions­verpflichtungen nicht nachkommen. Damit werde sich der MB jedoch nicht zufrieden­geben. Auch nach der Verabschiedung des KHSG bleibe das Thema auf der Agenda. Dass es anders gehe, zeige das Beispiel Baden-Württemberg. „Das Land hat die Investitionskosten um 30 Prozent erhöht“, so Henke. „Man sieht also: Es geht, wenn der politische Wille dafür vorhanden ist.“

MB-Haupt­ver­samm­lung findet morgen und übermorgen in Berlin statt
Morgen und übermorgen wird der Marburger Bund in Berlin seine Haupt­ver­samm­lung abhalten. Neben dem KHSG, dem Tarifeinheitsgesetz und der geplanten Reform des Medizinstudiums wird das Hauptthema der Versammlung der Gesundheitsschutz von Ärzten sein. © fos/aerzteblatt.de

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