NewsMedizinGrößere Ausgaben für Versorgung reduzieren Klagehäufigkeit
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Größere Ausgaben für Versorgung reduzieren Klagehäufigkeit

Dienstag, 10. November 2015

Boston – Ärzte in den USA, die große finanzielle Ressourcen für Diagnostik und Behandlung ihrer Patienten aufwenden, werden laut einer Studie im British Medical Journal seltener für Behandlungsfehler verklagt als Kollegen mit weniger Mitteln (doi: 10.1136/bmj.h5516).

Die Forscher um Anupam Jena an der Harvard Medical School vermuten, dass dies möglicherweise auf eine verstärkte sogenannte Defensivmedizin zurückzuführen ist. Darunter verstehen die Autoren eine Behandlungspraxis, bei der ein Teil der Unter­suchungen nur zur rechtlichen Absicherung der behandelnden Ärzte durchgeführt wird. In den USA spielt die rechtliche Absicherung medizinischer Behand­lungs­maß­nahmen eine erhebliche Rolle für den Berufsalltag der Ärzte.

Eine frühere Studie der Harvard Medical School zeigte beispielsweise, dass 93 Prozent der befragten Ärzte Defensiv­medizin praktizieren und 92 Prozent diagnostische Tests und Überweisungen anord­neten, die sie aus medizinischer Sicht als nicht notwendig erachteten. Bei den nicht notwendigen diagnostischen Maßnahmen machten die bildgebenden Verfahren mit 43 Prozent den größten Anteil aus (doi:10.1001/jama.293.21.2609).

Anzeige

Diese kosten- und zeitintensiven Maßnahmen sind im Interesse der Patienten und der behandelnden Ärzte eigentlich möglichst zu vermeiden. Große finanzielle Ressourcen könnten Ärzte jedoch dazu verführen, häufiger defensivmedizinische Maßnahmen zu ergreifen. Die Forscher wollten in ihrer Studie untersuchen, ob Ärzte die größere Mittel zur Untersuchung aufwenden, seltener von ihren Patienten wegen Kunstfehlern verklagt werden.

Das Team um Jena untersuchte wie häufig Ärzte, die mehr Geld für Diagnostik und Behandlung einsetzten, verklagt wurden, gegenüber Kollegen mit niedrigen Ausgaben. Sie werteten dazu Daten von rund 24.000 Ärzten aus, die in Florida zwischen 2000 und 2009 fast 19 Millionen Patienten behandelten. Die Forscher analysierten auch, ob Gynäkologen, die häufiger Kaiserschnitte durchführten, im kommenden Jahr mit weniger Klagen zu rechnen hatten.

Insgesamt kam es zu 4.342 Anklagen wegen Behandlungsfehlern. Der Anteil der Klagen schwankte zwischen 1,6 Prozent pro Arztjahr bei den Pädiatern und 4,1 Prozent bei den Chirurgen und Gynäkologen. Durchschnittlich lag die Klagerate bei 2,8 Prozent pro Arztjahr.

Bei allen Fachrichtungen zeigte sich, dass Ärzte, die mehr finanzielle Mittel aufwandten, seltener verklagt wurden. So betrug das Klagerisiko für einen Internisten, der pro Aufnahme Kosten von 19.725 Dollar aufwandte, 1,5 Prozent, gegenüber 0,3 Prozent Klagerisiko für Internisten bei denen Kosten von 39.379 Dollar pro Aufnahme entstanden.

Für Gynäkologen, die häufiger Kaiserschnitte durchführten, sank das Klagerisiko ebenfalls deutlich. Laut der Forscher sei durch die Studie nicht eindeutig zu belegen, dass der Zusammenhang zwischen erhöhten Kosten und Klagerisiko durch defensivmedizinische Maßnahmen zustanden gekommen ist. Dennoch könnte dies nach Ansicht der Wissenschaftler eine plausible Erklärung sein, die in künftigen Studien überprüft werden müsse.

© hil/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

16. Oktober 2019
München – Die Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer (BLÄK) hat sich gegen die Kommerzialisierung der medizinischen Versorgung im ambulanten und stationären Bereich ausgesprochen. BLÄK-Präsident Gerald
Bayerischer Ärztetag schließt sich Appell gegen Kommerzialisierung der Medizin an
15. Oktober 2019
Köln – Vor Lücken in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen wegen des Spardrucks, der auf Kinderkliniken lastet, hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) gewarnt. „In der
Spardruck auf Kinderkliniken gefährdet Versorgung
30. September 2019
Manchester – Pünktlich zum Tory-Parteitag hat die britische Regierung eine Finanzspritze in Höhe von 13 Milliarden Britischen Pfund (14,6 Milliarden Euro) für 40 Krankenhäuser angekündigt. Mit dem
Britische Regierung kündigt Finanzspritze für Krankenhäuser an
27. September 2019
London – Ein Bericht des britischen Rechnungshofs (Financial Audit Office) hat erneut Zweifel aufkommen lassen, ob Großbritannien für einen ungeregelten EU-Austritt am 31. Oktober vorbereitet ist. Die
Britische Behörde warnt vor Medikamentenengpässen bei No-Deal-Brexit
26. September 2019
Hamburg – 215 Ärzte forderten in einem Ärzte-Appell, den der Stern Anfang September veröffentlichte, eine radikale Reform des Krankenhauswesens: „Rettet die Medizin!“ Viele bedeutende Organisationen
Online-Petition gegen Ökonomisierung des Gesundheitswesens
16. September 2019
Darmstadt – Der Chemie- und Pharmakonzern Merck rüstet sich für einen ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens. „Wir haben unsere lokalen Arzneilager für den Fall eines ungeordneten Brexits
Sorge vor ungeordnetem Brexit: Merck stockt Arzneimittellager auf
6. September 2019
Hannover – Der Marburger Bund (MB) Niedersachsen befürwortet den Ärzte-Appell „Medizin für Menschen – Gegen das Diktat der Ökonomie in unseren Krankenhäusern“, der gestern im Stern erschienen ist.
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER