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Politik

Kliniken müssen Alkoholkranke unter Umständen auf die Straße setzen

Dienstag, 17. November 2015

Kassel -  Die Krankenkassen müssen den Klinikaufenthalt eines Alkoholkranken nicht länger bezahlen, wenn die medizinische Behandlung abgeschlossen ist. Das gilt auch, wenn kein Platz in einer Nachsorgeeinrichtung frei ist, wie am Dienstag das Bundessozialgericht (BSG) in Kassel entschied. (Az: S 35 KR 220/12)

Für die nachstationäre Betreuung alkoholabhängiger Menschen ist je nach Fall die Sozialhilfe oder die Rentenversicherung zuständig. Mit dem Kasseler Urteil geraten die Träger nun deutlich unter Druck, ausreichend Nachsorgeplätze zu schaffen, damit unbetreute Alkoholkranke nicht auf der Straße landen und vermehrt rückfällig werden.

Im entschiedenen Fall hatte ein Krankenhaus im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt mehrfach einen alkoholkranken Patienten behandelt. Dabei blieb der Mann teilweise auch in dem Krankenhaus, ohne dass dies medizinisch noch notwendig war. Das Krankenhaus machte geltend, es habe keine freien Plätze in einer geeigneten Betreuungseinrichtung gegeben. Im Rahmen des „Versorgungsmanagements“ habe sich das Krankenhaus verantwortlich gefühlt, unnötige Rückfälle zu vermeiden.

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Für nach Überzeugung der Krankenkasse elf überflüssige Kliniktage strich die Kasse dem Krankenhaus 11.250 Euro von der Rechnung. Das Risiko fehlender Unterbringungsmöglichkeiten müssten die Krankenkassen nicht tragen.

Das BSG gab nun der Krankenkasse recht. Sie müsse nur Behandlungen bezahlen, die „medizinisch erforderlich" sind. Das sei nicht der Fall, wenn Alkoholkranke in einem Krankenhaus bleiben oder dort wieder aufgenommen werden, nur weil es an anderweitigen Betreuungseinrichtungen fehlt. © afp/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Montag, 30. November 2015, 01:58

Schnittstellenproblem

Im Gegensatz etwa zur "geriatrischen Frührehabilitation", die einer geriatrischen AHB vorausgeht, ist die Rehabilitation Suchtkranker Sache der Rentenversicherung bzw der "überörtlichen Sozialhilfe".
Nach der Akutentgiftung ist der Patient ja formal wieder gesund und selbst dafür verantwortlich, wenn er bis zum Entwöhnungsbeginn nicht abstinent bleibt - perfide Missachtung des Wesens der Suchtkrankheiten.
Avatar #605395
BlueIkarus
am Mittwoch, 18. November 2015, 21:00

Konsequenzen tragen wahrscheinlich die Betroffenen und die Krankenhäuser

Sie schreiben, "mit dem Kasseler Urteil geraten die Träger nun deutlich unter Druck, ausreichend Nachsorgeplätze zu schaffen." Ich denke jedoch nicht, dass die Träger durch das Urteil unter Druck geraten, denn es sanktioniert ausschließlich die Krankenhäuser, die auf den Kosten für verlängerte stationäre Aufenthalte sitzenbleiben werden.

Solche Plätze werden übrigens meist von politisch oder helferisch motivierten Vereinen oder Organisationen bereitgestellt. Welche Zahl solcher Nachsorgeplätze in einem Kreis vorgehalten wird, ob es sich etwa um "trockene" Plätze handelt oder nicht, oder um offene oder geschlossene Einrichtungen, das entscheiden die Träger zusammen mit den Organisationen. Die Krankenhäuser und Vertragsärzte sind an einer solchen Planung nicht beteiligt, obwohl fachlich in der Lage. Im Gegenteil müssen die Krankenhäuser eine je nach Nachsorge-Landschaft notwendige Versorgung leisten, und ich bezweifle, dass die Krankenhausplanung darauf abgestimmt ist.

Sofern ein schwer rückfallgefährdeter alkoholabhängiger Patient mit einer (vollstationären) Nachsorge überhaupt einverstanden ist, muss die geeignete Einrichtung vorhanden sein und die Kostenübernahme genehmigt werden. Das Problem liegt damit teilweise auch in der wirklich komplexen Konstellation einer Abhängigkeitserkrankung, auf die wohl weder die Psychiatrien, noch die Träger eine wirklich wirksame Antwort haben.
Avatar #605395
BlueIkarus
am Mittwoch, 18. November 2015, 20:46

Nachsorge

"Mit dem Kasseler Urteil geraten die Träger nun deutlich unter Druck, ausreichend Nachsorgeplätze zu schaffen."

Ich denke nicht, dass die Träger durch das Urteil unter Druck geraten, denn es sanktioniert ausschließlich die Krankenhäuser, die auf den Kosten für verlängerte stationäre Aufenthalte sitzenbleiben.

Solche Plätze werden übrigens meist von politisch oder helferisch motivierten Vereinen oder Organisationen bereitgestellt. Welche Zahl solcher Nachsorgeplätze in einem Kreis vorgehalten wird, ob es sich etwa um "trockene" Plätze handelt oder nicht, oder um offene oder geschlossene Einrichtungen, das entscheiden die Träger zusammen mit den Organisationen. Die Krankenhäuser und Vertragsärzte sind an einer solchen Planung nicht beteiligt, obwohl fachlich prädestiniert. Im Gegenteil müssen die Krankenhäuser eine je nach Nachsorge-Landschaft notwendige Versorgung leisten, und ich bezweifle, dass die Krankenhausplanung darauf abgestimmt ist.

Sofern ein schwer rückfallgefährdeter alkoholabhängiger Patient mit einer (vollstationären) Nachsorge überhaupt einverstanden ist, muss die geeignete Einrichtung vorhanden und die Kostenübernahme genehmigt worden sein. Das Problem liegt zumindest teilweise auch in der wirklich komplexen Konstellation einer Abhängigkeitserkrankung, auf die wohl weder die Psychiatrien, noch die Träger eine wirklich wirksame Antwort haben.
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