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Ärzteschaft

Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus

Freitag, 20. November 2015

Ausgezeichnet durch den Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer: Bernd Höffken, Sascha Topp und Gisela Tascher (von links nach rechts)

Berlin – Bereits zum fünften Mal wurde am 20. November in Berlin, dieses Mal in den Räumen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus verliehen. Der Blick auf die ausge­zeichneten Forschungsarbeiten macht deutlich, dass auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einem steten Wandel unterliegt und nunmehr der Blick sich verstärkt auch auf die Kontinuitäten nach 1945 richtet.

Der Forschungspreis, in diesem Jahr erstmals benannt nach Herbert Lewin, wird alle zwei Jahre gemeinsam ausgeschrieben vom Bundesministerium für Gesundheit, von der Bundes­ärzte­kammer, der Bundeszahnärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die Ausschreibung richtet sich an Ärztinnen und Ärzte sowie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen medizinischer Einrichtungen.

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Der Name von Herbert Lewin stehe exemplarisch für die Diffamierung und Verfolgung der Juden in der NS-Zeit, verweise aber auch auf eine fortgesetzte Diskriminierung nach 1945, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery, bei der Preisverleihung. Herbert Lewin (1899–1982), dessen Habilitationsschrift bereits 1932 aus antisemitischen Gründen abgelehnt wurde, der als Häftlingsarzt in verschiedenen Konzentrationslagern das Kriegsende überlebte, wurde 1949 zunächst die Berufung zum Direktor der Frauenklinik in Offenburg mit der Begründung verweigert, keine Frau könne sich ihm, dem das Rachegefühl eines KZ’lers innewohne, mit ruhigem Gewissen anvertrauen.

Auch die Zeit nach 1945 und die Genese des Nationalsozialismus in den 1920er Jahren in den Blick gefasst zu haben, ist einer der Gründe dafür, dass die Jury den mit 7.500 Euro dotierten 1. Preis an Gisela Tascher für ihre Regionalstudie „Staat, Macht und ärztliche Berufsausübung 1920–1956. Gesundheitswesen und Politik: Das Beispiel Saarland“ vergab.

Hier werde beispielhaft und auf hohem wissenschaftlichem Niveau der Blick nicht nur auf Brüche, sondern auch auf Kontinuitäten, sowohl in den Strukturen als auch im personellen Bereich, gerichtet, heißt es in der Bewertung der Jury. Beleuchtet würden die jeweiligen gesetzlichen Rahmenbedingungen für die ärztliche Berufsausübung sowie die Rolle der ärztlichen Standesvertretungen in unterschiedlichen politischen Kontexten einschließlich der Karrieren führender Standesvertreter.

Der mit 2.500 Euro dotierte 2. Preis wurde zweimal vergeben. Sascha Topp geht in seiner wissenschaftlichen Studie „Geschichte als Argument in der Nachkriegsmedizin – Formen der Vergegenwärtigung der nationalsozialistischen Euthanasie zwischen Politisierung und Historiographie“ der Frage nach, wie innerhalb der medizinischen Profession die NS-Medizinverbrechen historiographisch dargestellt und Teil der Erinnerungskultur wurden - insbesondere mit Blick auf die Entwicklung der Ethik in der Medizin in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945.

So erfahre der Leser, urteilt die Jury, „wie es um das ,kollektive Gedächtnis‘ im Zusammenhang von Erinnerung an die mit ärztlicher Beteiligung erfolgte Ermordung von über 300.000 psychisch erkrankten oder geistig und körperlich beeinträchtigten Opfern steht“.

Deutsch-Israelische Kooperation: Die richtige Zeit, zusammenzukommen

Erstmals haben die Vorstände von Bundes­ärzte­kammer und Israeli Medical Association gemeinsam getagt. Das Treffen war von großer Herzlichkeit geprägt. Ohne die Vergangenheit unter der NS-Diktatur auszublenden, setzt man für die Zukunft auf gute Zusammenarbeit. Die Atmosphäre im Sitzungssaal der Bundes­ärzte­kammer am Berliner Herbert-Lewin-Platz ist sonst eher nüchtern.

Gleichfalls mit dem 2. Preis ausgezeichnet wurde PD Dr. med. Bernd Höffken für seine biografisches Forschungsarbeit „Schicksale jüdischer Ärzte aus Nürnberg nach 1933“. Beindruckend sei hier, urteilt die Jury, die akribische Vorgehensweise, mit der systematisch die Schicksale und Lebensdaten von 133 jüdischen Ärzten in Nürnberg – der Stadt der Reichsparteitage – mit Empathie und der gebotenen wissenschaftlichen Gründlichkeit aufgearbeitet würden. Damit werde allen damals ausgegrenzten, verfolgten oder ermordeten Ärzten, die aus Nürnberg stammen, ein bleibendes Denkmal im Sinne des biblischen Yad Vashem gesetzt.

Interview mit Dr. Leonid Eidelman, Präsident der Israeli Medical Association und Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer: „Das ist ein historisches Ereignis“

Mit ihrer gemeinsamen Erklärung wollen die Ärzteorganisationen Deutschlands und Israels ein neues Kapitel ihrer Zusammenarbeit aufschlagen. Die Präsidenten über das schwere Erbe der Vergangenheit, wie sich die Welt verändert hat und dass Freundschaft möglich ist.

Montgomery verwies in diesem Kontext auf die historische Bedeutung des Treffens von Bundes­ärzte­kammer und Israeli Medical Association vor wenigen Monaten in Berlin. In der gemeinsamen Erklärung werde auf die Schuld und die Verstrickung der deutschen Ärzteschaft in der NS-Zeit hingewiesen. Ernst nehmen müsse man auch die Sorgen der Juden hierzulande vor dem Antisemitismus vieler Zuwanderer aus islamischen Ländern. „Willkommenskultur bedeutet auch, deutlich zu machen, dass es religiösen Fanatismus bei uns nicht geben darf“, betonte Montgomery. © TG/aerzteblatt.de

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