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Medizin

Behandlungszentren in Europa übersehen jede zweite HIV-Infektion

Dienstag, 24. November 2015

HI-Viren

Kopenhagen - In vielen Kliniken, vor allem in Nordeuropa, wird Patienten mit Krank­heiten, die auf eine mögliche HIV-Infektion hinweisen, kein HIV-Test angeboten. Laut einer Studie, die zeitgleich zur „European HIV-Hepatitis Testing Week“ (20. bis 27. November) in PLOS ONE (2015; doi: 10.1371/journal.pone.0140845) veröffentlicht wurde, könnte damit jede zweite HIV-Infektion übersehen werden.

In Europa werden HIV-Erkrankungen oft erst erkannt, wenn der CD4-Wert bereits deutlich abgefallen ist. Viele Patienten fallen durch sogenannte Indikatorkrankheiten auf, die Folge der lavierenden Immunschwäche sind. Die „HIV Indicator Diseases Across Europe Study“ (HIDES) hat an 23 europäischen Zentren überprüft, wie häufig Patienten mit sechs Indikatorkrankheiten in der Praxis ein HIV-Test angeboten wird.

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Die Indikatorkrankheiten waren Tuberkulose, Non-Hodgkin-Lymphom, Anal- und Zervixkarzinom, eine Virushepatitis (B oder C) sowie die ösophageale Candidose. Bei allen Patienten mit diesen Erkrankungen raten die Leitlinien dringend, einen HIV-Test durchzuführen.

Dennoch musste das Team um Jens Lundgren vom Rigshospitalet in Kopenhagen feststellen, dass an den Zentren nur 72 Prozent der Patienten (Interquartilsabstand 32-97 Prozent) das Angebot eines Tests gemacht wurde. Besonders niedrig war die Rate in Nordeuropa mit median 44 Prozent (IQR 22-68 Prozent), während in Osteuropa median 99 Prozent (86-100 Prozent) ein Test angeboten wurde. In allen Regionen nahmen übrigens fast alle Patienten das Angebot an und ließen sich testen.

Dass gerade in Nordeuropa häufig auf ein Testangebot verzichtet wurde, dürfte mit der sehr geringen Prävalenz von HIV-Erkrankungen zusammenhängen. Nur 0,4 Promille der durchgeführten Tests waren positiv. In Osteuropa, wo die Ärzte das höchste Problem­bewusstsein hatten, lag der Anteil der positiven Tests bei 1,2 Promille. In Zentraleuropa, wo 77 Prozent der Patienten der HIV-Test angeboten wurde, fiel dieser niemals positiv aus. Hier wurden deshalb nach den Berechnungen von Lundgren die wenigsten HIV-Infektionen übersehen. Auch in Osteuropa war die Situation günstig, weil fasst alle getestet wurden.

Die meisten übersehenen HIV-Infektionen gibt es derzeit in Ost- und Südeuropa. Auf diese beiden Regionen entfielen 99 von 105 übersehenen HIV-Infektionen. Lundgren setzt diese Zahl – sie ist eine Schätzung, da keine nachträglichen Tests durchgeführt wurden – mit der Zahl der tatsächlich diagnostizierten HIV-Infektionen, nämlich 113, in Beziehung und schließt daraus, dass an europäischen Zentren derzeit fast jede zweite HIV-Infektion bei Patienten übersehen wird, bei denen aufgrund einer Indikatorkrankheit ein Test eigentlich immer angeboten werden sollte. © rme/aerzteblatt.de

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